sich über das ganze Tal verbreitete . Doch nun mußten wir aufbrechen , da die Sonne sich schon den Bergen näherte ; der Schulmeister entließ uns mit Zufriedenheit und verabschiedete mich mit entschiedenen Zeichen seines Wohlwollens . Ich mußte ihm versprechen , auf meinen Streifzügen so oft als möglich in sein Tal zu kommen und in seinem Hause meinen Sitz aufzuschlagen , als ob er ebenfalls mein Oheim wäre . Anna wollte uns noch bis auf die Berghöhe begleiten , und so machten wir uns viel aufgeregter und lauter auf den Weg , als wir gekommen waren . Die Mädchen , so schon durch ein Nichts , durch die bloße freie Gelegenheit in die höchste Stimmung reiner mutwilliger Lust versetzt , sangen fort und fort mit glänzenden Augen und verlockten uns mitzusingen , indem sie Welt- und Vaterlandslieder anstimmten . Dazwischen machte sich eine gegenseitige Neckerei mit Herzensangelegenheiten unter den Geschwistern geltend , das ganze süße Geplauder jenes hoffnungsreichen Alters befreite sich aus den offenen Gemütern und umspann alle mit gern gehörten Anspielungen , verstelltem Widerstande und schelmischer Rückantwort . Nur Anna schien vor den Angriffen sicher zu sein , während sie hie und da einen schüchternen Scherz hinwarf , und ich sagte gar nichts dazu , weil mein Herz voll war von den Begebnissen des Tages . Wir standen nun auf der Höhe , welche im Glanze der untergehenden Sonne schimmerte ; vor mir schwebte die federleichte , verklärte Gestalt des jungen Mädchens , und neben ihr glaubte ich den lieben Gott lächeln zu sehen , den Freund und Schutzpatron der Landschaftsmaler , als welchen ich ihn heute in dem Gespräche mit dem Schulmeister entdeckt hatte . Das scheidende Mädchen errötete noch stärker in die Abendröte hinein , als sie zuletzt auch mir die Hand bot . Wir berührten uns kaum mit den Fingerspitzen und nannten uns höflich Sie ; aber die Vettern lachten uns aus , und die Basen verlangten ernsthaft , daß wir uns mit Du anreden sollten , da hierzulande nichts anderes geduldet würde unter jungen Leuten . So wechselten wir unsere Taufnamen , verzagt und spröde ; aber der meinige schlüpfte wie ein Flötenton in mein Ohr , und als Anna schnell und ängstlich im Schatten ihrer Bergseite verschwand und wir auf der unserigen niederstiegen , hatte ich zwei Dinge erworben einen großen und mächtigen Kunstgönner , der unsichtbar über der dämmernden Welt hauste , und ein zartes Frauenbildchen , welches ich unverweilt in meinem Herzen aufzustellen wagte . Zweiter Band Erstes Kapitel Berufswahl . Die Mutter und die Ratgeber Ich konnte den unbestimmten Zwischenzustand nun nicht länger ertragen , sondern suchte unter meinen Sachen nach feinem Papier , um einen Brief an meine Mutter zu schreiben , den ersten in meinem Leben . Als ich ganz zuoberst am Rande das » Liebe Mutter ! « hinsetzte , schwebte sie mir in einem neuen Lichte vor ; ich empfand diesen Fortschritt und Ernst des Lebens wohl , und meine Schreibgeläufigkeit ließ mich anfänglich im Stiche und kaum die ersten Sätze finden . Doch führten mich die Schilderungen meiner Reise und der sonstigen Erlebnisse bald vorwärts , und meine Beschreibung fiel nur allzu geschmückt und prahlerisch aus . Ich trug ein großes Behagen zur Schau und ein gewisses sonderbares Bestreben , welches sich nachher mehrmals wiederholte , auf meine Mutter mit einem glücklichen Befinden und mit meinen verschiedenen Taten und Abenteuern ein Art Eindruck zu bewirken , eine förmliche Sucht , auf drollige Weise sie zu unterhalten und zugleich dadurch mich geltend zu machen . Alsdann ging ich auf den Zweck meines Schreibens über und erklärte unverhohlen , daß ich nun durchaus glaubte , ein Maler werden zu müssen ; und infolgedessen bat ich sie , sich vorläufig umzusehen und mit den verschiedenen Erfahrenen unserer Bekanntschaft sich zu beraten . Die Familien berichte und Grüße sowie einige wichtige Aufträge über kleine Gegenstände bildeten den Schluß des Briefes ; ich faltete ihn eng und künstlich zusammen und verschloß ihn mit meinem Leibsiegel , einem Hoffnungsanker , welchen ich längst in ein weiches Stückchen Alabaster gegraben hatte und nun zum ersten Mal gebrauchte . Nach dem Empfange dieses Briefes begab sich meine Mutter in ihre Staatskleidung , schlicht und einfarbig , bauschte ein frisches Taschentuch zusammen , das sie in die Hand nahm , und begann feierlich ihren Rundgang bei den ihr zugänglichen Autoritäten . Zuerst sprach sie bei einem angesehenen Schreinermeister vor , welcher viel in guten Häusern verkehrte und Weltkenntnis besaß . Als Freund meines seligen Vaters hielt er in Freundschaft zu uns , so wie er auch die Bildungsversuche jenes Kreises eifrig fortsetzte . Nachdem er Vortrag und Bericht der Mutter ernstlich angehört , erwiderte er kurzweg , das sei nichts und hieße so viel , als das Kind einer liederlichen und ungewissen Zukunft anheimstellen . Hingegen wußte der Schreiner bessern Rat , wenn einmal etwas Künstlerisches ergriffen werden müsse . Ein junger Vetter von ihm hatte sich in einer entfernteren Stadt als Landkartenstecher ausgebildet und genoß eines guten Auskommens , so daß er in den Augen seiner Sippschaft als etwas Rechtes dastand . Daher erbot sich der Ratgeber , mich aus besonderer Freundschaft in der Nähe dieses Mannes unterzubringen , wo ich dann , wenn wirklich etwas Tüchtiges in mir stäke , es nicht nur bis zum Stechen , sondern zum Selbstentwerfen der Landkarten bringen könne , indem ich meine Zeit wohl anwende zur Erwerbung der nötigen Kenntnisse . Dies wäre dann ein feiner , ehrenvoller und zugleich ein nützlicher und in das große Leben passender Beruf . Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gönner und auch einem Freunde ihres Mannes . Derselbe war ein Fabrikant von farbigen und bedruckten Tüchern , welcher sein ursprünglich geringes Geschäft nach und nach erweitert hatte und sich eines wachsenden Wohlstandes erfreute . Er erwiderte den Bericht meiner Mutter folgendermaßen : » Dieses Ereignis , daß der junge Heinrich , der Sohn unseres unvergeßlichen Freundes , sich für eine künstlerische Laufbahn erklärt , und