Strömen herunter , die Straßen schwimmen , und ich muß hinauf zu dem erhabenen Dom von St. Veit . Es waren bald Anstalten getroffen , um mich fortzubringen . Ich trat in den bedeckten Säulengang , und durch die Kirchthür , und hatte noch Zeit , den merkwürdigen Eindrücken , welche gothische Bauwerke immer auf die Stimmung und das Gemüth hervorbringen , mich zu überlassen . Das auf hohen gothischen Bogen getragene Schiff der Kirche , die auf mächtigen Wandpfeilern ruhenden Kreuzgewölbe , die vielen in ehrwürdiger Pracht schimmernden Kapellen und Altäre , die stille andächtige Reihe der Betstühle ; große historische Denkmäler , ehrfurchterregend in ihrem Alter und in ihrer Kostbarkeit ; auf ihren Gräbern schlafende , in Stein gehauene Könige , Heilige , Märtyrer und Wundertäter ; wunderbare Wandbilder , bedeutsame Inschriften , seltsam zierliches Schnitzwerk , bunte Malerei auf dem flimmernden Zwielicht der hohen Fenster ; reicher Kirchenschatz der Metropolitane , Silber , Edelgestein und Vergoldung überall ; Ballustraden , Baldachine , Kruzifixe , Weihgefäße und silberne Lampen ; und zu allen diesem Einzelnen die ganze , in vielfache Ecken auslaufende Halle , mit ihrem geheimnißvollen Dunkel , das zuweilen plötzlich von den aus Thüren und Fenstern hereinbrechenden Tageslichtern durchblitzt wird , und mit der luftig schwebenden hohen Decke , zu der das Auge in staunender Verwunderung sich verliert ; dieser Anblick und dieser Eindruck ist so gemüthserregend , daß man lange bei sich nachdenkt , ohne zu wissen , worüber , und doch wiederholt er sich fast bei jeder gothischen Kirche auf die ähnliche Weise . Die historische Ehrwürdigkeit dieses alten Domes , der , schon oft dem Sturm der Zeiten verfallen , sich immer wieder , wenn auch nie mehr ganz vollständig in ehemaliger Pracht , erhoben , möchte noch dazu beitragen , die heiligen Schauer zu vermehren , die beim ersten Fußtritt , den man vom Eingang aus auf den tiefer liegenden Marmorboden setzt , die Seele ergreifen . Etwas Unendliches scheint sich vor Dir aufzuthun , wenn Du die ehrfürchtigen Blicke durch die unbegränzte Tiefe der Kirche hinirren lässest , es ist Dir , als öffne sich die weite , geheimnißvolle , dunkle Zukunft des nach göttlichem Ebenbild geschaffenen Menschengeistes . Und doch ist diese Unendlichkeit der Anschauung , die an Dich herantritt und in die Du alle Deine Gedanken tauchen möchtest , sie ist nur die Unendlichkeit der architektonischen Perspective , die der gothischen Baukunst eigenthümlich ist . Diese Perspective in das Unbegränzte und Jenseitige , an der sich in vergangener Epoche der sehnsüchtige Geist des Christenthums zu diesem kühnen Schwung der Bauformen erhoben , regt mich jedoch mehr auf zu Gedanken , als daß sie mich mit einem festen Gedanken beglückte . Es ist eine sinnliche Unendlichkeit , die darin auch in ihrer Wirkung Aehnliches mit der Musik hat , daß sie mehr Gedankenstimmungen erzeugt , als reine Gedanken zuläßt . Diese Baukunst ist die in trunkenen Formen aufschwebende Andacht , die zu dem Unbegreiflichen betet , und so verbindet sie sich als das nebenstehende und verwandte Element mit der Kirchenmusik , um die Mystik des katholischen Gottesdienstes hervorzubringen . Der Katholizismus ist die Religion der Kirche , er bedarf der Kirche zu seinem Glauben und zu seiner Andacht . Unter freiem Himmel , wo bloß die helle Luft der Gotteswelt scheint und tagt , könnte er nicht bestehen , denn die heiligen Handlungen , die sein eigenstes Wesen ausmachen , sind an die Halle der Kirche , an Altar und Kapelle , an Meßgewand , Betstuhl und Wachskerze gefesselt . Er bedarf der Baukunst der sichtbaren Kirche , der Dämmerung der Bogengänge , der Vertiefung der Kreuzgewölbe , um alle seine absichtsvollen und künstlichen Wirkungen zu erreichen , um in der Charwoche bald durch plötzlich bewerkstelligte Finsterniß , bald durch wieder aufglimmende Helle der heiligen Bedeutung der Erlösungsgeschichte eine Illusion für die Sinne zu schaffen . Er bedarf der sichtbaren Kirche , um Katholizismus zu sein . Es ist gerade wie mit der Legitimität ; die bedarf des sichtbaren Thrones , um Legitimität zu sein . Sie bedarf der Herrscherpracht unter goldenem Baldachin , um zu herrschen ; sie bedarf der Säulen des Königspalastes , um die Macht des Bestehenden auch den Sinnen anzudeuten . Sie bedarf des Scepters und des Reichsapfels in der Hand , um die Heiligkeit der Ueberlieferung , auf der sie ruht , zu bezeichnen ; sie bedarf aller durch Jahrhunderte geweihten Insignien ihrer Hoheit , um zu zeigen , daß sie über der Gemeinde , über dem Volke steht , und nicht aus demselben hervorging . Doch was rede ich von der Legitimität ? Ich bin ja gekommen , um sie zu sehen . Die Vesper hat bereits begonnen , aber das königliche Oratorium oben ist noch immer leer , und meine Augen spähen vergeblich nach Karl dem Zehnten . Die Kirche ist mit manchen andern Neugierigen meiner Art gefüllt , die sich flüsternd und erwartungsvoll in den Gängen auf und nieder bewegen . Es ist ein seltsames Leben in der schon halb verdunkelten Kirche , und ich irre unter lauter unbekannten und fremdartigen Gestalten umher . Hier und da höre ich französische Laute an mein Ohr dringen . Nun heißt es , Karl X. der arme kranke Verbannte , werde heut nicht erscheinen , und die romantisch hochherzige Düchesse de Berry ist in Brandeis . Dagegen meldet der Kirchendiener , daß der Herzog und die Herzogin von Angoulème und der Herzog von Bordeaux zu sehen sein werden . In der That befanden sich diese drei Mitglieder der vertriebenen Königsfamilie auf einem Umzuge durch die Kirche begriffen , um mehrere Schätze und Reliquien-Kostbarkeiten der reichen Metropolitane in näheren Augenschein zu nehmen . Eben kamen sie den Gang herunter , um sich in die Wenzelkapelle zu begeben . Sie schritten dicht an mir vorüber , und ich weiß nicht , mich überfiel es auf Einmal , als wäre ich im Grunde meines Herzens ein Stocklegitimer , denn ich machte der Herzogin von Angoulème , auf deren