nicht . Dagegen wehrte ich mich aus Leibeskräften ! Freiwillig begab ich mich ganz gewiß nicht in das unerträgliche Joch , unter dem Dagobert und Charlotte schmachteten ! Seltsam aber war es doch , daß ich nicht den Mut fand , ihm diesen meinen festen Entschluß ungescheut in das Gesicht zu sagen . » Ich weiß nicht , was Ilse einfällt - das hat ja Fräulein Fliedner längst übernommen und Charlotte auch , « sagte ich zögernd . » Und Charlotte habe ich so sehr lieb , ihr werde ich ganz gewiß gehorchen . « » Das soll eben vermieden werden , « versetzte er ernst . » In Fräulein Fliedners Händen sind Sie gut aufgehoben . Charlotte dagegen hat noch viel zu viel mit sich selbst zu thun , als daß sie die Verantwortlichkeit für Ihren Bildungsgang übernehmen dürfte ... Wenn ich ihren unumschränkten Einfluß auf ein unerfahrenes Gemüt zulassen sollte , dann müßte sie in allen Stücken ein Vorbild sein können - davon ist sie jedoch weit entfernt ... Charlotte ist im Grunde eine edle Natur , aber sie hat Schlacken in ihrer Seele - ich weiß es , ich werde oft genug warnend und verbietend zwischen Sie beide treten müssen . « Hätte je ein Funken von Sympathie für diesen Mann in mir gelebt , bei seinem letzten , so rücksichtslos unumwundenen Ausspruch wäre er erloschen . Er rächte sich in diesem Augenblick bitter für Charlottens Plauderei hinsichtlich der Hinterstube - ich wußte es wohl - das war wieder einmal die hinterlistige Art und Weise der Revanche , die Dagobert so tief erbitterte . ... Und zu allem gab mich Ilse diesem steifen , eingerosteten Zahlenmenschen ohne weiteres in die Hände . Er steckte mich zwischen vier Wände , ließ mich lernen , sprach von den mir am meisten verhaßten Schreibübungen , und in alles , was ich that , guckten die verabscheuten Brillengläser . Er sprach schon vom Verbieten und betonte vor allem meine schlechte Handschrift , die sich bessern müsse . Wenn er geflissentlich mein ganzes Wesen zu Widersetzlichkeit und Aufruhr reizen wollte , so konnte er kein wirksameres Mittel ersinnen , als diese verhaßten Schreibübungen , die er mir fürs erste zudiktierte . Es regte sich auf einmal etwas von der heimtückischen Schlauheit der Katze in mir . » Sie werden mich recht viel schreiben lassen , nicht wahr ? « fragte ich ganz ruhig und scheinbar unterwürfig . » Und dazu haben Sie keine Lust , « sagte er , statt aller Antwort - abscheulich ! Er las mir die Gedanken vom Gesicht . » Nein , dazu habe ich nicht die mindeste Lust ! « bestätigte ich zornig . » Stecken Sie mich hinauf in die Bibliothek und lassen Sie mich lesen , und wenn ich monatelang keinen Atemzug frische Luft schöpfen und kein grünes Blatt sehen darf - meinetwegen , ich will ' s ertragen , ich thue es , aber schreiben ! Nein ! ... Es ist schrecklich , immer auf das weiße Papier zu sehen und eine krumme und gerade Linie nach der anderen hinzumalen , und unterdessen spukt und quirlt es durcheinander im Kopfe und vor den Augen , und die Füße finden keine Ruhe unter dem Tische - dann kömmt es mir siedend heiß herauf und klopft in den Schläfen , und ich springe auf und muß laufen , soweit mich meine Füße tragen ! « Er lächelte auf mich nieder . » Ich kann mir denken , daß sich Ihre ganze Natur gegen das rein Mechanische sträubt , « sagte er . » Sie wissen ja noch nicht , daß die Feder ein beseeltes und beschwingtes Wesen in unserer Hand wird , daß sie alles das , was Ihnen im Kopfe spukt und durcheinander quirlt , ausströmen kann - wer sollte Sie auch darauf hingeleitet haben ! ... Aber fragen Sie doch Ihren Vater - er hat mit der Feder in der Hand der Wissenschaft unberechenbar genützt , er wird ohne sie nicht leben wollen . « » Nun , dann will ich Ihnen auch sagen , daß ich sie gerade deshalb nicht ausstehen kann , « grollte ich . » Gibt es denn etwas Schöneres als den blauen Himmel droben und die köstliche Luft und den ganzen feierlichen Sonntagmorgen ? Und da sitzt nun mein armer , lieber Vater da oben hinter den dicken grünen Wollvorhängen , in der Bücherluft , die nach Leder-und Moderpapier riecht und schwer von Staub ist , und schreibt sich die Finger fast herunter , und hat darüber längst vergessen , wie schön die Welt ist ... Und wenn ich dann hineintrete , da fährt er empor und muß sich erst besinnen , daß ich sein Kind bin ... Meine Mutter hat auch immer geschrieben - sie hat mich nie in ihre Arme genommen und mich niemals getröstet , wenn ich geweint habe - und so will ich nicht werden , durchaus nicht ! « Wir waren währenddem in die Halle getreten und standen vor dem Korridor , in den die Thür meines Zimmers mündete . Herr Claudius nahm die Brille ab und steckte sie in die Tasche ... Und wenn es auch nur Herr Claudius war und ich ihn nicht leiden konnte , auffallend schöne Augen hatte er doch - es ging mir genau so mit ihnen , wie mit dem wolkenlosen Mittagshimmel ; er sieht sanft und harmlos mild aus , und wenn man fest hineinsehen will , da senken sich die Lider tief vor dem Sonnenfeuer , das ihn durchglüht . Jetzt schwieg ich beklommen - die Brillengläser waren mein Bollwerk gewesen ; mit ihnen floh mein Mut und verkroch sich in den allerentferntesten Winkel meiner Seele . Da kreischte draußen der Kies unter Menschentritten , die sich dem Hause näherten . » Na , das nehmen Sie mir aber nicht übel , Fräulein ! « hörte ich Ilse schon von ferne sagen . » Das ist mir ja eine greuliche Mode ! ... So ' ne