Wer darf also Kritik üben - da bei der allgemeinen Wehrpflicht jeder Mann Soldat sein muß - nur Frauen , Kinder , Greise und Krüppel ? Und da faselt man von Freiheit - « » Du hast furchtbar vertrakte Ideen . Aber schließlich - ich will die Sache zu applanieren trachten . Es hängt ja in letzter Instanz doch von mir ab . Wenn Du wirklich nachweisen kannst , daß Du nichts direkt Beleidigendes und nichts zur Auflehnung Ermunterndes gesagt und gemeint hast , und auch in Zukunft - « » Auch in Zukunft werde ich nie zur Gewalt aufmuntern oder zum Hasse aufhetzen . Diese beiden Dinge sind ja eben das , was ich bekämpfe . « » Halte Dich in Zukunft lieber ganz still - « » Wenn das die Bedingung Ihrer Nachsicht sein soll , Exzellenz , dann möchte ich schon bitten , es bei der Strenge bewenden zu lassen - denn zum Schweigen kann ich mich nicht verpflichten . « » Na , wir werden ja sehen , wie Du Dich weiter aufführst . Einstweilen betrachten Sie sich als gewarnt , Herr Oberleutnant Graf Dotzky . « Und damit war Rudolf entlassen . Er verließ das Kabinett des Ministers in trüber Stimmung ... Es war ihm , als fühlte er Kugeln an den Füßen und Handschellen an den Händen . Das ganze Kriegsgebäude , das er nun durchschritt , mit seinen schmucklosen Sälen , seinen weiten Gängen , seinen Treppen , über die uniformierte Menschen auf und nieder eilten , machte ihm den Eindruck eines Gefängnisses . Und vor dem Tor die schwarzgelbe Barriere , die Schilderhäuschen , der Trupp von Soldaten , die neben dem Tor auf der Bank saßen - das alles , was er doch so oft gesehen , erschien ihm heut in ganz neuem Licht ... wie eine Mahnung , daß das Bestehende feststeht , daß es voll organischen Lebens ist und daß die Versuche , es umzustoßen , daran zerstieben müssen , wie der Schaum einer kleinen Welle am Meeresfelsen . Und als er nun ganz herausgegangen und den Platz » am Hof « vor sich sah , erschien ihm auch diese altbekannte Szenerie in einem ganz besonderen Licht . Es hatte die ganze Nacht geregnet , das Pflaster glänzte im schwarzen Naß und es regnete noch immer ; zugleich brach aber ein Sonnenstrahl aus den Wolken und spielte um das Haupt des Radetzky-Denkmals . Der alte Feldmarschall sitzt zu Pferde , dem Kriegsgebäude kehrt er den Rücken und mit der ausgestreckten Hand scheint er die zahlreichen Hökerinnen zu segnen , die auf diesem Platze allmorgendlich Gemüse verkaufen . Auf der andern Seite des Platzes , dem Kriegsgebäude gegenüber , steht das Palais der Nunziatur - auch so ein ragender Fels , an dem so manche Wellchen zerschellen ... Es war ein lärmendes Gewimmel , vor allen Ständen die feilschenden Köchinnen mit ihren Einkaufskörben , auf dem Straßenpflaster das Gerassel der Fiaker , Einspänner , Omnibusse , Frachtenwagen und auch - von allen Gefährten das jammervollste - ein Kälberwagen ; hin- und hereilende geschäftige Leute , die mit ihren Regenschirmen aneinander stießen - das Ganze ging Rudolf furchtbar an die ohnehin gespannten Nerven . Es überkam ihn jenes müde und traurige Gefühl , das sich in dem Stoßseufzer Luft machte : Ach , tot sein ! ... Und da fielen ihm seine Toten ein . Die liebliche Beatrix , mitten aus der Jugendfülle und von des Lebens Höhen in die finstere Gruft geschleudert - und sein armer kleiner Fritz ! Was gäbe er darum , wenn er die beiden noch besäße ... unvergossene Tränen schnürten ihm die Kehle zu . Als er aber wieder in seine Wohnung gekommen und an den Schreibtisch trat , auf dem die unterdessen eingelaufenen Briefe und Blätter und seine angefangenen Arbeiten lagen , da ward diese Anwandlung mutlosen Trübsinns bald verscheucht . Die Sorgen , die sein eigenes Los betrafen , mußten verschwinden angesichts der großen Sache , der sein Leben nun ganz geweiht war . Die Briefe , die mit der letzten Post gekommen waren , trugen viel dazu bei , die niedergeschlagenen Gefühle zu bannen , die ihn beim Verlassen des Kriegsministeriums übermannt hatten . Dort war er in der so starr und unumstößlich scheinenden alten Welt gewesen , wo alles wie in enge Eisenreifen eingeklemmt ist ; und die Briefe hier brachten Kunde der verheißungsreichen , sich dehnenden , werdenden Welt . Signale von Mitkämpfenden , Mithoffenden , Mitwissenden . Es war ihm , als riefen alle diese ihm zu : Nur Mut , nur Ausdauer - wir sehen schon die gelobte Stadt , wir rütteln an ihren Toren - hilf mit ! XXII Am nächsten Tag - wie es ihm gestattet worden - und an den nächstnächsten kam Bresser wieder . Fast niemals traf er Sylvia allein ; aber wenn auch ein Dutzend Menschen trennend zwischen ihnen war , die beiden Liebenden wußten sich zu finden , durch beziehungsvolle Worte , durch stumme Blicke oder auch durch den Kontakt gleichgestimmter Gedanken und gleichschwingender Wünsche . Im Tete-a-tete waren sie einander eher ferner , denn da überkam sie beide eine eigene Schüchternheit und Angst . Und diese Angst zu vertreiben , sprachen sie mit erzwungener Kälte von gleichgültigen Dingen - so wie gespensterfürchtende Kinder im Finstern laut zu singen beginnen . Hugo wußte sich geliebt . Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit so überwältigendem Glück , daß er nicht wagen wollte , die angebetete Frau durch ungestümes Werben zu erschrecken . Die Leidenschaft für Sylvia füllte ihm auch nicht - eben jetzt - die ganze Seele aus . Die Proben seines Stückes nahmen ihren Fortgang ; dadurch war er in fieberhafte Aufregung versetzt . Vom Schicksal gerade dieser Dichtung , in die er sein Bestes gelegt , hing so furchtbar viel für ihn ab . Neben der Frage des Erfolges oder Mißerfolges an einer so entscheidenden Stätte , wie das Wiener Burgtheater , stand noch mehr auf dem Spiele : sein ganzes Selbstvertrauen ;