* * Nach solchen Erfahrungen sagte sich Gustav , daß an eine Erhaltung des Bauerngutes nicht mehr zu denken sei . Er war auf den väterlichen Hof zurückgekehrt und half dem alten Manne nach wie vor in der Wirtschaft , aber im stillen war er mit sich selbst ins reine gekommen , daß er sein Geschick von dem der Familie trennen müsse . Er stand nicht allein da , es gab Personen , die ihm noch näher standen als Eltern , Bruder und Schwestern ; er mußte vor allen Dingen für die sorgen , die auf ihn als ihren alleinigen Ernährer blicken durften : für Pauline und den Jungen . Er war bereits beim Standesbeamten und beim Pastor gewesen und hatte gemeldet , daß er im Frühjahr seine Braut zu ehelichen beabsichtige . Aber als Eheleute brauchten sie ein Heim . Auf dem Bauerngute konnte er mit Frau und Kind nicht leben , das war klar . Der Versorger einer Familie mußte einen festen Beruf haben . Das Gefühl wachsender Verantwortung lastete schwer auf dem jungen Mann , machte ihn unsicher in seinen Gefühlen und unstät in seinen Handlungen . Er ging viel in der Nachbarschaft umher , fragte , horchte hierhin und dahin , blickte auch in die Zeitungen , immer in der Erwartung , daß er etwas finden möchte , was ihm zusagte . Er wollte einen Dienst annehmen ; welcher Art , das wußte er nicht einmal bestimmt . Mit allerhand abenteuerlichen Plänen trug er sich ; sogar ans Auswandern dachte er . Pauline hörte ihm ruhig zu , wenn er seine Zukunftspläne entwickelte . Sie wußte ihn zu trösten und aufzuheitern durch die nie versiegende Güte ihres Wesens . Das Mädchen ließ sich von seinen Sorgen nicht anstecken . Seit sie seiner sicher geworden , war große Ruhe über ihr Gemüt gekommen . Als echte Frau vergaß sie in unsicherer Zeit nicht die Besorgung des Nächstliegenden . Jetzt galt ihr ganzes Sinnen und Trachten der Beschaffung ihrer Ausstattung . Wo sie wohnen und leben würde , das wußte noch niemand ; aber das war auch beinahe nebensächlich ! Das eine stand fest - das war das große Ereignis ihres Lebens , der köstliche Preis ihrer Liebe und Treue durch so viele Jahre - , daß sie ein Paar wurden . Sie war ihm von ganzem Herzen dankbar dafür , daß er ihr doch die Treue gehalten . Wenn er jetzt auch manchmal unwirsch war und schlechte Laune zeigte , das beachtete sie kaum ; dergleichen konnte sie nicht einen Augenblick an ihm irre machen . Sie liebte nicht mehr mit jener jungen , heiß aufwallenden und leicht gekränkten ersten Leidenschaft ; ihre Liebe war die gesättigte , bewährte des befriedigten Weibes , das nur noch eine Sorge kennt , den Vater ihres Kindes dauernd als ihr Eigentum zu halten . Sie hatte ihren geheimen Ehrgeiz . Sie wollte nicht , daß Gustav sie ganz ohne Aussteuer nehmen solle . Wenn bei ihrer Armut das Brautfuder auch nur klein sein konnte , ganz mit leeren Händen wollte sie nicht kommen . Man sah sie in jener Zeit viel mit Schere , Zwirn und Elle beschäftigt , und Leinwand und bunte Stoffe lagen in ihrer bescheidenen Kammer ausgebreitet . - Die Kunde war zu Gustav gedrungen , daß auf dem Rittergute die Stelle eines ersten Kutschers frei geworden sei . Er ging sofort hinüber , um sich darum zu bewerben . Die Nachricht erwies sich als ein falsches Gerücht . Der jetzige Kutscher dachte nicht daran , seinen gut bezahlten Posten aufzugeben . Bei dieser Gelegenheit lernte Gustav den gräflichen Güterdirektor , Hauptmann Schroff , kennen . Gustav hatte den Namen dieses Mannes mehr als einmal nennen hören . Der alte Bauer pflegte seine grimmigste Miene aufzusetzen , wenn er von ihm sprach . Der treibe seinem Herrn die kleinen Leute vors Gewehr wie die Hasen , behauptete er . Von anderer Seite wieder hatte Gustav günstigere Urteile gehört . Er sei menschenfreundlich und vertrete seine Arbeiter der Herrschaft gegenüber , hieß es . Eine Anzahl neuer Arbeiterwohnungen , die erst kürzlich an Stelle der bisherigen elenden Baracken errichtet worden waren , redeten das Lob des Güterdirektors . » Sind Sie etwa ein Sohn des alten Büttnerbauern ? « fragte der Hauptmann . » Zu Befehl , Herr Hauptmann ! « » Gibt es denn auf dem Gute Ihres Vaters nichts für Sie zu tun ? « Das läge so in den Familienverhältnissen , gab Gustav ausweichend zur Antwort . Er schämte sich nämlich , daß er , der Sohn des Büttnerbauern , sich um einen Dienst bewerben mußte . Hauptmann Schroff betrachtete sich den jungen Menschen genauer . Seine geweckten Züge und die stramme Haltung bestachen den ehemaligen Offizier . » Von Ihnen könnte man am Ende mal was Genaueres erfahren , wie es mit der Büttnerschen Sache eigentlich steht - was ? « Gustav meinte : Mit seinem Vater stehe es schlecht , und wenn ihm niemand zu Hilfe käme , würde er sich wohl nicht halten können . » Genau , was ich Ihrem Vater vor einem halben Jahre gesagt habe ! Aber , wer nicht hören wollte , war er , « rief der Hauptmann . Die Unterhaltung hatte bis dahin auf dem Wirtschaftshofe des Rittergutes stattgefunden . Der Hauptmann hatte zwischendurch einige jüngere Gutsbeamte abgefertigt . Jetzt meinte er , Gustav möge ihn in seine Wohnung begleiten , es liege ihm daran , näheres über die Angelegenheit zu erfahren . Man ging auf einem gepflasterten Gange am Stalle entlang . Der Hof bestand aus einem länglichen Viereck . Auf der einen Langseite standen die Stallungen für Kühe und Zugvieh , gegenüber waren Schweine und Schafe untergebracht . Quer vor stand die mächtige Scheune mit vielen Tennen . In der Mitte des Hofes lag die Düngerstätte , von einem Ziegelwall umgeben , eine Schwemme für das Vieh daneben . Ein eingezäunter Raum war zum Fohlengarten bestimmt . Das geräumige Viereck wurde abgeschlossen durch ein