seiner Aehnlichkeit mit Angiolina willen , folgte mit kaum sich aufrecht haltender Betäubung dem Diener , dessen ganzes Benehmen die Furcht ausdrückte , es könnte der junge sehnsüchtig erwartete Rechtsgelehrte der Schallweite der obern Zimmer zu nahe kommen ... Von einem runden Eingangsvestibül führte er ihn sogleich in die entgegengesetzte Richtung , ja schloß Fenster und Thüren , die er offen fand , als könnte noch ein anderer Schall hereindringen , als der der Gespräche des Kutschers mit dem Reitknecht und das Unterbringen seines Gefährtes im gräflichen Stall ... Endlich kamen sie in Zimmer , die des Grafen Wohnzimmer selbst schienen und nach dem Garten hinaus gingen ... Dieser war nur ein im Charakter etwas veränderter Theil des Parks ... Die Fahrstraße umschlängelte das Schloß und lag , kaum hundert Schritte weiter , wiederum dem Blicke offen ... Die Zimmer , die sie durchschritten , gingen bis in den alten Bau hinein , einen Thurm , von dem eine noch von welken Blumen umrankte Wendeltreppe in den Garten führte ... Das Zimmer , in dem sich der Diener endlich empfahl , war düster , sonst höchst traulich ... Von oben her beschattete es das Dach der großen Altane des ersten Stocks , die man in der Ferne gesehen hatte , auch eine Fülle von Epheu , der von außen fast in das Zimmer hereinwuchs ... Es liegt ein eigener Reiz in dem Betreten eines zum ganzen und vollen Ausleben eines fremden Ichs bestimmten Zimmers ... Offenbar hatte der Graf sein Ausbleiben dadurch mildern wollen , daß er Benno sogleich in die Räume führen ließ , die er selbst bewohnte ... Der Duft der besten Cigarren kam wie aus eben erst verronnenen blauen Wölkchen ... In der Mitte des Zimmers lag auf einem großen runden , zierlich ausgelegten Nußbaumtisch eine Auswahl von bunten türkischen und ungarischen Pfeifen ... Cigarrenkisten aus der Havannah waren noch nicht lange geöffnet ... Gelber türkischer Taback lag in einer antiken Schale von Metall ... Das sich dem mittelalterlichen Geschmack nähernde Zimmer war hochgewölbt ... An den Wänden hingen türkische Waffen , Roßschweife sogar , Gemshörner , Alpenhüte , geschmückt mit Gemsbärten ... Dunkelbraune Schränke , gothisch geformt , standen theilweise offen und zeigten goldenen und silbernen Militärschmuck , Säbel , Pistolen , Jagdflinten ... An den Fenstern waren Glasmalereien angebracht ; der Fußboden , am Schreibtisch mit einer großen Tigerdecke belegt , war parkettirt in schönen symmetrischen Figuren ... Neben dem modernen und gußeisernen Ofen stand ein vollständiger Ritterharnisch von blankpolirtem Stahl ... Auf einer hängenden Etagère blinkten Trinkkannen , Krüge mit eingebrannten Sinnsprüchen , Becher aus Horn mit silbernen Griffen ... Der Schreibtisch stand frei , wohlgeordnet und bedeckt mit bunterlei Nippsachen ... Federn lagen , noch glänzend von frischgetrockneter Tinte , auf grünem querübergespannten Tuche ... Hinter dem Schreibtisch standen in einem dunkeln Winkel zu Fuß eines Porträts , das einen General und ohne Zweifel den durch einen Pferdesturz verunglückten Vater des Grafen darstellte , Hellebarden , Streitkolben , Morgensterne ... ... Ein kleiner Schrank enthielt eine Bibliothek von schöngebundenen Büchern , militärischen und landwirthschaftlichen Inhalts ... Eine altmodische Wanduhr mit hörbarem Pendelschlag schien der Pulsschlag des stillen und doch so lebendigen Zimmers zu sein ... Hier hatte Terschka gewaltet ... Hier Angiolina ... Benno ' s Blick fiel auf eine Console zwischen den beiden Fenstern , wo im Dunkeln eine Alpenzither lag und auf ihr - ein weiblicher Strohhut ... Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein , da kam der Kammerdiener zurück und entschuldigte den Grafen aufs neue ... Er wäre zwar im Schlosse , bäte aber den Herrn Baron aufs inständigste , ihm wegen seines Ausbleibens nicht zu zürnen ... Benno sah aus den Zügen des Alten , welche Probe sein Herr zu bestehen hatte ... Er las einen Kampf der Liebe und Leidenschaft aus ihnen ... Er las aus ihnen Schmerz , Verzweiflung , Drohungen ... Er mußte krampfhaft seinen Hut festhalten , um nicht das Zittern seiner Hände zu verrathen ... Der Diener wollte , da Benno eine Erfrischung zu nehmen ablehnte , wenigstens zu seiner Unterhaltung plaudern ... Er rückte einen beweglichen Lehnstuhl dem Fenster näher , um Benno die Aussicht zu deuten ... Er nannte die Klöster , die Kirchen , die Dörfer , beschrieb den Lauf der Donau , die wie ein Flechtwerk silberner Bänder in dem fast überall neugepflügten dunkelschwarzen Erdreich glänzte ... Leise nahm er dabei den Strohhut von der Zither , wollte ihn verstecken , besann sich aber , daß gerade dies Wegnehmen erst recht darauf aufmerksam machte und legte ihn wieder leise auf die Saiten , die nun - wie Geisteraccorde anklangen ... Laß mich weinen , laß mich klagen ! Frage nicht , warum ich ' s muß ! Ist es nicht der Götter Schluß : Leben steigt aus Sarkophagen Seit des Lebens ersten Tagen ! So klang es in einem Liede Bonaventura ' s , das wehmuthsvoll in Benno nachtönte ... Jetzt horchte der Diener auf ... Er schien etwas zu hören , was Benno entging ... Besorgt begab er sich in die offenen Vorzimmer und zog die Thüren , die vorher offen gestanden , sorgsam hinter sich zu ... Benno war keine sentimentale Natur ... Die Ironie pflegte die Regungen seines Herzens hinwegzutändeln ... Hier aber kam ihm nichts mehr vom Humor zu Hülfe ... Er fühlte die Rechte des Menschenherzens in dem Leid seiner Schwester - mit Titanenkraft ... Armes Kind ! ... Aber - auch du - arme Paula ! ... Benno nahm selbst den Hut von der Zither ... Schwarze Sammetbänder glitten über seine zitternden Hände ... Auf der Spitze des Huts waren fünf Sternchen von schwarzem Sammet befestigt ... Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar ... Da hörte er Thüren schlagen ... Er legte den Hut auf die Zither zurück ... Es war ihm , als müßte Angiolina gestürmt kommen und selbst ihren Hut holen ... Ein Gefühl , sie zurückzuhalten und sie , die eben alles verlor , mit dem Schwesternamen zu begrüßen ,