der Schneiderssohn , ist Gottfried Schadow der Akademiedirektor geworden , ein berühmter Mann , ein Name , der Klang hat von einem Ende Europas bis zum andern . Derselbe Gottfried , der dienstfertig aufsprang , wenn der strenge Vater mit dem Deckelkruge klappte , derselbe Gottfried ist jetzt seinerseits ein strenger Hausherr geworden , vielleicht nicht strenger als der Vater , aber mächtiger und gefürchteter . Sein Haus ist die Akademie , darin waltet er als König und Herr und hat seine Macht längst als einen unerschütterlichen rocher de bronze stabiliert . Die Zeiten , wo er Beispiele statuieren mußte , liegen hinter ihm und nach Art eines alt und milde gewordenen Autokraten spielt er nur noch mit dem Zügel seiner Herrschaft . Aller Abzeichen seiner Würde , jedes repräsentativen Flitters , hat er sich längst entkleidet ; er regiert durch sich selbst , kraft seiner Kraft . Ob das Sacktuch , das er aus seinem taschenreichen Rocke zieht , von Kattun ist oder von Seide ; ob er riesige Filzschuhe trägt , oder kalblederne Stiefel ( in die , der Ballen und Zehen halber , immer große Löcher geschnitten sind ) , ob er hochdeutsch spricht oder in einem Berliner Platt – es kümmert ihn nicht und kümmert andre nicht , denn weder er noch andre vergessen es , daß er » der alte Schadow « ist . Herrschergewohnheit und das Bewußtsein völliger Überlegenheit haben seinem Auftreten längst jede Spur von Scheu genommen , und was er denkt und fühlt , das spricht er aus . Sein Wille ist Gesetz ; seine Laune nicht minder . Eine kleine Szene mag schildern , wie er das Zepter führt . Es ist eine Abendsitzung . Der akademische Senat hat sich versammelt : berühmte Maler und Bildhauer ; keiner fehlt . Der Saal ist hell erleuchtet und das Licht fällt auf die schönen Blechenschen Zeichnungen , die ringsum an den Ständern und Wandschirmen befestigt sind . Am obern Ende des Ovaltisches aber , dessen grüne Decke mit vielen hundert Goldnägelchen an der Tischplatte befestigt ist , sitzt der alte Schadow , die Arme bequem auf die Seitenpolster eines Lehnstuhls gelegt , während seine Füße in hohen Pelzstiefeln stecken und ein mächtiger grüner Augenschirm uns die obere Hälfte seines Gesichtes verbirgt . Es ist heut ein wichtiger Tag : Annahme neuer Schüler , und am entgegengesetzten Saalende steht Professor Stabfuß und kontrolliert alle sich zur Aufnahme Meldenden . Wessen Zeugnisse nicht in Ordnung sind , wer zu jung ist oder zu alt , wird unerbittlich zurückgewiesen und heitre und verblüffte Gesichter wechseln untereinander ab . Da tritt ein junges Bürschchen ein , ein echtes Berliner Kind , dessen kraus aufrechtstehendes Haar gegen alle Ängstlichkeit in der Welt zu protestieren scheint . Am besten , ich stell ' ihn vor : Richard Lucae , später selber ein Direktor ( der Bauakademie ) . Die Sicherheit seines Auftretens , auf daß nichts verschwiegen werde , hat freilich noch seine besonderen Gründe : der alte Schadow ist Hausfreund bei des blonden Krauskopfs Eltern und kein Geburtstag ist seit fünfzehn Jahren vergangen , wo nicht die Mutter des eben Eingetretenen , eine heitre thüringische Frau , dem » Herrn Nachbar und Gevatter « einen Quarkfladen als Geburtstagsgeschenk übermittelt hätte . Das Berliner Kind kennt natürlich die Welt ; die Macht der Konnexion ist ihm kein Geheimnis mehr und auf Professor Stabfuß ' wiederholte Frage nach Zeugnissen und allerhand andern Papieren , erklärt er mit äußerster Unbefangenheit , daß er weder Zeugnisse noch andere Papiere habe . Die Ruhe , mit der diese Erklärung abgegeben wird , hat etwas Provokatorisches und Stabfuß beginnt seinem Ärger Luft zu machen . Richard Lucae repliziert ebenso , der Lärm wird immer größer und der alte Schadow , dessen schläfrig scheinender Aufmerksamkeit in Wahrheit nichts entgangen ist , ruft endlich über den Tisch hin : » Wat is denn los ? « Statt aber eine direkte Antwort zu geben , tritt der Professor vom andern Saalende her an den Alten heran , zeigt auf das Jüngelchen , das ihm gefolgt ist , und sagt in gereiztestem Tone : » Herr Direktor , hier ist einer von den Lucaes nebenan ; er will in die Gipsklasse ; aber nichts ist in Ordnung . « » So , so « , brummelt der Alte , hebt den Augenschirm halb in die Höh ' , mustert den jungen Aspiranten der Gipsklasse und sagt dann : » I det is ja Richard . « Der Angeredete verbeugt sich zustimmend . » Höre Richard , sage doch Muttern , der letzte Kuchen war wieder sehr jut . Aber vergiß ' t nich . « 43 Die Professoren , längst an Intermezzos dieser und ähnlicher Art gewöhnt , lächeln behaglich vor sich hin , wie wenn sie sagen wollten » ganz im Stil des Alten « , und nur Stabfuß beißt sich auf die Lippen , denn er ahnt , daß seinem Ansehen eine neue große Niederlage bevorstehe . » Na Richard « , fährt der Alte fort . » Du willst also in de Gipsklasse ? « » Ja , Herr Direktor . « » Haste denn ooch Lust ? « » Ja , Herr Direktor . « » Hast ' ooch schon gezeechnet ? « » Ja , Herr Direktor . « » Na , dann zeechne mal ' n Ohr ; aber aus ' n Kopp . Stabfuß , geben se mal Papier her un ' n Bleistift . « Der Angeredete gehorcht mit süßsaurem Gesicht . » So . Na nu setzt ' de dir hier an ' n Disch un zeechenst . « Unser junger Aspirant tut wie befohlen , zeichnet ein Ohr und überreicht es dem neben ihm stehenden Stabfuß . Dieser , in begreiflicher Weise höchst kritischer Laune , beginnt zu mäkeln , aber seine Geschiche vollziehen sich unabwendlich . » Geben Se mal her « , unterbricht ihn der Alte , klappt den grünen Schirm abermals in die Höh '