einige zurückrufende Zeilen auf das Papier . Bereits am Tage nach der Beerdigung sollte , dem letzten Willen der Verstorbenen gemäß , das Testament eröffnet werden . Zu diesem Akte brauchte Frau Hellwig eine Stütze , sie war überhaupt fassungslos , wie noch nie in ihrem Leben . Der mögliche Verlust eines bedeutenden Vermögens , das sie stets für unverlierbar gehalten , wirkte in seiner Schreckgestalt selbst deprimierend auf ihre eisernen Nerven . Ein eigentliches Ziel hatte sich die Reisegesellschaft nicht gesteckt . » Eine Reise ins Blaue hinein , und wo es uns gefällt , wollen wir Hütten bauen , « hatte das Programm gelautet ; Frau Hellwig mußte demnach ihren Brief auch ziemlich ins Blaue hineinschicken ... Das Suchen , mit welchem sie in der Mansardenwohnung den Tag begonnen hatte , wurde nun im Zimmer ihres verstorbenen Mannes fortgesetzt . Unter den Familienpapieren mußten sich Beweise finden , daß der alten Mamsell nicht das Recht zugestanden habe , eigenmächtig über ihren Nachlaß zu verfügen . Sie hatte möglicherweise Ersparnisse von ihren Zinsen gemacht , das war bereits gestern abend Frau Hellwigs Vermutung gewesen - das Thürschloß der Vogelstube hatte wacker seine Schuldigkeit gethan und auch dieses Kapital der Familie erhalten ... Wie die große Frau auch sann und grübelte , sie wußte sich selbst nicht mehr zu sagen , woher ihr jene Ueberzeugung , die sie viele Jahre hindurch unumstößlich festgehalten , gekommen war . Hatte sie die Verfügung von Cordula Hellwigs Vater einst selbst gelesen , oder war es die mündliche Ueberlieferung irgend einer glaubwürdigen Person - genug , überzeugt war sie noch , und die Papiere mußten sich finden ... Sie suchte und las , bis ihr leichte Schweißperlen auf die blasse Stirn traten - es war heute ein wahrer Unglückstag - ihre Forschungen waren ebenso erfolglos wie die von heute morgen ... Das Glück schüttet am liebsten kaltherzigen , berechnenden , phantasielosen Menschen seine Rosen vor die Füße - scheint es doch , als wähne es bei reich angelegten Naturen seine Schätze minder sicher als bei solchen , die nicht allein am Geldkasten , sondern auch vor der Seele eiserne Riegel haben ... Die große Frau war eines jener verwöhnten Glückskinder - sie war daher sehr verwundert über den heutigen Unglückstag . Zwei Tage waren vergangen , der abgesandte Brief irrte wahrscheinlicherweise noch wohlverpackt in der Postkutsche durch die grünen Thäler des Thüringer Waldes , und die alte Mamsell wurde zur Erde bestattet , ohne daß ein Träger des Hellwigschen Namens hinter ihrem Sarge geschritten wäre . Felicitas trug ihren tiefen Schmerz schweigend , mit jener Selbstbeherrschung , die groß angelegten Charakteren eigen . Die Schwäche , welche Trost im Zureden anderer sucht , kannte sie nicht - seit ihrer Kindheit war sie gewöhnt , alles Schwere mit sich allein auszukämpfen und ihre Seelenwunden ausbluten zu lassen , ohne daß ihre nächste Umgebung das Vorhandensein derselben ahnte . Sie hatte es grundsätzlich vermieden , die Tote noch einmal zu sehen . Der letzte bewußte Blick der Sterbenden , der noch einmal auf ihr geruht , war für sie der Abschied gewesen - sie wollte das liebe Gesicht unbeseelt nicht in ihre Erinnerung aufnehmen ... Aber am Nachmittag des Begräbnistages , als Frau Hellwig ausgegangen war , nahm sie einen der Schlüssel , die in der Gesindestube hingen ; er schloß den Korridor , in welchen die dem Leser bekannte Rumpelkammer mündete . Die mit den Jahren so bedeutend zunehmende Korpulenz der Hausfrau ließ sie alles Treppensteigen möglichst vermeiden , aus dem Grunde hatte die alte Köchin schon seit länger ungehindert Zutritt in die am höchsten gelegenen Räume . Tante Cordula sollte und mußte heute noch frische Blumen auf ihrem Grabhügel haben , aber nur solche , die sie selbst gepflanzt hatte . Die Mansardenwohnung war , mit Ausnahme der Vogelstube , versiegelt - auf diesem Wege konnte man mithin nicht zu dem hängenden Garten gelangen , den die Nachlässigkeit des Justizbeamten von aller menschlichen Pflege abgeschnitten hatte ... Nach neun Jahren zum erstenmale wieder stand Felicitas am Fenster der Dachkammer und sah hinüber nach dem blumenbedeckten Dach ... Was alles lag zwischen jenem unglückseligen Tage , wo ihre gemißhandelte Kinderseele sich gegen Gott und die Menschen empörte , und heute ! Dort drüben war ihr Heim - dort hatte die Einsame das geächtete Spielerskind beruhigend an ihr großes , edles Frauenherz genommen und mit allen Waffen ihres Geistes den Mordversuch auf seine Seele abgewehrt . Dort hatte das Kind unermüdlich gelernt und infolge dieses Lernens erst wahrhaft gelebt ... Er , der in diesem Augenblick in schöner Damengesellschaft genießend die prächtigen Thüringer Wälder durchstreifte - er ahnte nicht , daß sein einstiger , auf Vorurteil und finster zelotischer Anschauungsweise basierter Erziehungsplan einzig an einigen wagehalsigen Schritten über die zwei schlanken Rinnen da unten gescheitert war . Und jetzt sollte dieser Weg noch einmal zurückgelegt werden . Felicitas stieg aus dem Fenster und schritt über die Dächer ; sie kam rasch und leicht hinüber und hatte bald den ebenen Boden der Galerie unter ihren Füßen ... Die armen Dinger da , die so harmlos mit den Köpfchen im leisen Zugwind nickten , waren weit schlimmer dran , als die Lilie auf dem Felde . Wie durch ein Zauberwort hoch in den Lüften festgehalten , wußten sie nichts von der süßen warmen Muttererde , nichts von dem starken Heimatboden , der die Grundfesten mächtiger Bäume wie das zarte Wurzelgefaser der kleinsten Blume sich fest in das Herz drückt - ihr Wohl und Wehe hatte in den zwei kleinen weißen , welken Händen gelegen , die jetzt selbst still in dem Heimatboden ruhten und zu Erde wurden . Noch fühlten indes die Herausgesperrten ihre Verwaisung nicht , es hatte mehreremal zur Nachtzeit stark geregnet - in diesem Augenblick blühten und dufteten sie um die Wette . Felicitas drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben der Glasthür und sah hinein in den Vorbau . Da stand der kleine runde Tisch ; das Strickzeug mit einer halb abgestrickten Nadel lag neben