sich den Schweiß von der Stirne . Mit wirren Gedanken betrachtete er seitwärts die verjährte Schlosserarbeit an dem alten Erbstück , ohne sie zu sehen . Als er sich endlich etwas gesammelt , stand er mit müden Gliedern auf , öffnete die Kasse wieder und nahm die Steuergelder , sie zu verpacken . Er suchte das nötige Papier , Schnüre und Siegellack zusammen , wickelte und schnürte alles mit großer Hast und Eile doppelt und dreifach ein , fest aber ungefüg , denn es war sonst die Arbeit des Amtsdieners , und zuletzt zündete er Licht an und versiegelte das Paket an drei oder vier Orten , jedesmal mit einem Stöhnen das Siegel betrachtend , eh er es aufdrückte . Dann schrieb er den zur Ablieferung gehörigen kurzen Bericht , den er mit besonderem Umschlag versah und adressierte , und schickte den eintretenden Weibel mit beiden Stücken zur Post , ihm einschärfend , sich nirgends aufzuhalten und dafür zu sorgen , daß Geld und Brief mit der ersten Gelegenheit abgingen . Auch sollte er nicht vergessen , einen Postschein zurückzubringen . Er blickte dem Mann durch das Fenster nach und sah richtig , wie die Frau ihn auf dem Hof anhalten und sehen wollte , was er da forttrage ; wie sie aber vom Weibel kurz stehengelassen wurde . Hierauf legte er in zwei weiteren Schreiben an den Präsidenten des Großen Rates und an die Regierung seine Stellen als Ratsmitglied und als Statthalter nieder . Denn er wußte , daß es jetzt aus war , wenn auch nicht , was aus ihm werden sollte . Die leere Eisenkiste ließ er offenstehen . Die Frau kam geschlurft und guckte sogleich hinein ; aber es dünkte sie , es blase ein so kalter Wind ans dem leeren Hohlraum , daß sie die Nase stracks zurückzog und den Statthalter fragen wollte , was denn das sei . Dieser gab ihr jedoch keinen Bescheid , sondern wandte sich an den Landjäger , der erschienen war . Der Statthalter hatte ihm am Abend vorher angekündigt , er müsse in Polizeisachen mit Aufträgen nach der Hauptstadt gehen , und die bezüglichen Akten bereitgemacht . Die stellte er ihm jetzt zu und zugleich die beiden Entlassungsschreiben , welche pünktlich zu besorgen er ihm anbefahl . So hatte er nun sein Haus bestellt und besaß nichts mehr als die hinterlegte Amtsbürgschaft , in ein paar Werttiteln bestehend , welche mit seinem Rücktritt frei wurden und seither wohl auch verschwunden waren . Als die Herzausschüttung Kleinpeters nach und nach versiegte , herrschte mehrere Minuten lang eine Stille , in welcher Martin und Marie Salander die erschütternden Eindrücke nachwirken ließen , indessen jener , sein Vertrauen nicht bereuend , die fühlbare Teilnahme samt einigen nachgeholten Schlücken des duftreichen Weines ebenso schweigend genoß . Martin bedachte mit Grauen , welch dunkle Zustände im Leben öffentlicher Vertrauenspersonen verborgen liegen oder auch als öffentliches Geheimnis bestehen können . Er wußte zwar , daß einzelne Erscheinungen dieser Art zu allen Zeiten hervorgetreten sind ; sie waren dann auch als große Unglücksfälle empfunden worden . Jetzt wollte ihn aber eine Ahnung beschleichen , als ob es sich um Symptome handle , die ihm glücklicherweise eine Gegenbetrachtung tröstlich aufwog . Die rasche Entschlossenheit , mit welcher der Statthalter sich nicht mehr für amtsfähig hielt und seine Stelle niederlegte , nur weil die Söhne das Vergehen der Untreue ihm zugemutet und es selbst hatten verüben wollen , erfüllte ihn mit wahrer Achtung , und diese verminderte sich keineswegs , als ihm der Gedanke aufstieg , der scheinbar so schwache Mann habe nicht allein für die Gesunkenheit der Söhne büßen , sondern sich selbst verhindern wollen , doch noch in die Schlingen der wachsenden Not zu fallen . Nein , sagte sich Salander , gerade wenn der Haltlose noch am wahren Bürgersinne sich aufrichten und die Achtung vor sich selbst retten kann , ist das Gemeinwesen nicht im Niedergange . Die Frau Marie bedachte anderes ; sie hatte es mit dem wunderlichen Weibe zu tun , das der Mann mit bitterem Groll und ohne einen Rest von Neigung geschildert ; sie zweifelte keinen Augenblick , daß dasselbe die Quelle seines Unglücks sei , verstand aber den Charakter der Unholdin nicht recht . » Ich begreife nicht , Herr Kleinpeter , « nahm sie das Gespräch wieder auf , » wie eine Frau auf das Ansehen ihres Mannes so eitel sein und es auf jede Weise benutzen kann , während sie es ihm doch mißgönnt und ihn darum haßt , so daß sie sich förmlich abmüht , ihm die schuldige Achtung vorzuenthalten ! « » Ja , Frau Salander , « erwiderte der gewesene Statthalter , » das hab ich nicht so studiert ! Wer die Dinge an sich erlebt , der versteht sie , sozusagen , ohne sie deutlich erklären zu können . Nach allem übrigen zu schließen , denke ich , es werde dabei nebst der Eitelkeit eine mit geistiger Beschränktheit verbundene hochgradige Selbstsucht im Spiele sein und überdies das Herkommen sich geltend machen . Meine Frau Gemahlin stammt aus einer Gegend , wo , mit Respekt zu sagen , die Frauen besonders hochfahrig , aufgeblasen und als große Lästermäuler bekannt sind . Nachbarneid und Klatschsucht suchen ganze Dorfschaften heim , und zerklüften weitläufige Familien so gut wie das geringste Hüttenvölklein . Jede , die sich verheiratet , setzt sich vor , zu zeigen , wo sie her sei , und die Oberhand zu behaupten . Die Männer sind tätig , aber grob und fluchen in den unteren Schichten wie Seeräuber , in und außer dem Hause . Da üben denn die Weiber von Jugend an ihre Zungen , und wenn eine dazu nicht recht gescheit ist , so kann man sich denken , was da herauskommt ! « » Wie sind Sie denn in dies gelobte Land geraten ? « fragte Frau Marie . » Ein guter Freund sagte zu mir , er wisse für mich eine zum Heiraten . Wo steht sie ? fragte ich