» Sie muß also aus Liebe quälen , « sagte Steinheim und nahm bald darauf Abschied von Jenny , die wieder zu malen angefangen hatte . Nun war sie mit Erlau ganz allein . Eine Weile arbeitete sie eifrig fort , vielleicht um ungestört über etwas nachzudenken , bis der Maler sie fragte , ob sie Neigung hätte , Theresens Rath zu befolgen und die schönsten Ansichten der Gegend zu skizziren ? Nein , antwortete sie , ich bedarf dieser sinnlichen Anhaltspunkte nicht , um mich deutlich und mit Vergnügen an Orte zu versetzen , die mir durch irgend etwas theuer sind . Es ist mir im Gegentheil oft lästig , wenn solch ein Bildchen mir eine Landschaft , die mir im schönsten Lichte fröhlicher Erinnerung vorschwebt , so dürftig und verkleinert zeigt , daß sie mir fremd und schattenhaft erscheint . Da werden Sie mich vielleicht für einen Menschen halten , der ganz und gar der Sinnenwelt gehört , wenn ich Ihnen sage , daß ich erst vor einiger Zeit das Bild einer Dame beendete , um es mir als Andenken an sie zu bewahren . Geht die Giovanolla denn schon fort von hier ? Ich hatte gehört , es sei gelungen , sie für die hiesige Bühne zu gewinnen , sagte Jenny mit Beziehung auf die Huldigung , welche der junge Maler seit Monaten der schönen Sängerin unverhohlen dargebracht . Die Giovanolla würde ich mir ebenso wenig zum Andenken malen als die mediceische Venus . Sie ist mir Studie , und vielleicht die schönste , die man findet . Solche Köpfe bewahrt unser Album , und sie gehören der Nachwelt , der wir sie überliefern . Anders ist es mit den Gestalten , die dauernd in unserer Seele leben und deren Abbild , nur von uns gesehen , auf unserm Herzen ruht , erwiderte Erlau und zog eine kleine Kapsel hervor , die er mit einem Federdruck öffnete , und in welcher Jenny ihr eigenes Bild im Costüme der Rebekka sprechend ähnlich vor sich sah . Erlau ! rief Jenny erschreckt , um Gottes willen , was soll das heißen ? Das heißt , daß ich nicht das Irrlicht , der Leichtfertige , der Unbeständige bin , für den Sie mich halten ; es beweist , daß auch ich das geistig Schöne erkennen und leidenschaftlich - er hielt inne und sagte dann mit leiserem Tone : verehren kann . Verwirrt und überrascht schwieg Jenny still und sah scheu zur Erde nieder . Dies Schweigen benutzte Erlau . Fürchten Sie nichts , Jenny ! sagte er , ich gehöre nicht zu den Thoren , die jeden schönen Stern , der in ihre Seele leuchtet , hinabziehen möchten in den Staub , um ihn sich anzueignen . Ich freue mich , daß er ist , daß er seine leuchtenden Strahlen auch in mein Auge fallen läßt , denn er ist es , der meinen Farben ihren Glanz , meinen Gebilden ihren tiefen Sinn verleiht ; und ich verlange nichts , als daß er sich nicht verdunkeln lasse durch irdische Verhältnisse , daß er nicht untergehe in der Prosa eines gewöhnlichen Lebens . Versprechen Sie mir das ? rief er mit Wärme und reichte ihr seine Hand entgegen . Mit vollster Zuversicht ! antwortete Jenny und schlug in die dargebotene Rechte . Ich verspreche Ihnen immer das Bild des Schönen in der Seele , und das Streben danach in mir rege zu erhalten . Ihrem Schaffen und Wirken , Ihnen selbst wird mein Geist willig folgen ; und in der Liebe zur Kunst bleiben wir vereint , wenn wir einst uns trennen . Und das geschieht noch heute , sagte Erlau . Dieser ganze Winter hat schwer auf mir gelegen , mein Herz hat unter seinem eisigen Scepter viel gelitten . Es hat mir weh gethan mein Herz - recht weh ! und Haß und Neid , und wie diese Dämonen sonst noch heißen mögen , die alle sind in meine sonst so fröhliche Seele gezogen . Seit ich dies theure Bild gemalt , hat kein anderes mehr gelingen wollen ; es wird immer nur das Eine , und darum , Jenny ! muß ich gehen . Wenn erst Italiens heiterer Himmel und seine schönen Menschen mich wieder umgeben , dann wird es besser werden . Und wenn ich zurückkehre , soll Niemand ahnen , wie ich geweint , als ich zum letzten Male vor Dir stand , Niemand als nur Du ! Mit diesen Worten schied er plötzlich und ließ Jenny betäubt und erschüttert zurück . Nie war es ihr eingefallen , daß Erlau einer solchen Liebe fähig , daß sie der Gegenstand derselben sein könne . Sie hatte ihn geistreich gefunden ; seine fröhliche Laune , sein unerschöpflicher Humor und besonders sein bedeutendes Talent hatten sie angezogen , und sie konnte sich nicht verhehlen , daß er ihr vor ihrer Verlobung in einer Weise begegnet sei , die ihr seine Neigung hätte verrathen können , wenn sie damals auf irgend Jemand , außer auf Reinhard geachtet hätte . Erlau ' s Liebe zu ihr betrübte sie , und doch machte es ihr Freude , von ihm um jener Eigenschaften willen geliebt zu werden , welche sie selbst in sich als eine Quelle poetischen Genusses schätzte , und die Reinhard fast unbeachtet ließ . Sie hatte mit Erlau die sprudelnde Leichtigkeit des Geistes gemein , die Scherz und Ernst auf wundersame Weise zu mischen und das Leben wie ein fröhliches Spiel zu nehmen begehrt , dessen ernste Bedeutung sie trotzdem wohl verstand . Aus dieser gewohnten Denkart hatte ihr Verhältniß zu Reinhard sie gerissen , und so sehr sie Reinhard ' s Charakter ehrte , so erschreckte sie doch oft der strenge Ernst , den er selbst auf die unbedeutendsten Verhältnisse angewendet wissen wollte . Jetzt besonders , als sie angstvoll mit den Zweifeln gerungen , die der Uebertritt zum Christenthum in ihr hervorgerufen , hatte Erlau , ihre trübe Stimmung bemerkend , mit unermüdlicher Gefälligkeit täglich auf irgend eine