der Melancholie , wo sie sich mit liebevoller Innigkeit an alle Gegenstände der Natur hängt und auch dem zufälligen Flug eines Vogels eine tiefe , vorbedeutungsvolle Wichtigkeit verleiht . Still und neblig , wie erfroren , lag da oder dort ein Dorf . Gleich einer Wand von Schleiern erhob sich bisweilen ein Gehölz . Der Himmel war unbeweglich ; keine einzelne Wolke war zu sehen , nur eine schwerhingezogene Decke . Dornenhecken standen am Weg und vermehrten das Grüblerische , Insichgekehrte dieser Landschaft . Raben flogen lautlos über die Äcker , setzten sich majestätisch auf schwarze Erdschollen , die aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit schlauen und boshaften Augen auf den Wanderer . Als es dunkelte , kam er zurück in die Stadt , und es war ihm , als ob er ein Jahr lang fortgewesen wäre . In langsamem Gleichmut als wäre es die Folge eines weit zurückliegenden Entschlusses , wanderte er nach der Richtung von Jeanettens Wohnung und fand sie zu Hause . Sie war nicht erstaunt , ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand . » Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt , wo ich bin und was ich treibe , « sagte sie im Lauf des Gesprächs verächtlich . » Die Herren der Gesellschaft werden zum siebenten Himmel kommen , und ich werde die Sensation sein , der Stadtklatsch . Das ist mir widerlich . Wenn ich mit meinen Vorübungen fertig bin , geh ich nach Paris . Ich brauche anderes Leben . Es wird auch ein anderer Tod sein , wenn es so kommt . « Sie lachte . » Fort gehst du ? Und was für Vorbereitungen meinst du ? « » Tanz ! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz . Der Tanz soll wieder Kunst werden . Ich denke zum Beispiel an einen Tanz der Liebe . Alles ist Feuer , hinneigende und verborgene Glut . Jede Linie andächtig und verzückt und schließlich die unterdrückte Erregtheit . Dann der Haß . Offene Glut , wildes Gebärdenspiel , wildes Spiel aller Linien . Dann viele andere . Ich denk es mir wundervoll . Eure andern Künste haben abgewirtschaftet . Sie beruhen auf der Eitelkeit . Es gibt nur noch Wissenschaft und Tanz in der Zukunft . « Bojesen sah hilflos vor sich hin . Redensarten , dachte er . Jeanette begann jetzt wieder zu tanzen : auf den Zehen , den Körper in wellenhaften Bewegungen vor-und zurückbiegend und mit schwärmerischem Gesicht und weitgeöffneten Augen in den Spiegel schauend . Dann holte sie Wein , dessen Purpur in den dunklen Gläsern und in der beginnenden Dämmerung schwarz erschien . Währenddem öffnete sich die Tür und Bojesen sah einen alten , sehr gebückten Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen . Es war Gedalja , den Jeanette vor einiger Zeit auf der Straße getroffen hatte und der nun fast täglich zu ihr kam . Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete sich die Stirn mit dem Rockärmel . Bojesen schaute Jeanette an , begriff und wollte gehen . Aber sie befahl ihm durch einen Blick , zu bleiben und zündete die Lampe an . » Hast du was verkauft , Großvaterle ? « fragte sie , die Hand in die des Alten legend . Gedalja verneinte . » Se welln nix haben . Se sind alle versehen . Se welln bloß ihren Spaß haben mit em alten Juden . Ich will nit klagen , Enkelin , nit klagen . Aber was for Gesichter wer ich sehn , wenn ich sterb ' ? Wer wird reden zu mir in die lange Nächte ? Hast de schon gesehn en alten Mann über neunzig , wo hat kein Haus un kein Hof und kein Bett ? Bin ich nit gewesen e Vieh , daß ich nit gewesen bin e Wucherer un e Betrüger ? Wo soll ich haben en neuen Rock , wenn der wird sein zu Fetzen ? Wo sin meine Kinder , daß se sitzen zu meine Füße und lauschen meine Worte ? O Enkelin , es is gut , zu nehmen e Schwert und zu zerreißen sein eignes Herz . « Bojesen blickte nicht vom Boden empor . Gedalja begann wieder : » Ich waaß nit , was de hast getan un was de hast vor im Leben , Jeanette . Aber ich seh d ' rs an an deine Stirn und deine Augen , daß de willst hoch naus , daß de hast überspannte Gedanken vom Leben un von die Menschen . Es gibt im Jüdischen e Sprichwort un haaßt : wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt , kriegt die Schmue Vernunft . So is es mit deine Pläne . Schabbes-Nachme fallt alleweil afn Schabbes , natürlicherweis . Sei vernünftig vorher ! Sei immer bei dir un hab gut acht auf deine Handlungen . Schlaf nit ein in der Nacht , wenn de nit hast ausgelöscht ' s Licht ; nor die Toren scheuen den Schlaf beim Finstern . Bleib ' e gute Jüdin , wenn de aach nit glaubst , denn wir sin e großes Volk mit bedeutende Gelehrte . Merk d ' r was ich hab ' gesagt . Haste vielleicht was z ' essen ? Hab Hunger . Bin in ganzen Tag rumgeloffen , bis nach Burgfarrnbach nüber . « Bojesen , dem es schwer ums Herz war , schickte sich zum Aufbruch an . Jeanette begleitete ihn liebenswürdig hinaus , sagte aber nichts . Er haßte diese Liebenswürdigkeit an ihr , die undurchdringlich war wie ein Panzer . Er irrte lange Zeit durch die Straßen , aß gegen sieben Uhr irgendwo zu Nacht , setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor Jeanettens Wohnung an , wo immer noch die Fenster erleuchtet waren . Am gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen . Er glaubte , diese blassen , unbestimmten Züge zu erkennen , ging hinüber und stand vor Nieberding , der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern wandte