, sein vielgeliebtes Meer , auf dem sich seine Träume , seine Hoffnungen so oft dem Fluge der Möven gewiegt hatten ? war es der dunkle Abgrund , in den seine Hoffnungen und Träume wie die Schätze eines gescheiterten Schiffes auf immer unwiederbringlich gesunken waren ? Drüben , jenseits der schwarzen Wasserwüste , lag die Insel , so nah und doch so fern , wie die Zeit , die er dort verlebte , die kurze Spanne Zeit , die Alles umschloß , was er von Glück und Frieden je im Leben gekannt hatte . Ein Fährboot , das von der Insel herüberkam , fuhr dicht an der äußersten Spitze des Dammes , auf der er stand , vorüber . Er hörte das taktmäßige Eintauchen der schweren Ruder in ' s Wasser und das eigenthümliche dumpfe Kreischen derselben gegen die Pflöcke ; er hörte die verworrenen Stimmen der nächtigen Passagiere . Er ging in die Stadt zurück , und kam über den Marktplatz . Er blieb vor dem Hause stehen , in welchem Berger gewohnt hatte . Es war kein Licht in den Fenstern . Er konnte bei dem Schein einer Laterne sehen , daß die grünen Jalousien geschlossen waren , wie in einem Hause , in welchem der Besitzer gestorben ist . Von dem Thurm der Nicolaikirche tönten die feierlichen Accorde eines Chorals , mit dem man , alter Sitte gemäß , in Grünwald allabendlich um neun Uhr dem dahingeschwundenen Tag Lebewohl sagt . Oswald hörte zu , bis der letzte Ton verklungen war . Er dachte an den Tod und an das große Geheimniß , welches das Grab nicht erschließt , sondern nur noch dunkler macht , und wie glücklich doch die Menschen sein müßten , die in dem Glauben an den Heiland und Erlöser ihre Zuversicht finden . Das langgezogene Heraus ! des Postens vor der Hauptwache riß ihn aus seinen Träumereien . Eine quäkende Stimme kommandirte : Gewehr auf ! Gewehr ab ! Helme ab zum Gebet ! Frömmigkeit auf Commando - Herzensergießung nach dem Paragraphen des Wachtdienstes ! In einem wohlgeordneten Staate muß Alles geregelt sein . Warum bist du , sprach Oswald weiter bei sich , während er nach dem Thore schritt , nicht ein Pedant unter Pedanten , da dir das Schicksal nun einmal mißgönnt , unter Römern ein Römer zu sein ? Weshalb sträubst du dich gegen den Kamm , über den sich alle diese guten Schafe geduldig scheeren lassen ? Du könntest es ja doch auch bequemer haben , wie Andere ! Es mag sich Alles in Allem , gar nicht so schlecht in dem Großvaterstuhl eines Amtes , wie Berger es ausdrückt , sitzen ; die Schlafmütze einer Würde mag vor manchem Rheumatismus , der einen sonst aus der windigen Welt anweht , schützen , und wer ein tugendsam Weib hat , der lebt noch einmal so lange , und wenn er dann nun doch endlich gestorben , so blasen sie hoch vom Thurm , daß die ganze Stadt es vernimmt und für das Heil seiner Seele betet . Ueber ihm rauschten die Bäume , mit denen die Vorstadtsstraße , in welcher die Pensionsanstalt des Fräulein Bär lag , besetzt war . Der Nachtwind hatte die Nebeldecke zerrissen und die Sichel des zunehmenden Mondes schwankte durch die gespenstisch flatternden Wolken . Ein Reiter jagte nach der Stadt zu an ihm vorüber . Das Thier schnaufte und die Funken sprühten . Im nächsten Moment hallte der Hufschlag auf dem Pflaster schon dumpf und fern , wieder lauter und wieder dumpfer und verhallte endlich ganz . » Gewiß Jemand , der nach dem Arzt reitet - ein Gatte vielleicht , dessen Frau in Kindesnöthen , ein Vater vielleicht , dessen einziger Sohn im Sterben liegt . « - Oswald dachte an die Nacht , in welcher Bruno starb , und an den grausigen Ritt über die Haide von Grenwitz nach Faschwitz . Wenn Bruno am Leben geblieben wäre ! Es war Oswald , als würde dann Alles anders gekommen sein ; als wäre er erst durch den Tod des vielgeliebten Knaben so grenzenlos arm geworden ; als hätte er mit ihm gegen eine Welt in Waffen ankämpfen können . Mit ihm und für ihn ! Für Bruno wäre ihm kein Opfer zu schwer gewesen , selbst nicht das Opfer seiner Liebe zu Helene . Bruno , aber auch nur ihm , hätte er das schöne Mädchen gern und willig gegeben . Gegeben ? was hatte er denn zu vergeben ? er , der Bettler ? Da stand er vor dem Hause , welches er suchte , und lehnte sich an das eiserne Gitter des Gartens . In dem Hause war kein Fenster mehr erleuchtet . Die Bewohnerinnen mußten schon zur Ruhe gegangen sein . Er dachte an die Sommernächte , wenn er im Park von Grenwitz stundenlang nach dem offenen Fenster mit den heruntergelassenen Vorhängen emporschaute , aus dem die Töne des Claviers durch die stille , weiche Luft zu ihm herüberwehten ; und dann noch stundenlang , wenn das Licht hinter den rothen Vorhängen erloschen und die Musik verstummt war , zwischen den Beeten und unter den Buchen des Walles auf und nieder wandelte , manchmal bis der erste Purpurstreifen des Frühroths den östlichen Horizont säumte und die Vögel in dem dichten Gezweig über ihm schlaftrunken zu zwitschern begannen . Ein Windstoß sauste durch die beiden hohen Pappeln rechts und links von der Pforte und zischelte unheimlich in den dürren Blättern . In dem Hause klappte ein Fensterladen - ein Hund in einem Nachbarhause begann zu heulen . Oswald schauderte , wie im Fieber . Die momentane Aufregung nach einer langen Fahrt im Postwagen war vorüber ; er fühlte sich matt und krank . Er knöpfte seinen Ueberrock fester zu und wandte sich , in die Stadt zurückzukehren . Ein Wagen kam ihm im schnellsten Rollen entgegen . Ein Reiter mit einer Laterne in der Hand sprengte vorauf - derselbe wohl , der vorhin , wie toll , durch die schwarze Nacht