verdächtigen . Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie , und der Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwähltes Gesetz ; halte du deine Bestimmung fest , so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel , und ob ich eine Stunde lang oder wochenlang von dir fort bin , gilt gleichviel vor der Gewißheit der Erfüllung . Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird nicht ungeduldig . Auch mußt du dich beherrschen lernen , Caspar ; Fürstensöhne weinen nicht . « Es war mittlerweile dunkel geworden ; der Lord führte Caspar zum offenen Fenster und sprach bewegt : » Blick auf zum Himmel , Caspar , schau , wie die Sterne durch das Firmament brechen ! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen . « Mit Befriedigung bemerkte Stanhope , daß Caspar nachdenklich wurde und , feierlich gestimmt , sich der zügellosen Verzweiflung schämte , die keinen Zwang des Wechsels anerkennen , keine Zukunft gegen die beglückte Gegenwart in Kauf nehmen wollte . Es war , als spüre Caspar die höhere Notwendigkeit , welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander stickt ; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen , und der Damm , der den Strom der Sehnsucht hemmte , wurde eine Kraft der Seele ; die besiegte Leidenschaft adelt den Jüngling zum Mann . Fürstensöhne weinen nicht ; ein starkes Wort ; der leise Windhauch , der die Vorhänge bauschte , flüsterte es nach . Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte , daß er Eile habe , er wolle der Hitze wegen die Nacht durch fahren . Vor dem Wagen unten nahm er Abschied ; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken gefüllten Beutel ; er gebot ihm , damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehör zu leihen . Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund . Herr von Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte , daß Caspar ihm das Geld abliefere . Caspar weigerte sich wiederum , Herr von Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf , und er würde Gewalt angewendet haben , wenn nicht Caspar , eingeschüchtert durch Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen Freundes , klein beigegeben hätte . Doch verharrte er in dumpfer Auflehnung , und dies brachte Herrn von Tucher außer sich . » Ich werde dich aus dem Haus stoßen « , rief er , nicht mehr fähig , sich zu beherrschen , » ich werde deine Schande der Welt offenbaren ; man soll dich endlich kennenlernen , du Schlack ! « Caspar , betrübt und erregt , glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu sollen . » Ach , wenn das der Graf wüßte , der würde Augen machen ! « sagte er erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit , als ob es in der Macht des Grafen läge , jedes Unrecht zu sühnen . » Der Graf ? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig « , versetzte Herr von Tucher . » Wie oft hat er mir versichert , er habe dich zur Folgsamkeit und Treue ermahnt , habe dich himmelhoch gebeten , deinen Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben . Du aber mißachtest sein Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig . « Caspar erstaunte . Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts , eher vom Gegenteil ; er bestritt daher , daß der Lord dergleichen gesagt habe . Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner , woraus ersichtlich ist , daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies , um Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls hintanzuhalten . Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen . Herr von Tucher war des unerquicklichen Kampfes müde ; obwohl entschlossen , Caspar nicht länger zu behalten , verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur Rückkehr des Grafen . Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein der Enttäuschung ausgesetzt zu sein , folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nähe von Hersbruck , wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte . Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam , brauchte er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen ; er empfahl ihm fleißiges Eigenstudium , trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse , ließ ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem Abschied , die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des Hauses überlassend . Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide auf dem Kalender . Das lautlose Haus , die verödete Gasse , in der die Sonne brütete , ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden . Gesellschaft hatte er keine , Fremde , die noch immer zahlreich kamen , zahlreicher noch , seit die passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab , wurden nicht zugelassen , die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust . Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb ; da war ihm dann der Freund näher , es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende Ferne . Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das , was Stanhope ihm anvertraut zu vergessen , wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen . Aber aus seiner Art sie zu fassen , erhellte klar , daß er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte . Es war ein Märchen . Er verstand nicht den Bau der Ordnungen , nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen Gesellschaft . Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum : da wehten die Schauer unbekannter Sterne . Nur heimzugehen war sein Wunsch , dies Wort hatte Sinn und Kraft . Wehe , wenn er