fort ; ich darf nicht fragen , was Dich quält . Liebe Sophie , sei weniger verschlossen ! Sieh ! hier habe ich noch eine Schwester , die meine Theilnahme nicht zurückstößt . Er hatte Luisen bei der Hand gefaßt und blickte gerührt auf sie hin . Muß ich denn , sagte Sophie sanft , mein Innres nicht vor mir selbst verschließen ? Und was gewönnest Du , in die Verwirrung hineinzusehn , wo eines das andre zerstört und keines das rechte ist ? Ganz anders ist es mit Luisen ; ein großer Schlag des Schlag des Schicksals hob sie über so peinigende Kämpfe hinaus . Für sie beginnt ganz eigentlich ein neues Dasein , dem sie mit jugendlicher Ungeduld eine sichre Richtung zu geben sucht . Ihr Gemüth ist frisch und wach , deshalb versteht sie Dich , und scheuet Deinen Blick so wenig , daß es ihr vielmehr wohl thut , ihm zu begegnen . Luise reichte sittig , vor den Obristen hingebeugt , ihre Hand der Freundin , die , bei eignem getrübten Denken , die fremde Brust dennoch klar durchschaute . Mit tiefer , innrer , Bewegung fühlte der Obrist die schöne Gestalt seinem Herzen so nahe . Wie aus sich herausgedrängt , sagte er , die dargebotne Hand schnell erfassend : wenn es wahr wäre , liebe Luise , wenn Sie mich verstanden , wenn Sie mich auch jetzt verstehn - ? Heiliges , fast demüthiges , Entzücken zitterte durch Luisens Seele . Sie hob ihre Augen zu den hellen Blicken , die sie so wahr in ihrem eignesten Wesen auffanden ; nichts trübte , nichts vervielfachte auch jetzt ihr friedliches Licht ; ein Bote des Himmels hatte zu ihr geredet . Einen Augenblick schwieg sie , durch so wundersame Fügungen ergriffen . Nein gewiß , sagte sie endlich , gewiß , ich kann Sie nicht mißverstehn ! O Gott ! rief der Obrist , beide geliebte Wesen sanft umschlingend , so laß mich sterben ! Ihr armen , wunden Seelen , heilt Euch in meiner Liebe , deren stilles Feuer ewig so rein glühen wird . Drittes Buch Jedes , was in unsichtbarem Zusammenhange , unvorbereitet , in das Leben eines Menschen eingreift , und das über dasselbe für den Augenblick bestimmt , scheint die Vergangenheit gänzlich von der Gegenwart loszureißen , und aus dieser eine neue beginnende Welt hervorzurufen . So schwanden auch jetzt alle frühere Störungen aus Luisens Seele . Ohne Kampf , wie ohne große innere Bewegung , gab sie sich der stillen Gewalt einer Neigung hin , die , wie alles Schöne und Herrliche , aus der Wurzel des Daseins entspringend , ihr Gemüth erweiterte und erhellte . Sie sann und erwog weniger als je , aber das Beste stand ihr immer ganz nahe , und sie erkannte und ergriff es mit frischem Sinn . So fügte sich in des Obristen heitrer Nähe alles wie von selbst , und ihr Verhältniß zu ihm , ohne gerade eine bestimmte äußre Form zu haben , ward durch so milden Einfluß unwillkührlich dichter und in sich unauflöslich . Ein auf solche Weise heilig gehaltener , innrer Verein konnte indeß den Augen der Welt nicht entgehn . Der Obrist war eine zu bedeutende Erscheinung in ihr , seine Verbindungen blieben nicht unbeobachtet , und es konnte daher nicht fehlen , daß eine große Auszeichnung als entschiedne Wahl angenommen ward . Allein diese Auszeichnung hob auch Luisen sogleich über jedes Schwanken der Meinungen hinaus . Ihr Platz in der Gesellschaft , durch die Gunst des Schicksals bezeichnet , war nun eingenommen ; jeder Zweifel schnell gelöst , jede Muthmaßung beseitigt . Die Männer schwiegen da , wo nur eine bedeutende Stimme das Recht hatte , zu sprechen ; und die Frauen durch Klugheit gehalten , räumten willig Vorzüge ein , wo ein Tadel ihr Urtheil verdächtig gemacht hätte . Alles trat daher Luisen schmeichlend entgegen . Selbst Auguste hörte auf zu spötteln und ließ sie ruhig gewähren . Aber vor allen war die Baronin bemüht , ihren Beifall zu äußern . Durch häusliche Sorgen und Verwicklungen geängstet , wandte sie sich gern zu der wiederkehrenden Ordnung eines vormals so verworrnen Daseins , und nicht ohne innre Behaglichkeit schrieb sie der eignen Mitwirkung einen Theil dieser heilsamen Veränderung zu . Luise gönnte ihr gern diese kleine Beruhigung , da ohnehin so manches ihren Erwartungen und Plänen entgegenstrebte . Denn es war nicht zu verkennen , wie rücksichtslos auf Stein und andre Verhältnisse sich Emilie einer entstehenden Neigung für den jungen Cesario hingab . Ein launenhaftes , zweideutiges Wesen , das weich und schmeichelnd in die Gunst der Frauen hineinschlüpfte , und sie bald darauf , wie die ganze übrige Welt , in düstrem Ernst zurückwies . Niemand konnte bestimmen , ob innre Unhaltbarkeit oder irgend eine Absicht diesem wechselnden Spiele zum Grunde lag . Allein , wie man auch tadeln mußte , so fühlte sich doch ein Jeder auf irgend eine Weise davon angesprochen . Oft erschien er so mild , aus den feuchten Blicken drang eine Sehnsucht , die sich unwillkührlich an jedes Herz legte . Aber plötzlich sprühete ein wunderliches Feuer aus Aug ' und Mienen , er drang mit Ungestüm aus sich selbst heraus , sang , improvisirte , zog die Gesellschaft in seine bunte Phantasieen hinein , indem er sinnvolle Tänze und Pantomimen anordnete , denen er einen ganz eignen Charakter von Wehmuth und Lust zu geben verstand . Alles strömte dann aus den fernsten Spielzimmern herbei . Man stand in gedrängten Kreisen um ihn , und rief ihm laut und ungetheilt Beifall zu . Nur der Obrist betrachtete ihn schweigend , voll mitleidsvollem Ernst , und sagte einst zu Luisen gewandt : fühlt denn niemand , wie sich das zarte , fast noch kindische , Geschöpfchen zerreißt , um ein innres Uebel zu ertödten ! Luise gedachte ihres ersten Zusammentreffens im Gasthause . Diese Erinnrungen , wie überall die ganze räthselhafte Erscheinung , mußten sie drücken . Es war ihr unmöglich