zeige meine Flucht nicht an , bis sie sich selbst kundtut , denn wahrlich , ich töte mich und sie , wenn man uns ergreift . Die Gewalt ist schrecklich in mir erstanden , ich habe zwei Wesen dem Schicksal entrissen , und trage sie mit Macht zu ihrem Ziel . Lebe wohl ! du Teurer , in einigen Monaten sollst du wissen , wo ich bin . Die Träne , die auf dies Blatt fällt , gehört dir und dem Grabe meiner Mutter . Lebe wohl ! « O Franzesco , sie war heiß die Träne , die du mir weintest , denn alle meine Freuden , mein ganzes Leben ist in ihr versiegt . Mein Vater erfuhr die Flucht meines Bruders , und die Entführung Ceciliens . Die Sache machte ein ungeheures Aufsehen , denn eine Nonne zu entführen , heißt ein Ehebruch im Bette des Himmels . Man setzte ihnen von allen Seiten nach , doch vergebens . Mein Vater enterbte ihn , und er ward mit Cecilien in den Kirchenbann getan . Einige Monate lang zeigte man mit Fingern auf mich , als den Bruder des Verbrechers ; von allen Kanzeln hörte ich die Namen meiner teuersten Freunde unter den schimpflichsten Benennungen ablesen , und wenn ich in die Kirche ging , um am Grabe meiner Mutter für ihre Kinder zu beten , so mußte ich erst den Bannfluch über sie an der Türe angeschlagen sehen . So sehr mir auch von jeher diese Machtsprüche der Kirche in weltlichen Dingen , und überhaupt alle grobe Versinnlichung von Dingen des tiefsten Gefühls , erbärmlich schienen , so machte es doch mechanisch den fürchterlichsten Eindruck auf mich ; so wie uns immer schaudert , wenn wir etwas Ungewöhnliches sehen , ohne daß wir deswegen an Geister zu glauben brauchen . Ich hatte nun keinen Menschen mehr , dem ich mich offenbaren konnte , und mußte dabei den ganzen Tag dem Feinde meiner verlornen Freunde gegenüber die trockensten und langweiligsten Arbeiten verrichten . Allein das Maß war noch nicht gefüllt : ich erhielt einen Brief von Franzesco ohne Datum und Ort , er war ein Bild des Wahnsinns , der Tod Ceciliens und verwirrte Ideen von Selbstmord waren die einzigen lichten Stellen . Mein Schmerz war grenzenlos , alle Hoffnung war gebrochen , ich unterlag , eine Sinnenermattung warf mich nieder , ich konnte nicht außer dem Bette sein . Bei allem dem mußte ich arbeiten , mein Vater brachte mir die Briefe ans Bette , die ich beantworten mußte . Ihn selbst schien in dieser Zeit etwas ganz eignes zu rühren . Eines Tages war ich matter als je , einige Arbeiten hatten meine letzten Kräfte erschöpft , die Gegenstände verschwanden um mich , und ich starrte träumend vor mich hin , bis ich einschlief . Da ich wieder erwachte , war es Nacht , der Mond schien in die Stube und erleuchtete eine Statue der heiligen Marie , die zu den Füßen meines Bettes in einem Glasschranke stand . Der goldne Mantel des Bildes glänzte schön , und die Glorie leuchtete wunderbar heilig um das liebliche süße Angesicht der Mutter . Ich glaubte , Cecilie stehe vor mir , ich war ganz in die Anschauung der Erscheinung zerflossen , und fühlte sie in und außer mir ; so schlummerte ich wieder ein , und auf einem seligen Traume schwebte das Bild in meinen Schlaf hinüber , und bewegte sich lebendig mit himmlischer Grazie in meinen trunknen Sinnen . Es war mir , als bräche sich des Bildes Schein in drei großen Spiegeln in mir , und Franzesco , Cecilie und die Mutter lebten in mir ; dann hörte ich eine rauhe Stimme , Pietro , mein Vater , stand vor meinem Bette , mit einem Lichte in der Hand , er sprach : » Antonio , ich verreise , in vierzehn Tagen kehre ich zurück , dann sollst du angenehmere Tage haben , jetzt arbeite fleißig . « Ich stellte ihm vor , er möge bis zu meiner Genesung bleiben . Allein dazu war er nicht zu bereden . Er befahl und reiste . Nach einigen Tagen konnte ich wieder auf sein . Der vierzehnte Tag erschien , es kamen einige Neapolitanische Offiziere zu mir und fragten nach der Signora Fiormenti . » Die ist schon längst tot « , erwiderte ich . » Nein , nach der jetzigen Gemahlin Fiormentis fragen wir ; sollte er noch nicht angekommen sein ? « - » Ich kenne sie nicht , « erwiderte ich stammelnd , und bat die Herren , mich zu verlassen . Also eine neue Mutter erwartete ich . Ich fand die Sache mit Vorteil verbunden , denn so wurde mein Vater doch beschäftiget ; und mußte nicht jedes Weib besser sein als er , schon weil sie ein Weib war ? Der Gedanke , an ihr ein Organ zu finden , durch das ich zu ihm sprechen könnte , tröstete mich . Den Mangel des Zutrauens zu mir , der in der Verheimlichung der Sache lag , war ich gewohnt , und harrte mit einiger Neugierde auf die Weiblichkeit meiner neuen Hausgenossin . Der Abend kam , mein Vater stieg aus dem Wagen , aber es war kein Weib bei ihm . Ich wagte ihn nicht zu fragen . Er ging auf seine Stube und schrieb , dann verließ er das Haus um die zehnte Stunde . Ich hüllte mich in meinen Mantel und folgte ihm . In einem entlegenen Teile der Stadt trat er in ein Haus , dessen Fenster festlich erleuchtet waren , und aus dem mir das Getümmel muntrer Gäste und der Klang fröhlicher Musik entgegenschallte . Ich stellte mich dem Hause gegenüber an eine Gartenmauer , und lauschte ängstlich auf jede weibliche Stimme , um in ihr die Stimme der Braut zu bemerken . Ich war plötzlich von einer tiefen Teilnahme für sie ergriffen , ohne sie zu kennen . Ihr Schicksal rührte mich . Als ich so stand und lauschte