dem Baron Mannlich , den er verehrte , fast ernsthaft verfeindete , weil dieser , seiner Rolle als Götz getreu , den Despotismus , die Heuchelei und den Geiz der Kirchenfürsten heftig schalt und mit den grellsten Farben ausmalte , und selbst nicht hinhörte , als Emmrich , um ihn zu beruhigen , erinnern wollte , daß dieser Tadel die letzten milden und großmütigen Bischöfe nicht treffen könne . Der Schulmeister Selbitz , als Mitglied der Kirche , sowie der Ritterschafe , war dreist genug , in diesem Streit auch seine Meinung abzugeben , auf die der hochgestellte Bischof aber gar nicht achtete , und die Götz mit den lautesten Worten und Redensarten als ganz ungehörig abwies . Als Husar war Selbitz ganz der freibeuterischen Gesinnung des lahmen Kämpen beigetreten , konnte sich aber als Schulmeister , obgleich er Protestant war , eines gewissen Respekts vor der Würde eines Bischofs nicht erwehren . So war denn also seine Meinung schwankend und ungewiß und wurde deshalb auch bald aus dem Felde geschlagen . Alle mußten über das Talent des blutjungen Cadeten erstaunen . Er spielte seinen Franz mit einer solchen wahren Leidenschaftlichkeit , daß er in jeder Szene von allen Anwesenden große Lobsprüche einerntete . Charlotte lächelte über diese lebhaften Liebeserklärungen , und Albertine wurde um ihren Bruder besorgt . Die kleine Dorothea erregte in ihrer Rolle des Georg Freude und Gelächter , weil sie alles neckisch und doch tief empfunden zu sagen wußte , so sehr , daß sich alle um so mehr , ohne es sich zu gestehen , über den ganz hölzernen , hochfahrenden Götz ärgerten . Der einzige Unglückliche war der alte Förster mit seinem Zigeunerhauptmann . Denn soviel ihm auch Elsheim zugeredet hatte , sosehr er ihm den Scherz aus dem richtigen Gesichtspunkte vorzustellen versuchte , so gelang es ihm doch nicht , die Schwermut des Alten zu bekämpfen . An einem Nachmittage , als Leonhard sich in den Garten begeben hatte , um die Kühlung aufzusuchen , traf er Charlotten in jener abgelegenen Laube , in welcher er neulich sich lange mit dem jungen Baron unterhalten hatte . Sie war ganz allein und schien völlig in Lesung eines Buchs vertieft , doch bemerkte sie ihn und erwiderte seinen Gruß mit freundlicher Höflichkeit . Auf ihre Einladung nahm er Platz an ihrer Seite , und indem er sie betrachtete , schien ihm das blasse schöne Angesicht in der Dämmerung der grünen Blätter noch schöner und erhabener . Ihr Auge war schwermütig , und indem sie das Buch aus der Hand legte , sagte sie mit ihrem silberklingenden vollen Ton : » Es ist wundersam , wie man sich immer wieder mit Vorsatz und Kunst diese tiefen Schmerzen bereitet . Ich weiß es nun stets voraus , wie tief mich dieser Werther bis in den Grund meiner Seele erschüttert , und dennoch muß ich immer wieder , selbst wenn ich nur etwa in dem Buche blättern will , die ganze so furchtbar schöne Dichtung durchlesen . « » Es ist ein Buch an sich selbst « , sagte Leonhard , » man vergißt völlig , daß es von einem Autor herrührt . Ich kann niemals ohne den Schauer einer Andacht diese geweihten Blätter aufschlagen . Will man von Natur , Liebe , Leidenschaft , Lebenslust und Todessehnsucht , von der erhabenen Verzweiflung an sich und allem Geschaffenen , von Kinderweisheit und dem Wahnsinn des gebrochenen Herzens etwas Ewiges vernehmen , so sind hier die Orakelsprüche , die jedem verständlich tönen , der nur Herz und Gemüt zum Tempel mitbringt . « Sie sah ihn durchdringend an . » Sie sprechen « , sagte sie dann , » als wenn Sie alles dies erlebt hätten . « » Mit diesem Dichter « , erwiderte Leonhard , » erlebt man alles , was er uns sagt und singt . Es ist kein vergängliches Wort , kein gefärbter Schatten , der vorüberfährt , sondern die Wahrheit selbst , das Leben der Herzens . Wer diesen Dichter nur lesen will wie etwa anmutige Lieblingsautoren , wer nicht ganz in ihm sich verliert und mit allen Gesinnungen in ihm aufgeht , wer dies nicht kann , der tut besser , ihn aus der Hand zu legen . « » O Sie Prophet ! « sagte Charlotte , » - warum ist es mir nicht so gut geworden , Sie viel früher kennenzulernen ? « - Sie gab ihm die Hand und drückte sie ihm so herzlich , daß es ihm durch alle Sinne zuckte . Es kam Gesellschaft , mit der sich jetzt beide schweigend vereinigten . Am Vorabend der Aufführung waren die meisten Mitglieder der Gesellschaft im Gartensaal versammelt . Auch die Mutter Elsheims war zugegen , und man ging noch einmal die Liste der Gäste durch , welche man zu der Feierlichkeit gebeten hatte . Denn Elsheim hatte seinen Willen nicht durchsetzen können , daß nur vor der Mutter und den Bauern des Gutes gespielt werden sollte . Einige Künstler äußerten , daß es sich nur lohne , vor Freunden und Kennern sich so , wie sie täten , anzustrengen , und die alte Baronesse wollte durch ihre Einladung einige vornehme Damen sich verbinden , die sich seit einiger Zeit , da sie ihnen lange nicht geschrieben , für vernachlässigt halten konnten . Alles war mehr oder minder in Spannung , und viele träumten schon von den Siegen , die sie am folgenden Abend erringen würden . Ein Bedienter übergab der alten Dame einen Brief , bei dessen Anblick diese ausrief : » Was ist denn das ? Was soll ich denn damit ? Er ist nicht an mich und auch nicht an meinen Sohn . An den Meister Leonhard - abzugeben auf dem Schlosse bei - Meister ! Was heißt denn das ? « » Meister ? « wiederholte die Tante , Mannlich und am lautesten der Graf Bitterfeld . Indem trat Elsheim mit seinem jungen Freunde herein . Er hörte den Ausruf , sah den Brief und bemerkte