die Geheimnisse der Bewohner ihres Dorfes aus . Es war eine haarsträubende Sittengeschichte , und die alte Sibylle erfand nicht . Ihre Enthüllungen trugen das Gepräge der Wahrheit , einer Wahrheit freilich , die Schritt hielt mit den dunkelsten und ausschweifendsten Phantasiegebilden . Maria unterbrach das Weib im schönsten Fluß ihrer Rede und erhob sich . - Welche Greuel , dachte sie ; nein , so hättet ihr nicht werden müssen , ihr Bejammernswerten ! Ihr hättet nicht in diesen Sumpf zu geraten brauchen , in dem ihr jetzt versinkt . Nur wenige Einsichtige und Barmherzige unter denen , die durch Jahrhunderte unumschränkt über euch geherrscht , und sie würden euch zur Erkenntnis des Guten geführt haben . Sie besaßen die Macht , warum nicht auch die Gerechtigkeit , die Uneigennützigkeit , das liebreiche Herz ? Als ein Kind ihres Stammes fühlte Maria sich mitschuldig an dem himmelschreienden Versäumnis und war doch die letzte , die Ersatz dafür zu leisten vermochte . Sie konnte schenken - raten , belehren , bessernd einwirken konnte sie , die Bemakelte , nicht . Um die Menschen zu ihrem wahren Heile zu führen , bedarf es einer reinen Hand . Sie eilte hinweg wie gejagt und durchwachte die Nacht ruhelos und fiebernd . In dem großen , kapellenartig gewölbten Schlafgemach , das sie mit Erich bewohnte , hingen zwei Meisterwerke Benczurs , die Bilder Hermanns und seines Sohnes . Gräfin Agathe hatte sie für ihre Schwiegertochter malen lassen , und sie waren das erste gewesen , das Wilhelm seiner verehrten Base nachzuschicken befahl aus Dornach . Die geliebten Gestalten schienen lebendig aus ihren Rahmen zu treten ; ihre treuen , freundlichen Augen die Augen Marias zu suchen und ihr zu folgen , wohin sie sich wandte . Sie sank an ihrem Bette zusammen ; ihre ganze Seele flammte auf in der verzehrenden , ewig empfundenen , ewig vergeblichen Sehnsucht all der Unglücklichen , die ihr Liebstes überleben : Einmal nur noch deine Stimme hören , einen Kuß auf deine Lippen drücken , nur einmal noch . Oh , dieses immer geforderte , nie erlangte , nie verschmerzte eine letzte Mal ! Alles still im Haus und auch draußen alles still . Ausnahmsweise hatte der Sturm seine Flügel gefaltet und sein wildes Lied verstummen lassen . An dem Geiste Marias zogen die stillen Tage ihres ersten , noch unbewußten Glückes vorbei . Sie versenkte sich in die Erinnerung an jede im Verkehr mit ihrem Gatten , ihrem Freunde , verlebte Stunde . Er hatte sein bei der Verlobung gegebenes Wort treulich gehalten , was sie für ihn tat , immer als Gnade angesehen , was er für sie tun durfte , als sein bestes Glück . Und seine Art und Weise gegen sie war nur der höchste Grad dessen , was er allen Menschen zuteil werden ließ . Sie erhob ihre Augen und ihre Hände zu seinem Bilde und tat einen stummen Schwur : Die Welt soll dich nicht ganz verloren haben , deine Güte , deine Langmut sollen fortleben ; ich will dienen um das Recht , sie auszuüben in deinem Sinn ; ich will mir das Vertrauen der Leidenden und Irrenden verdienen . In diesem Jahre kam der Winter besonders früh und streng mit seinen kurzen Tagen , seinem dämmerigen Lichte , mit Eis und Schnee . Wochenlang von dem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten , suchte Maria , wenn ein Postpaket endlich ins Schloß befördert werden konnte , immer zuerst nach Briefen von ihrem Vater - und nicht selten umsonst . Fürstin Alma , Carla und Betty schrieben voll Zärtlichkeit ; Wilhelms wiederolten immer inniger ihre stehende Bitte , sprachen immer wärmer ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen aus . Tante Dolph sandte unpassend schneidige Berichte über das Treiben in der Gesellschaft , während Wolfsbergs Briefe so unpersönlich als möglich nur Fernliegendes berührten . Am Abend , wenn Sturm und Frost Maria im Hause ge-fangenhielten , setzte sie sich ans Klavier und spielte , und sehr oft kam Erich , rückte einen Sessel herbei , stieg hinauf und hörte unendlich aufmerksam zu . Das Kind schien eine Ahnung zu haben von der Schönheit der Phantasien , die unter den Fingern seiner Mutter hervorquollen . Sein dunkler , leuchtender Blick ruhte mit ehrfurchtsvollem Staunen auf ihr und senkte sich fast scheu , wenn sie zu ihm hinsah . Einmal plötzlich hielt sie inne , nahm ihn auf ihren Schoß und drückte ihn an sich . Er streichelte und küßte ihre Wangen , wollte sprechen , würgte aber die Frage , die ihm schon auf den Lippen schwebte , wieder hinunter . » Was hast du ? Was willst du ? « sprach Maria . » Ich möcht so gern ... so gern möcht ich ... « er stockte wieder und fuhr nach einer Weile zögernd fort : » Ich weiß , Mutter , wie man nach Dornach geht . Vom Schlafzimmer sieht man den Weg , Lisette hat mir ihn gezeigt ... Sie hat gesagt , das arme Dornach ist ganz verlassen und wird noch lang verlassen bleiben . Ist es weit nach Dornach , liebe Mutter ? « Sie nickte schweigend : » Ja . « » Ich möcht aber doch nach Dornach « , begann er wieder , entschlossener werdend . » Hermann wird mir von den Löwen erzählen . Dornach ist nicht so weit wie die Löwen . « » Doch ! « rief sie mit schneidendem Schmerzensklang . » Dornach ist weiter als alles , ist unerreichbar ! « Am folgenden Morgen , da Lisette beim Eintreten in das Zimmer der Gebieterin ausrief : » Wie blaß du bist , wie übel du aussiehst ! « mußte Maria eingestehen , daß sie sich müde und unwohl fühlte . Lisette bemerkte nur : » Es muß arg sein , wenn du ' s selber sagst « , aber sie setzte etwas ins Werk , was sie schon seit längerer Zeit geplant hatte , und vertraute im Laufe des Tages dem Stubenmädchen