, um ihn zu demütigen , so schien es ihm . Alles geschah hier , um ihn zu demütigen . Das Messingschild an der Tür mit seinem Namen darauf hing dort , um ihn zu verspotten ; » die Etikette ist geblieben , das seltene Präparat aber ist fort . « Sein altes Wartezimmer hieß nur deshalb noch Wartezimmer , weil Josy bald approbierter Arzt sein würde . Josy würde Arzt sein , in seinem ehemaligen Warteraum würden Josys Patientinnen sitzen und auf sie warten , während er in irgend einem Hinterzimmer an der Drehbank bastelte . Verwünschtes Leben ! Als ein Lebendigtoter saß der Unglückliche da , als ein nackter Beerbter , der , aus dem Grabe zurückgekehrt , seinen Platz ausgefüllt , seine Kisten und Kasten ausgeleert findet . Der Mann , der von der Natur dazu bestimmte Platzergreifer , Inbesitznehmer war verdrängt und ohnmächtig gemacht durch das Weib , durch die von der Natur dazu bestimmte Untergebene , Untergeordnete , durch den Menschen zweiter Sorte , und aus den Händen dieses auf den Thron gelangten Sklaven sollte der rechtmäßige , entthronte Herrscher sogar das Leben , das Brot , das ihn ernährte , empfangen ! Dumpfe Verwunderung , verbissene Wut mischte sich in die qualvolle Ohnmacht des Verschmähten . Er entwarf Pläne zur Überlistung der gefährlich starken und unangreifbar gut stehenden Gegnerin ; er meinte , sie sei nur deshalb so stark und selbständig geworden , weil sie sich der Unterjochung durch die Liebe entzogen habe . Er nahm den Begriff der Liebe so niedrig wie möglich und redete sich ein , wenn er sie unter diese Liebe zwänge , dann würde sie so schwach werden wie er selbst . Er lechzte danach , sie schwach zu sehen . Das natürliche Gleichgewicht der Geschlechter schien ihm gestört durch diese starke Frau , die er als zartes , nachgiebiges , liebevolles Mädchen kennen gelernt , die er zu heftiger , aber kurzer Leidenschaft entflammt , die er demütig und ergeben das Frauenlos an seiner Seite tragen gesehen , die er durch sein Verbrechen mit bürgerlicher Schande bedeckt , die er bei seiner Verurteilung als weinendes , zerbrochenes , unglückliches Weib zurückgelassen , und die sich während dieser Jahre langsamen Absterbens für ihn so unerwartet verwandelt , so neu und eigenartig entwickelt hatte . In den ersten Zeiten , als er sie für gefühllos hielt , tröstete er sich damit , daß auch sie in gewissem Sinne abgestorben sei , aber dann kamen bald Augenblicke , wo ihre Augen glänzten im Feuer des innigsten Anteils , wo es wie prophetische Begeisterung in ihrer Rede klang . Mit Haß und Verwunderung bemerkte er diese neue und ihm ganz fremde Jugendfarbe in ihren Zügen , in ihrem ganzen Wesen , sobald die großen Fragen der Menschheit gestreift wurden . Sie hatte also Gefühl zu geben , ihr Herz schlug stark und heiß , stärker und heißer als in jener Zeit , da sie sein gewesen , - aber ihm , dem Verdrängten , Beerbten , Verhöhnten , Verratenen , Kleingemachten galt kein Schlag mehr dieses starken heißen Herzens . Ohne einen Schatten des Vorwurfs für ihn , aber auch ohne Erbarmen , ohne Bedauern , mit männlicher Rücksichtslosigkeit hatte sie ihn in das Nichts hinabgestoßen , und ihre Güte und Nachsicht war Beleidigung , war Verdammung . Schrie er ihr wilde Vorwürfe entgegen , so behandelte sie ihn als Kranken , bat ihn , sich nicht aufzuregen , eine beruhigende Arznei zu nehmen , seine Gedanken auf andere Dinge zu lenken . Weinte er vor Ohnmacht und Hilflosigkeit , so sprach sie von Hysterie , brachte Schlafmittel , verwies ihn auf seine Drehbank , bestellte ein interessantes Reisewerk in der Buchhandlung , da er medizinische Bücher nicht anrühren mochte , seit ihm die Ausübung der Medizinkunst verboten war . Einmal fand er einen angefangenen Brief : » Lieber Vater , es geht uns sehr gut ; Georges beginnt mit Eifer an der Drehbank zu schaffen . Er hat schon ein paar Serviettenringe gemacht . « Nach Lesung dieser Zeilen bekam Georges einen Wutanfall , in dem er die Drehbank zu zertrümmern versuchte . Sie war von Eisen und widerstand ihm . Die paar Schräubchen , die er mühsam zerbrochen , ließ Josefine am nächsten Tage wieder ergänzen ; er hatte ihr erzählt , daß ein Knorren im Holz die Beschädigung angerichtet habe . Helene Begas war eine heimliche Raucherin , wie es heimliche Trinkerinnen gibt . Da sie das Rauchen für ein Laster hielt , zugleich aber sich einbildete , daß die ganze Welt oder wenigstens ganz Zürich auf die Studentinnen sähe , um ihre schlechten Gewohnheiten in der Zeitung bekannt zu machen , so pflegte sie allerlei Vorkehrungen zu treffen , ehe sie sich das leidenschaftlich geliebte Kraut anzündete . Die Fenster wurden geöffnet , die grünen Jalousien fest geschlossen , die Vorhänge zugezogen , das Schlüsselloch verstopft . Dann ließ sie ihre vollen Haare herunter , warf den Rock ab und legte sich in Pumphöschen aufs Sofa , die Zigarette im Munde , das Schächtelchen neben sich . In solchen Stunden kam sie sich welterobernd , revolutionär , gefährlich vor und dachte mit Entzücken an die entsetzten Mienen ihrer gut bürgerlichen Familie , falls diese sie jetzt erblicken würde . In ihrer Naivetät glaubte sie , daß niemand , auch Josefine nicht , von ihrer Leidenschaft wisse , obgleich der scharfe Duft in ihren Kleidern hing und ihr Zimmer ganz imprägniert hatte . Es war etwa vier Wochen nach Georges ' Heimkehr , tief in der Nacht . Josy war vor einigen Minuten aus der Frauenklinik gekommen , hatte die Flurlampe gelöscht und sich sofort in das große Eckzimmer begeben , in dem sie mit Rösli und Laure Anaise schlief . Sehr still war es . Die rauchende Studentin hatte Laure Anaises Atemzüge durch die dünne Wand gehört , dann Josefines Schritte dort nebenan , sie hörte sie die Uhr aufziehen , ihre Hände waschen . Unermüdlich , diese