hatte , steckte er unter den Bauleuten , ging ihnen an die Hand und übernahm viele Arbeiten ganz , um sie zu ersetzen und zu sparen . Mein Weg zur Arbeit führte mich jeden Tag an diesem Hause vorüber , und immer sah ich ihn zwischen zwölf und ein Uhr , wenn alle Arbeiter ruhten , und am Abend wieder , mit einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gerüsten stehen . Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in seiner Emsigkeit , an den ungeheuerlichen Mauern hängend , höchst seltsam aus ; ich mußte unwillkürlich lachen und hätte fast einem freundlichern Gefühle Raum gegeben , da er in diesem Wesen doch liebenswürdig und tüchtig erschien , wenn er nicht einst die Gelegenheit wahrgenommen hätte , einen ansehnlichen Pinsel voll Kalkwasser auf mich herunterzuspritzen . Eines Tages , als ich des Hauses bereits ansichtig war , führte mich mein milder Stern durch eine Seitenstraße einen andern Weg ; als ich einige Minuten später wieder in die Hauptstraße einbog , sah ich viele erschreckte Leute aus der Gegend jenes Hauses herkommen , welche eifrig sprachen und lamentierten . Um die Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen , hatten die Bauleute erklärt , ein erhebliches Gerüste anbringen zu müssen . Der Unglückliche , der sich alles zutraute , wollte die Kosten sparen und während der Mittagsstunde die Fahne in aller Stille abnehmen , hatte sich auf das steile hohe Dach hinausbegeben , stürzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot auf dem Pflaster . Es durchfuhr mich , als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges weiterging , wohl ein Grauen , verursacht durch , den Fall , wie er war ; aber ich mag mich durchwühlen , wie ich will , ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen oder Reue entsinnen , die mich durchzuckt hätte . Meine Gedanken waren und blieben ernst und dunkel , aber das innerste Herz , das sich nicht gebieten läßt , lachte auf und war froh . Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut , so glaube ich zuversichtlich , daß mich Mitleid und Reue ergriffen hätten ; doch das unsichtbare Wort , mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr , gab mir nur Versöhnung , aber die Versöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes , der Rache und nicht der Liebe . Ich konstruierte zwar , als ich mich besonnen , rasch ein künstliches und verworrenes Gebet , worin ich Gott um Verzeihung , um Mitleid , um Vergessenheit bat ; mein Inneres lächelte dazu , und noch heute , nachdem wieder Jahre vorübergegangen , fürchte ich , daß meine nachträgliche Teilnahme an jenem Unglücke mehr eine Blute des Verstandes als des Herzens sei , so tief hatte der Haß gewurzelt ! Neuntes Kapitel Um wieder zu jener Schulzeit zurückzukehren , so kann ich nicht bekennen , daß dieselbe hell und glücklich gewesen sei . Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich nun erweitert , die Ansprüche waren ernster geworden , ich hatte ein dunkles Gefühl , daß es sich um Wichtiges und Schönes handle , und auch einen gewissen Drang , diesem Gefühle zu genügen . Aber die Übergänge von einer Stufe zur anderen waren mir nie klar und gingen mir immer verloren . Das einzige Element , in dem ich sicher lebte wie in der Lebensluft , war die Sprache . Meine Schulabteilung war für solche bestimmt , welche sich später dem Gewerb- oder Handelsstande widmen wollten ; daher wurde in den niederen Klassen , durch welche ich gelangte , außer dem Deutschen nur Französisch und Italienisch gelehrt . Letztere beiden bestritt ich ohne Mühe , indem ich , über die grammatikalischen und Vokabelnaufgaben flüchtiger hinwegeilend , durch die Geläufigkeit in der Muttersprache unterstützt , leicht erriet und daher gut ins Deutsche übersetzte . Sollte ich dagegen von diesem in die fremden Sprachen übersetzen , so kam mir eine große Geschicklichkeit im augenblicklichen Nachschlagen zustatten , da ich einmal sogleich fühlte , was tauglich und wo es zu suchen sei . Dies täuschte die Lehrer , daß sie mich überall für gut beschlagen hielten , mich zu denen zählten , welchen man weniger aufmerken müsse , und zufrieden waren , wenn ich die Übersetzungen und Stilübungen pünktlich und erträglich einlieferte . Mein deutsches Lernen hingegen konnte gar keine Arbeit , sondern nur ein Vergnügen genannt werden . Schon vor Jahren in der ersten Schule hatte ich Orthographie und Interpunktion mir vollkommen angeeignet und wie man sprechen lernt . Nachher hielt meine kleine Schreibkunst mit meiner Erfahrung Schritt , und was ich sagen wollte , konnte ich richtig niederschreiben und wunderte mich , wie gerade dies so viele Schüler in Verzweiflung setzte . Stilkünste und Wendungen merkte ich aus den gelesenen Büchern ; was mir , nach meinem jeweiligen Geschmacke , auffiel , das wandte ich aus Nachahmungstrieb an , bis ich besser unterscheiden lernte . Daher fielen meine Aufsätze umfangreich und überschwenglich aus , ich schriftstellerte förmlich darin mit großer Liebhaberei und erschöpfte jedesmal den Stoff nach allen Seiten , soweit der Verstand reichte . Während meines Besuches der Schule waren sich zwei verschiedene deutsche Lehrer gefolgt . Der erste war ein patriotischer Mann , welcher uns mit Begeisterung die Schweizergeschichte vorerzählte und stückweise als Stoff zu schriftlichen Arbeiten aufgab . Dieser Stoff war mir zu knapp , da er jedesmal nur für zwei oder drei Seiten berechnet war und ich hier füglich nicht viel hinzutun konnte . Ich half mir mit allerlei Schilderungen der Lokalitäten und Personen , welche etwas seltsam und unnütz ausfielen und den Lehrer aufmerksam machten . Als wir zur Geschichte des Tell kamen , hatte ich das Schillersche Drama schon gelesen und glaubte mich im Besitze besonderer Quellen . Mein Aufsatz war eine prosaische Wiedererzählung des Gedichtes und besonders die Liebesgeschichte weitläufig ausgemalt . Als der Lehrer mit den durchgesehenen Heften in die Stunde und die Reihe des Beurteilens