verhängnisvoller Irrtum , entsprungen einem Mangel an Zeitpsychologie und an Verständnis für entwickelungsgeschichtliche Resultate ! Die Zeit des Theaters ist im Ganzen vorbei ! In diesen alten Schlauch füllt nur der Unverstand neuen Wein ! Nein , wie das Theater , ehedem ein Appendix der Kirche , sich von dieser losmachte und sich selber eine neue , damals zeitgemäße Form gab , so muß sich die Kunst heute vom Theater emanzipieren und entschlossen die Form annehmen , für die sich der Zeitgeschmack entschieden hat : Die Form des Variétés ! Beides ist reif zum Untergange : Das Theater , weil seine ganze Struktur zu klotzig , schwer und unbeweglich ist für die Genäschigkeit des modernen Kunsttriebs , und das jetzige Variété , weil es seine überaus günstige , allen Wünschen einer nervösen Zeit gemäße Form nicht mit wahrhaft künstlerischem Inhalt zu erfüllen versteht . Lassen Sie uns ein Variété gründen als ästhetische Anstalt im weitesten Sinne , als Trägerin und Verkörperung all der heute so üppig sich entfaltenden Richtungen in den Künsten , als Schaubühne des Schönen für Auge , Ohr und Gemüt , und Sie werden sehen , daß Sie sich an einer wahrhaft kulturellen und zugleich eminent praktischen That beteiligt haben ! Mit dieser Anrichtung seiner Ideen für den Geschmack von Leuten , die in Kunst spekulieren wollten , hatte er umsomehr Erfolg , als er sich gleichzeitig den Anschein des vorsichtig bedachten Geschäftsmannes zu geben wußte , der es fürs Erste ablehnte , ein Rieseninstitut ins Leben zu rufen . Ganz von selbst werde sich aus bescheidenen Anfängen das große Etablissement der Zukunftsbühne entwickeln . Sein bekannter Name , mit dem sich die Empfindung von » geistreicher Schriftsteller « verband , that das Übrige dazu , auch wirkte es besonders überzeugend , daß er selbst als Erster fünftausend Mark allein zeichnete . So erfolgte die Gründung der Gesellschaft schnell , und er erhielt einen Kontrakt als artistischer Direktor mit vollkommener Selbständigkeit . Da er so klug war , bei den ersten Ankündigungen des entstehenden Unternehmens seinen Namen , obwohl ihm das sehr schwer fiel , beiseite zu lassen , so nahm sich auch die Presse , wenn auch mit den üblichen Vorbehalten , der Sache an , und der Name Momus tauchte in kurzen Zwischenräumen halb geheimnisvoll immer wieder in den Blättern auf . Es konnte kein Zweifel mehr sein , daß das Berliner Publikum , in ersten Linie die literarisch und künstlerisch interessierten Kreise , der neuen Sache mit Spannung entgegensahen . Der Umstand , daß die Witzblätter das Schlagwort vom poetischen Tingeltangel aufbrachten , allerlei literarische Chansons vorschlugen , Ernst von Wildenbruch als Hausdichter des Momus , Menzel als Kostümzeichner und Karl Frenzel als Tanzmeister namhaft machten , trug dazu bei , das Interesse wachzuhalten . Indessen arbeitete Stilpe mit heiterer Ausdauer unausgesetzt an der Ausgestaltung des Unternehmens bis ins Einzelne . Der Bärenführer und der Peripathetiker schleppten täglich die unerhörtesten Chansons herbei , der Zungenschnalzer entwarf erotische Szenen von trikotloser Kühnheit , Kasimir röchelte im Psalmenstile schauerlich schöne Seelenmonologe voll krebsgeschwürigen Abendröten und satanischen Absynthismen , gestimmt und berechnet auf die Maultrommelbegleitung aztekischer Urmelodien , die gesammte junge Lyrik aller Schattierungen sandte nach Berlin NW . 32 , » postlagernd Momus « , Lieder jeder erdenklichen Art , die Componisten waren auch nicht faul , und die jungen Maler und Zeichner ebensowenig . Dazu wimmelten Chansonetten und Komiker , Reckturner und Jongleure , Tierbändiger und Zauberkünstler , Knockabouts , Clowns , Gedankenleser , Schlangenmenschen , plastische Poseusen , Schnellmaler , Schnelldichter , Schnellmodelleure , Schnellrechner , Mimiker , Negertänzer , Skandalfürstinnen , Antispiritisten , Bauchredner , Zwerg- und Riesenmenschen , kurz alles herbei , was nur auf den Namen Variété hörte und das Literarisch-Künstlerische für Nebensache erachtete . Sogar Herr Ahlwardt kam . All das bereitete Stilpen ein herzliches Vergnügen , und er bedauerte fast , daß das Programm des Momus so enge Grenzen hatte . Dabei war er in Auslegung des Begriffes Ästhetisch keineswegs engherzig und legte es im Grunde mit » irgendwie angenehm « aus . Nur mit Aufgebot von außerordentlicher Energie ließ er zumal weibliche Artisten ziehen , wenn sie irgendwie angenehm auf ihn wirkten , und gewaltig groß war die » Liste der für später notierten Mädchen « , die er zwar nicht sogleich brauchen konnte , denen er aber mit väterlichem Wohlwollen erklärte : Später peutêtre ! Seine Haupthelfer waren der Zungenschnalzer und Martha die Muse . Diese beiden besaßen die eingehende Fachkenntnis , die ihm , dem Organisator und Neuschöpfer , doch abging . Der Zungenschnalzer wurde als » Choreograph « , Martha als » Direktrice für Chanson und verwandte Gebiete « engagiert . Der Bärenführer , der Peripathetiker und Kasimir konnten in festen Stellungen nicht verwandt werden , doch übten sie das Amt lyrischer Lektoren aus . Kasimir stöhnte am lautesten unter dieser Bürde : - Lauter Joethes , Bacillenschwärme von Joethes ; es ist sehr scheußlich . Und fortwährend zitierte er die ihm verfallenen Lyriker mit dem Tone ironischer Ergriffenheit . Der Peripathetiker mißbrauchte die ihm anvertrauten Gedichtblätter zu Manuskripten , und der Bärenführer erklärte , daß er nur über solche Lyrik objektiv urteilen könnte , der deutsche Briefmarken als Rückporto beigelegt seien . Im Übrigen interessierte der ganze Momus diese Drei nur insofern , als sie durchaus wünschten , auf dem Programm der Première zu stehen . Stilpe war auch ganz damit einverstanden , nur waren die bis jetzt von ihnen vorgelegten poetischen Erzeugnisse nach seiner Meinung noch nicht momusreif . - Druckreif und momusreif ist ein Unterschied , meine Süßen ! Ihr seid noch nicht auf der Höhe des Brettls , ihr seid noch zu papieren ! rief er ihnen immer wieder zu . Übrigens entschied er nicht allein darüber ; Martha die Muse hatte das Hauptwort dabei . Wie er mitten im vergnügtesten Correspondieren war , trat sie ein : - Na , haben wir endlich ein paar Dichter ? - Nee , ich glaube nicht . Wir müssen den Stil erst erfinden