durch die Eichen- und Buchenhaine war vor schon gefallenem Laub nicht hindurchzukommen ... Nur die grünen Tannenbestände ließen hier und da den Rath befolgen ... An manchen Durchblicken sah Benno weißschimmernde Klöster und Schlösser ... Der Blick ringsum öffnete bald diese , bald jene Fernsicht , bald zu einem schroffen Aufgang zu höhern Felsgesteinen , bald zur weiten , vom Pflug wieder neugeackerten , dunkelschwarzen Ebene ... Bonaventura - Armgart - Paula schritten immer im Geiste mit ihm ... Endlich wurden die Aussichten begrenzter ... Die Hügelreihen zogen sich enger zusammen ... Der Kutscher deutete auf den Ausgang eines waldbewachsenen Grundes als den Anfang des zum Schloß Salem gehörenden Parks ... Nach einer längern Fahrt zwischen rings sich thürmenden , noch epheu- und moosbewachsenen , von kleinen behenden Cascaden überrieselten Felsen sah man den Weg sich öffnen und an der Abdachung der sich in eine neue große Ebene niedersenkenden Berglehnen eine hellschimmernde , in neuerm Geschmack angelegte Besitzung , der man in der Ferne noch nicht anmerkte , wie sie aus einem alten Renaissanceschloß entstanden war ... Alte Thürme waren da im englischen Castellstil neu ergänzt ... Balcone , Erker , gewölbte , mit Epheu und wildem Wein umzogene Fenster ließen sich schon aus der Ferne erkennen ... Eine Altane bot ohne Zweifel den Blick in die weiteste Ferne bis zur Donau ... Offene Galerieen , sonst wol mit Blumen besetzt , zogen sich um die Eckthürme hin ... In nächster Nähe gewann jetzt alles ein gepflegteres Aussehen ... Fast unmerklich verlor sich die Straße in einen Park voll kleiner Pavillons , Tempel , Ruhebänken neben stürzenden Wassern ; da und dort zeigte sich wieder eine freie , noch smaragdgrüne Waldstelle , auf der man hätte Rehe suchen mögen ... Schon fuhr der kleine Wagen in den gekieselten Gleisen der Parkwege ... Die Fußwege nebenan waren sauber geharkt ... Sie schlängelten sich terrassenhaft niederwärts bis zum Schlosse , das bei größerer Annäherung sich immer stattlicher entfaltete und nun auch seine Nebengebäude , einen großen geräumigen Hof zeigte , den ein eisernes Gitter und in dessen Mitte ein hohes , mit dem Camphausen ' schen Wappen geschmücktes Portal vom Park trennte , während der Fahrweg am Portal vorüber weiter ging und auf einer andern Seite wieder auf die allgemeine Landstraße zurückführte ... So in der Nähe nun zu sein von all dem seither erzählten , vorgestellten , gefürchteten Leben einer fremden hochwichtigen Existenz mit all ihren eigenbedingten Lagen , ihren eigengeschaffenen und wieder für andere maßgebenden Zuständen - gewährte schon an sich eine ergreifende Stimmung ... Wie viel mehr noch das Gefühl : Hier weilt dir eine Schwester , die du nie gesehen , vielleicht nie anerkennen wirst ! ... Hat Terschka wirklich Wort gehalten und geschwiegen ? ... Unwillkürlich kam ihm die Erinnerung an den Park des Vaters auf Schloß Neuhof ... Dann raffte er sich auf - und doch suchte er wieder durch die laublosen Bäume hindurch nur ein abgesondertes Gebäude , das Casino genannt , in welchem , wie er schon in Kocher vom Onkel Dechanten gehört , seine Schwester für sich allein wohnen sollte ... Er sagte sich : Du bist ganz wie Bonaventura mit den Bürden seiner Beichten ! ... Wenn du deine Schwester sähest - würdest du kalt und fremd erscheinen müssen ... Auch daß der Graf vielleicht das Opfer eines Betrugs durch eine falsche Urkunde ist , darf kein Gedanke sein , der dich irgendwie hier anwandelt ... Im grasbewachsenen , gepflasterten Schloßhof war es , wie noch zur Mehrung seiner märchenhaft träumerischen Stimmung , menschenleer ... Nur ein einziges Roß sah er , das gesattelt an einen eisernen Candelaber gebunden stand , deren vier eine Rampe schmückten , die die große Auffahrt bildete ... Zu diesem trat durch die Thür eines Seitengebäudes , die zum Stalle zu führen schien , eben in sorgloser Haltung ein Reitknecht , den selbst die Ankunft des Einspänners nicht störte ... Inzwischen war Benno dicht an die Rampe gefahren ... Jetzt sah er erst , der Sattel des Pferdes war ein Damensattel ... Ohne Zweifel war er für seine Schwester bestimmt ... Nun mit dem beklommensten Herzen , jeden Augenblick gewärtig , ihr als Bote ihres Sturzes oder wenigstens ihrer künftigen äußerlichen Verleugnung zu begegnen , sah er dem Reitknecht zu , der den Sattel , fester schnürte und , während der Kutscher schon sein Roß ausschirrte , auf einen Diener deutete , der aus der hohen Glasthür , die von der Rampe zum Schloß führte , mit eilendem Schritt heraustrat ... Auch dieser ging wie der Reitknecht in den » altfränkischen « Dorste ' schen Farben - grün und gelb , doch in geschmackvollerer Vertheilung als in Westerhof ... Die Halbröcke von mattgelbem Tuch , kleine Verzierungen daran grün ... Eine weiße Weste , kurze schwarze Beinkleider und Strümpfe stimmten zu den artigen Manieren des von der Rampe Herabkommenden , der ein Kammerdiener zu sein schien ... Offenbar war der Mann in großer Verlegenheit ... Er wußte , daß Benno erwartet wurde und entschuldigte den Grafen , der noch eine Abhaltung hätte ... Dann nahm er mit freundlicher Geschäftigkeit das große Portefeuille Benno ' s entgegen und lud den Gast ein , sich ' s so lange in einem Zimmer bequem zu machen , das er ihm anweisen wollte ... Alle diese Worte hörte Benno kaum ; denn an einem der hohen Fenster des obern Stockes , hinter den blutrothen wilden Weinblättern , die noch nicht ganz von ihrer üppigen Ausbreitung welk herniedergefallen waren , lüftete sich eben eine weiße Gardine und ein Frauenkopf sah heraus ... Nur ein Moment war ' s ... Sogleich fiel die Gardine wieder zu ... Es war ein Kopf , ähnlich dem Lucindens ... Jugendlicher , von einem Ausdruck der äußersten Angst entstellt - ihm ähnlich ... Er konnte annehmen , der Graf befand sich in einem Tête-à-Tête der größten Aufregung ... Benno , mit dem Gefühl , jedes Auge , das hier auf ihn falle , müßte ihn anstarren um