gehört , um Wunder zu erleben . Der Glaube , welchen das alte Fräulein von Byzanz so lange festgehalten hatte , daß nämlich die Welt ein Zaubergarten von Rechts wegen sein müsse , stand für die jungen Leute als erster und letzter Glaubensartikel unumstößlich fest , und sie hatten ihn nicht einmal wie Fräulein Adelaide von Saint-Trouin in den schlimmen und schlechten Anfechtungen des Tages mühevoll festzuhalten ; denn sie stellten sich unter einem Zaubergarten doch etwas anderes vor als jenes Paradies , aus welchem der Papa der würdigen Dame vordem emigrieren mußte . Von allen Fluren und Hügeln , aus allen Wäldern Krodebecks rund um sie her , erscholl ihnen tausendstimmig das Kredo der Jugend . Aus jedem Buche , welches sie lasen , lachte ihnen das Wunder entgegen . Bei Gott , sie waren nicht so dumm , sich mit dem Herrn von Florian und der Frau von Genlis zu begnügen . Sie begnügten sich nicht einmal mit der Bibliothek des Herrn von Glaubigern und den Herren Schiller und Goethe , denn da hätte es doch keine Leihbibliotheken in Halberstadt geben müssen . Der Chevalier und das Fräulein erfuhren längst nicht von jeder Lektüre , die Meister Hennig verstohlen herbeischaffte , und als echten Kindern der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts behagte ihnen - d.h. nicht dem Chevalier und dem Fräulein - die Lyrik und der Roman der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ungemein , und sie erlitten durchaus nicht den ästhetischen und moralischen Schaden dadurch , welchen sehr ehrenwerte Leute nicht voraussagen werden , weil sie auch diese Erzählung nicht lesen . Viel größeren Schaden als alle Lektüre hätte ihnen aber fast der junge Gottesgelehrte Franz Buschmann getan . Er erlebte kein Mirakel in Krodebeck , und so setzte er natürlich auch alles daran , bei den andern den Glauben daran zu untergraben ; nur gelang es ihm glücklicherweise nicht ganz so , wie er wünschte . Die Unbefangenheit der armen Tonie zerstörte er freilich allmählich , und er schien kein größeres Vergnügen zu kennen , als sie in Zorn und Tränen zu sehen . Als dann endlich die Seele des jungen Mädchens zu allen Lebensgefühlen erwacht war , winkte das Schicksal von neuem : die Götter ließen lachend auch dieses Spielzeug aus den Händen fallen ; Herr Dietrich Häußler kam als ein großer Mann nach Krodebeck zurück , doch nicht , um daselbst zu wohnen und Gutes zu tun , sondern um , nach so langem Verschollensein , ganz und gar wie früher vollkommen das Gegenteil von dem zu tun , was man von ihm zu erwarten sich seltsamerweise immer noch berechtigt glaubte . Neunzehntes Kapitel Es ist jetzt mehr Sitte als Notwendigkeit ( wie ältere Sachverständige schnöde behaupten ) geworden , daß diejenigen jungen Leute , die sich dem Landbau widmen , wenn ihre Vermögensumstände oder ihre Hoffnungen es erlauben , ein Jahr oder ein halbes auf einer Universität zubringen , weniger der Wissenschaften und des Herrn von Liebig als des Gaudeamus igitur wegen , wie die oben angeführten Sachverständigen gleichfalls behaupten . Auch für den Junker von Lauen war dieser heißersehnte Zeitpunkt nunmehr herangekommen , das Halberstädter Gymnasium lag hinter ihm , und nach abgehaltenem Familienrat stand es fest , daß er im Oktober nach Berlin gehen werde . Man befand sich , nach der Juden Zeitrechnung , im sechsten Jahrtausend der Welterschaffung , und so war es in der Tat hohe Zeit , daß das , was Adam sehr verdrießlich und ganz als Autodidakt begonnen hatte , endlich in ein System gebracht werde . » Es ist vor allem unsere Pflicht und Aufgabe , uns auf der Höhe der Situation zu erhalten « , meinte der Ritter von Glaubigern . » Der größere Grundbesitz hat auch hier dem kleineren mit einem guten Beispiel voranzugehen - weshalb sollten wir den jungen Menschen nicht nach der Hauptstadt senden ? Er mag gehen und wird nachher sich der Verwaltung des alten Erbteils seiner Väter mit desto größerem Eifer widmen und den Römischen Kaiser in partibus , Joseph II. , Maria Theresia regnante , das heißt unter der obersten Leitung seiner braven Frau Mutter , desto freudiger und nutzbringender agieren . « » Ich sehe kaum einen Grund davon ein ! « hatte Fräulein Adelaide gesagt ; aber die gnädige Frau war natürlich wieder auf die Seite des Chevaliers getreten , und mit innerlichem Jauchzen hatte Hennig seinen Willen durchgesetzt , obgleich ihm die eigentliche Wissenschaft des Pflügens , Düngens , Säens und Erntens bereits wie im Spiel in die Hand gewachsen war , wie vordem allen seinen Ahnen , die nie eine Universität besuchten und doch den Lauenhof stets auf der Höhe ihrer Zeiten erhielten . Doch wir befinden uns augenblicklich erst in der Weizenernte . Der Pastorenfranz war zum erstenmal von Halle heimgekommen , wo er ein Stipendium und einen Freitisch genoß und seine kostbare Gesundheit durch allzu eifrige Hingabe an seine Studien in Gefahr setzte , wie seine Mama behauptete . Daß er studierte , daß er ohne alle Widersetzlichkeit Theologie studierte , war zu einer Tatsache geworden , und daß er sich von dem Freitisch und seinen Studien in Krodebeck mit aller Hingabe erholte , war gleichfalls eine Tatsache . Den Freitisch lästerte er ganz offen und ohne Zwang ; über seine Studien dagegen sprach er sich natürlich nur ganz im Vertrauen gegen Hennig mit Verdruß und Verachtung aus . » Aber man frißt sich durch « , setzte er jedesmal hinzu ; » Behaglichkeit ist die Hauptsache , die Gnade wird sich späterhin auch wohl einstellen , und Hennig , ich verlasse mich fest auf dich und rechne auf Krodebeck , wenn der Alte einmal - na , du verstehst mich ! « Der Junker verstand ihn freilich und ärgerte sich häufiger denn je an ihm ; weniger über Insinuationen gleich der eben angeführten , die er im Grunde doch für ganz natürlich und wohlbegründet erachtete , sondern über die wirklich wunderbare Behaglichkeit , mit der ihn der junge Gottesgelehrte dann und