. Wäre sie vom Prinzen nicht getrennt worden , wer weiß , ob die fast leidenschaftslose Freudigkeit , mit der sie am Prinzen wie an einem Bruder hing , je eine tiefere Saite ihres Gemüths angeschlagen hätte . Aber ihr Gefühl einmal angeregt , entwickelte sich , so lange zurückgedrängt , mit doppelter Macht . Getrennt vom Prinzen , suchte ihre Phantasie einen andern Ausweg ; sie gerieth in die Hände des Paters Angelikus und wurde religiöse Schwärmerin . Wie welkes Laub vor dem Hauche des Frühlings , zerstob ihre fromme Sentimentalität vor dem Athem wahrer Leidenschaft . Statt einer künstlichen geruchlosen Blume blühte die süßduftende Centifolie einer tiefen gluthvollen Liebe in ihrem Herzen empor . Lydia ' s Herz war nach seiner Wiedergeburt in stiller , aber kräftiger Entwicklung bis zur vollkommenen Reife gediehen ; so bedurfte es nur eines warmen Sonnenstrahls , um die schwellende Knospe plötzlich zur vollsten Blüthe zu entfalten . Der Prinz selbst war überrascht über die Wärme Lydia ' s , die er früher nicht geahnt hatte . Inniger umfing er die Bebende ; glühender strömten seine Küsse auf Mund und Wangen . Seine Brust klopfte gewaltig ; sein Blut jagte mit rasender Schnelligkeit durch die Adern . Wie übermannt von der Uebermacht seiner Empfindung entriß er sich den Armen Lydia ' s und stürzte neben ihrem Lager auf die Knie . - Lege Deine Hand auf meine Stirn , Geliebte , und kühle die Gluth , die mich verzehrt - bat er . Lydia lächelte mit seliger Verklärung auf ihn herab . Ihre Augen glänzten in wonniger , überquellender Sehnsucht , die Gluth ihres Innern warf einen rosigen Wiederschein auf ihre Wangen . Es war die Morgenröthe des künftigen schönen Liebelebens . Von Neuem umfing er sie ; er zog sie näher zu sich heran und preßte sein heißes Gesicht auf ihr fieberhaft klopfendes Herz . - - Da - der Prinz taumelte , von einem Faustschlage getroffen , einige Schritte rückwärts . Lydia stieß einen Schrei des Entsetzens aus , als sie Salvadors zürnende Gestalt erblickte . Die ungeheure Gewalt , welche sich der Knabe in diesem Augenblicke anthat , um nicht auf seinen Gegner loszustürzen , machte ihn sprachlos . Aber während seine Rechte krampfhaft des Griffs des Dolchs hielt , sprühten Funken des Hasses und der Erbitterung aus seinen rollenden Augen und aus seinem , von den wilden , schwarzen Locken umdüsterten Gesicht . So stand er , den Angriff des Prinzen erwartend . Aber der Prinz stand kalt und regungslos ihm gegenüber . Es trat eine minutenlange , unheimliche Stille ein , während welcher man nur den heftigen Schlag dreier , von Erbitterung , Angst und Verzweiflung erfüllten Herzen hätte vernehmen können . Endlich erhob der Prinz sein Gesicht . Fast wehmüthig sah er dem Knaben in das von Thränen des Schmerzes erfüllte Auge . - Du liebst sie also ? - sagte er sanft , auf Lydia deutend . - Nein , ich verachte sie - erwiederte mit bebender Stimme Salvador , doch schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen . - Sag ' , daß Du ihn hassest , wie ich ihn hasse - schluchzte er - sag ' , daß Du schliefst und nichts von Dir wußtest , als seine Arme Dich umfingen - so will ich ruhig sein und Deinem Winke gehorsam . Sprich , Du liebst ihn nicht ? - - Nein , Salvador , ich kann nicht lügen ; er ist ein edler Mann und keines Verraths fähig - - Aber Du liebst ihn nicht , nicht wahr ? - bat dringend der Knabe , seinen Dolch fester fassend . - Ja , ich liebe ihn - sagte Lydia , den leuchtenden Blick auf den Prinzen gerichtet , der mit gekreuzten Armen dastehend , jede Bewegung des Knaben verfolgte . - Dann mußt Du sterben , Verrätherin - rief der Knabe , den Dolch aus der rothen Schärpe ziehend . Aber in dem Augenblick , als die Spitze des Dolchs den Busen Lydias berührte , fühlte Salvador seinen Arm von einer kräftigen Hand gefaßt , so daß der Dolch klirrend zu Boden fiel . Der Prinz , auf dessen bleiche Stirn die ruhige kalte Hoheit zurückgekehrt war , welche gewöhnlich darauf thronte , wies mit der Hand nach der Thüre . - Wohl Dir - rief er mit donnernder Stimme , daß Du Dir durch den Tod Gilberts einen so gewichtigen Anspruch auf meine Dankbarkeit verschafft - und nun hinweg ! Salvador raffte seinen Dolch empor , erhob noch einmal seine Hand , wie zum Fluche über Lydia , und stürzte hinaus - - Er irrte lange umher , ohne zu wissen , wohin . Als seine Besinnung zurückgekehrt - fand er sich wieder am Palais des Prinzen , und vor ihm stand - der Pater Angelikus . - - - XV Es war ein kleines und niedriges Gemach . Eine schmuzige Oellampe , die in der Mitte von der Decke herabhing , warf einen trüben Schein auf das Schmerzenslager , das in der dunkelsten Ecke stand . -- Kommt er noch nicht ? - stöhnte der Kranke , sich mühsam nach der Seite wendend . - Ruhig , mein Sohn ! erwiederte mit dem Ton des Trostes ein Mann in einem schwarzen , talarartigen Mantel , indem er einen fragenden Blick auf ein hohes , gleichfalls schwarzgekleidetes Weib warf , das mit prüfenden Augen den Kranken betrachtete . Leise schüttelte sie , dem Blicke des Priesters antwortend , den Kopf . Der Kranke war Gilbert , der Priester war Angelikus , die hohe schwarze Frau war Ines . Gilbert hatte dem Pater gebeichtet und die Absolution empfangen , denn seine Wunde schien tödtlich . Angelikus mußte aus dem Bekenntniß , welches der sterbende Vertraute des Fürsten vor ihm abgelegt , eine Menge erfreulicher Dinge erfahren haben , denn durch seine sonst in tiefen Ernst gehüllte Züge blitzte zuweilen ein Lächeln innerer Befriedigung und heimlichen Triumpfes . Gilbert hatte den Pater