komme morgen mit dem Nachmittagszug . Eure Hildegard . « Er schickte das Telegramm , aus dem er überhaupt erst von der erfolgten Einladung erfuhr , an seine Frau hinüber und war , trotzdem er das selbständige Vorgehen derselben etwas sonderbar fand , doch auch wieder aufrichtig froh , nunmehr einen Gegenstand zu haben , mit dem er sich in seiner Phantasie beschäftigen konnte . Hildegard war sehr hübsch , und die Vorstellung , innerhalb der nächsten Wochen ein anderes Gesicht als das der Honig auf seinen Gartenspaziergängen um sich zu haben , tat ihm wohl . Er hatte nun auch einen Gesprächsstoff , und während ohne diese Depesche die Mittagsunterhaltung wahrscheinlich sehr kümmerlich verlaufen oder vielleicht ganz ausgefallen wäre , war es jetzt wenigstens möglich , ein paar Fragen zu stellen . Er stellte diese Fragen auch wirklich , und alles machte sich ganz leidlich ; nur Leopold sprach kein Wort und war froh , als er sich vom Tisch erheben und zu seiner Lektüre zurückkehren konnte . Leopolds ganze Haltung gab überhaupt zu verstehen , daß er über sich bestimmen zu lassen fürder nicht mehr willens sei ; trotzdem war ihm klar , daß er sich den Repräsentationspflichten des Hauses nicht entziehen und also nicht unterlassen dürfe , Hildegard am anderen Nachmittag auf dem Bahnhofe zu empfangen . Er war pünktlich da , begrüßte die schöne Schwägerin und absolvierte die landesübliche Fragenreihe nach dem Befinden und den Sommerplänen der Familie , während einer der von ihm engagierten Gepäckträger erst die Droschke , dann das Gepäck besorgte . Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit Messingbeschlag , dieser aber war von solcher Größe , daß er , als er hinaufgewuchtet war , der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baus von zwei Etagen gab . Unterwegs wurde das Gespräch von seiten Leopolds wieder aufgenommen , erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen , weil seine stark hervortretende Befangenheit seiner Schwägerin nur Grund zur Heiterkeit gab . Und nun hielten sie vor der Villa . Die ganze Treibelei stand am Gitter , und als die herzlichsten Begrüßungen ausgetauscht und die nötigsten Toiletten-Arrangements in fliegender Eile , das heißt ziemlich mußevoll , gemacht worden waren , erschien Hildegard auf der Veranda , wo man inzwischen den Kaffee serviert hatte . Sie fand alles » himmlisch « , was auf Empfang strenger Instruktionen von seiten der Frau Konsul Thora Munk hindeutete , die sehr wahrscheinlich Unterdrückung alles Hamburgischen und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel empfohlen hatte . Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise gleich das Kaffeeservice rundweg bewundert . » Eure Berliner Muster schlagen jetzt alles aus dem Felde , selbst Sèvres . Wie reizend diese Grecborte . « Leopold stand in einiger Entfernung und hörte zu , bis Hildegard plötzlich abbrach und allem , was sie gesagt , nur noch hinzusetzte : » Scheltet mich übrigens nicht , daß ich in einem fort von Dingen spreche , für die sich ja morgen auch noch die Zeit finden würde : Grecborte und Sèvres und Meißen und Zwiebelmuster . Aber Leopold ist schuld ; er hat unsere Konversation in der Droschke so streng wissenschaftlich geführt , daß ich beinahe in Verlegenheit kam ; ich wollte gern von Lizzi hören , und denkt euch , er sprach nur von Anschluß und Radialsystem , und ich genierte mich zu fragen , was es sei . « Der alte Treibel lachte ; die Kommerzienrätin aber verzog keine Miene , während über Leopolds blasses Gesicht eine leichte Röte flog . So verging der erste Tag , und Hildegards Unbefangenheit , die man sich zu stören wohl hütete , schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu sollen , alles um so mehr , als es die Kommerzienrätin an Aufmerksamkeiten jeder Art nicht fehlen ließ . Ja , sie verstieg sich zu höchst wertvollen Geschenken , was sonst ihre Sache nicht war . Ungeachtet all dieser Anstrengungen aber und trotzdem dieselben , wenn man nicht tiefer nachforschte , von wenigstens halben Erfolgen begleitet waren , wollte sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen , selbst bei Treibel nicht , auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem glücklichen Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war . Ja , diese gute Laune , sie blieb aus mancherlei Gründen aus , unter denen gerade jetzt auch der war , daß die Zossen-Teupitzer Wahlkampagne mit einer totalen Niederlage Vogelsangs geendigt hatte . Dabei mehrten sich die persönlichen Angriffe gegen Treibel . Anfangs hatte man diesen , wegen seiner großen Beliebtheit , rücksichtsvoll außer Spiel gelassen , bis die Taktlosigkeiten seines Agenten ein weiteres Schonen unmöglich machten . » Es ist zweifellos ein Unglück « , so hieß es in den Organen der Gegenpartei , » so beschränkt zu sein wie Lieutenant Vogelsang , aber eine solche Beschränktheit in seinen Dienst zu nehmen ist eine Mißachtung gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises . Die Kandidatur Treibel scheitert einfach an diesem Affront . « Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibels , was Hildegard allmählich so sehr zu fühlen begann , daß sie halbe Tage bei den Geschwistern zubrachte . Der Holzhof war überhaupt hübscher als die Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit ihren langen weißen Strümpfen . Einmal waren sie auch rot . Wenn sie so herankam und die Tante Hildegard mit einem Knicks begrüßte , flüsterte diese der Schwester zu : » Quite English , Helen « , und man lächelte sich dann glücklich an . Ja , es waren Lichtblicke . Wenn Lizzi dann aber wieder fort war , war auch zwischen den Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr , weil das Gespräch die zwei wichtigsten Punkte nicht berühren durfte : die Verlobung Leopolds und den Wunsch , aus dieser Verlobung mit guter Manier herauszukommen . Ja , es sah nicht heiter aus bei den Treibels , aber bei den Schmidts auch nicht . Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in Verstimmung , lebte vielmehr umgekehrt der Überzeugung , daß sich nun