so schlimm in der bösen Welt ergangen ist , wie man sagt , ja , die habe ich als ich noch eine junge Frau war , aus dem Dorfbache aufgehoben und naß wie eine Katze auf meinem Arme nach Hause getragen , und da war damals die Madam - die gute Frau - die Frau Steuerkontrolleurin auf dem Schloß , die hat das Kind mir abgenommen und mir zehn Groschen gegeben . Der Junge aus dem Försterhause - unserm Förster Sixtus sein Junge - hatte die gnädigste junge Komtesse in den Bach gestoßen . Sie sagen , dem soll jetzt das ganze Schloß und alles gehören ; aber es will keiner im Dorfe so recht daran glauben . Wenn er aber heute wiederkäme und alles hätte sich ungelogen so geschickt , wie die Leute lügen , und er wäre der Herr , so brauchte auch er mit der Witwe Warneke nicht um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der Wüstenei hier herum ins Gerichte zu gehen ; denn dazu ist er viel zu gut Freund mit meinem alten Seligen gewesen , und der hätte oft klüger sein sollen als der dumme tolle Junge aus der Försterei . Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer ganz anders gewesen und sittsamer ; aber sie sagen , der hat es auch dicke hinter den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt , was man nennt , in Berlin . Ja , so werden aus Kindern Leute , und ich habe es als junge Frau auch nicht gedacht , daß ich als alte Frau mal fünf Enkelkinder mit Tagelöhnerarbeit und Hunger und Kummer großziehen müßte . Aber die Herren lassen mich da schwatzen , und ich stehe da auch und schwatze , als wäre ich wie von oben her und vom Pfänder drangekriegt , und - - o du meine Güte - O liebster Himmel - jetzt falle ich um ! Das sind Sie ! ... Das sind Sie ja selber , der kleine Fritz und der - Herr Ewald ! Und so gewachsen ! Solche Herren ! Und wirklich noch im lebendigen Leben ! Und wie wird sich der alte Herr Vater und die Schwester freuen , Herr Sixtus . Und die Schwester - ich meine Fräulein Eva , hat noch immer nicht gefreit . Jedermann im Dorfe wundert sich darüber - « Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an , sie zu schütteln , um dem Übermaß der Gefühlsäußerungen ein Ende zu machen . Das Hereinsprechen in den Schrecken , die Verwunderung und die zitternde Hast , sich angenehm zu machen , half zu gar nichts weiter , als daß sich gar noch das helle Schluchzen und Schlucken in den Redeschwall mischte - » Herr , mach ein Ende ! « stöhnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein der Werdener Irländer . » Alle Hagel , da ist ja ganz das Ende weg ! Witwe Warneke , honey , liebstes , bestes altes Mädchen , ja , wir sind wieder da , und es ist mir im höchsten Grade erfreulich , daß Sie die erste ist , die mir hier auf meinem Grund und Boden - weiß Sie was ? Sie kriegt einen Taler von mir , wenn Sie jetzt auch mich und den Herrn Doktor Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte kommen läßt ! « Die Alte duckte sich . Sie saß nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und Unkraut des Parkes von Schloß Werden . Sie starrte zu uns empor von einem zum anderen : » Ach Gott , ach Gott , ist das eine Freude ! Und wie werden sich der Herr Vater und Fräulein Eva und die gnädigste Gräfin auf dem Steinhofe freuen ! Das Futter aber haben sie sich alle im Dorfe hier im Schloßgarten geholt , seit keine Herrschaft dagewesen ist . Und der Herr Graf soll sich nur des Nachts ums Schloß herum und da in dem Gange , wo zu seiner Zeit die dicken Lindenbäume standen , haben sehen lassen ! « » Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da ? « fragte ich zögernd und beklommen . » Wer sollte denn da wohnen ? Seit fünf Jahren hat es ja keinen richtigen Herrn mehr gehabt , sondern ist nur immer auf dem Papier weitergegeben . Aber vor vierzehn Tagen ist die alte französische Mamsell - von des Herrn Grafen Seligen Zeiten her - , die Mamsell Martin mal vom Steinhofe rübergekommen und ist drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen - bei Tage , nicht zur Nacht- und zur Spukezeit - und hat geweint . « » Und meine Schwester ? « fragte Ewald Sixtus , und die Witwe Warneke sah sehr verwundert von neuem scheu ihn an . » Jawohl , Fräulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange auf einer der Steinbänke gesessen . Das halbe Dorf aber hat nur von ferne zugesehen ; wir haben das französische Parlieren der alten französischen Mamsell ja doch niemalen recht verstanden . « » In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne , wie sie jetzt hier rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt , nicht so spukhaft und gespensterhaft öde und schwül vorgekommen wie jetzt , Fritz « , sagte der neue Herr von Schloß Werden , jetzt meinen Arm fassend und mich schüttelnd . » Es ist mir wie ein Traum , daß ich den Besitztitel vermittelst der Mathematik und der Arithmetik bei hellem , nüchternem Mittage und klar und kühl nächtlicherweile über dem Reißbrett und dazu vermittelst des Londoner Patentamtes erworben habe . Witwe Warneke , wer hat den Schlüssel von Schloß Werden ? « » Genau kann ich das wohl nicht sagen ; aber der Vorsteher wird es ja wissen , Herr E - ach , ich weiß ja auch gar nicht einmal , wie ich Sie jetzt anreden und betitulieren soll , und bitte , es nicht übelzunehmen .