sich . Ihre lieben Gesichter glänzten vor Freude über den sonderbaren , aber ganz gewiß herzlich willkommenen Gast , der sich in so höflicher und fehlerloser Weise zu ihnen setzte und schon bei den ersten Griffen nach Messer und Gabel verriet , daß sie sich seiner sicherlich nicht zu schämen brauchten . Uebrigens muß ich sagen , daß Omar zwar am liebsten auf arabische Weise , also mit den zehn Fingern , aß ; aber seit er bei mir war , hatte er gelernt , auch mit dem Besteck in der Weise umzugehen , als ob er das von Jugend auf nicht anders gewohnt sei . Die tiefe , ernste Feierlichkeit , welche dann jede seiner Handbewegungen charakterisierte , war für jeden Andern einfach unerreichbar . So auch hier ! Er saß in einer Haltung zwischen den Herrschaften , als ob nicht sie ihn , sondern er sie zu Gaste geladen habe , und benahm sich zwar sehr freundlich , aber dabei so gesetzt und würdevoll , daß es ihnen gewiß nicht einfallen konnte , ihn als den Beschenkten zu betrachten . Dem unverdorbenen Orientalen ist jene ungekünstelte Unnahbarkeit eigen , welche auch sein Land , nicht aber der Occident besitzt . Nur ich allein , der ich ihn genau kannte , konnte bemerken , daß es doch Etwas gab , was ihn genierte , und das war meine Anwesenheit . Darum beeilte ich mich , mit meinem Menu zu Ende zu kommen , und stand dann auf , um den Saal zu verlassen . Da erhob man sich auch an dem andern Tische . Der Kapitän und der General gaben mir die Hände , und ich gestehe aufrichtig , daß ich gerührt war , als mir die beiden Damen dann auch die ihrigen reichten . Die Menschen sind allüberall gut , wenn sie sich damit begnügen , nichts weiter sein zu wollen als eben nur - - - gute Menschen ! - - - Drittes Kapitel Die » Shen « Dem mit dem Dampfer nach dem Osten kommenden Reisenden treten hier in Penang zum ersten Male chinesische Gestalten , Formen und Gebräuche in der Weise entgegen , daß sein Auge von ihnen gefesselt wird . Er findet das , was er sieht , so überaus fremdartig , seinem gewohnten Fühlen und Denken so fern liegend , daß er sich unwillkürlich fragt , ob es ihm möglich sein werde , unter diesen neuen Eindrücken der Alte zu bleiben . Und er hat ein Recht , einen schwerwiegenden Grund zu dieser Frage , weil allen diesen Erscheinungen eine Lebensfülle , eine strotzende Kraft , eine überzeugende Selbstverständlichkeit innewohnt , durch welche die Ansicht , daß es sich um altersschwache , kranke Zustände handle , schon in den ersten Stunden arg erschüttert wird . Freilich , wer ein so groß , dick und fett gepflegtes Vorurteil mit sich bringt , daß sein klares , unparteiisches Urteil von diesem gefräßigen Behemoth vollständig verschlungen worden ist , der wird hier , an der Außenpforte der chinesischen Welt , nichts als den oberflächlichen Eindruck verspüren , daß er jetzt den ersten Schritt in das Land der Bizarritäten getan habe . Von den ersten Kinderschuhen an hat man durch alle Klassen der Volks- und höheren und höchsten Schulen über die Chinesen nichts Anderes gehört , als daß sie wunderlich gewordene , verschrobene Menschen seien , über welche die Weltgeschichte schon längst den Fluch der Lächerlichkeit ausgesprochen habe . In unzähligen Büchern , Zeitungen und sonstigen Veröffentlichungen wird dieses billige Urteil breiter und immer breiter getreten ; man atmet es ein ; man schluckt es hinunter ; es wird mit in Chymus und Chylus verwandelt ; es geht auf die Knochen , in Fleisch und in Blut über und bildet ein so unausrottbares Bestandteil unserer geistigen Existenz , daß wir gar nicht auf den Gedanken kommen , zu fragen , ob es ein wahres und also berechtigtes sei . Ich erlaube mir , meinem Gedankengange durch die Bemerkung vorauszugreifen , daß es den Chinesen ganz in derselben Weise auch mit uns ergeht ; sie bekommen von den Kinderjahren an bis in das Greisenalter über uns nur immer die eine , einzige Lehre wiederholt , daß wir wunderliche Narren seien , mit denen die Weltgeschichte nichts mehr anzufangen wisse , weil wir an sie die unerhörte Forderung stellen , uns für ihre Lieblinge zu erklären und die anderen Nationen vollständig fallen zu lassen . Mit andern Worten , die Chinesen halten uns für ganz dieselben Toren , die sie in unsern Augen sind . Wer mit einer solchen , förmlich in das Wesen übergegangenen Ansicht nach dem Osten kommt , von dem ist nicht anzunehmen , daß er so bald andern Sinnes zu machen sei . Er kann sich jahrelang in China aufhalten und wird nicht nur ganz der Alte bleiben , sondern vielleicht gar noch schroffer als früher denken , wenn seine Voraussetzungen , daß er mit seinen Ideen das weite , fremde Land im Sturm erobern könne , nicht in Erfüllung gehen . Es gibt keiner von Beiden nach , und so bleiben Beide , wie sie sind . Nur Eins ist nicht geblieben : die Erbitterung ist größer geworden ! Das ist die einfache Erklärung der sonst unbegreiflichen Tatsache , daß Leute welche ein halbes , ja gar ein ganzes Menschenalter in China zugebracht haben und also wohl mit Recht behaupten , Land und Leute genau zu kennen , dieses Land und diese Leute genau noch ebenso falsch beurteilen wie Einer , der niemals dort gewesen ist . Ihre Kenntnis ist - - - Photographie ! Ihr ganzes , vielleicht außerordentlich reiches Wissen besteht aus leb- und seelenlosen Kamerabildern , welche in den aus Europa mitgebrachten Apparaten entstanden sind . Aus dem Vorurteile der kaukasischen Rasse werden die Films geschnitten , denen man die Unmöglichkeit zumutet , uns die chinesische Volksseele in allen , auch ihren tiefsten und geheimnisvollsten Regungen , treu , wahr und aufrichtig darzustellen . Ist es für den Menschen denn gar