seine Frau starb , verließ ihn die Angiolina und ihm war ' s ganz recht , denn er hat einen großen Nagel im Kopf und hieße gar zu gern der » Edle von Krapfingen « , was eine Besitzung ist , die ihm gehört .... Die Leute sagen - aber ganz unter uns - hier an dem Gebäude ( Harry zeigte auf ein düsteres , Benno schon bekanntes Haus - die Polizei ) kennt der Mann alle Hinter- und Seitenthüren ... Nehmens sich ein bissel vor ihm in Acht ... Wir haben allerhand Spitzln ... Bezahlte und unbezahlte ... Wenn Sie in der kleinsten Garküche speisen , so weiß man hier in dem Hause schon Abends , in was für Münze Sie bezahlt haben ... An dem stillen Priesterhause , Benno ' s Wohnung , mußten die lehrreichen Aufklärungen ein Ende nehmen ... Ein großer eiserner Klopfer wurde noch von dem gefälligen Harry angeschlagen ... Die Thür ging auf ... Benno nahm Abschied und versprach , wenn er morgen zeitig vom Schloß Salem zurückkehren sollte , die Einladung zum Mittagstisch anzunehmen , sonst aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden , gastfreien , so zwanglosen Hause zuzubringen ... Nun schritt er durch matt erhellte Gänge und kam in seine stillen Zimmer , wo er suchen mußte , nach soviel kaum zu Ertragendem , das heute das Geschick ihm verhängte , im Schlummer die Kraft zu gewinnen für sein ferneres - » Freudvoll und Leidvoll « . 7. Ein schöner Spätherbstmorgen lachte Benno schon so heiter und sonnig auf seinem Lager an , als wollte der Himmel sagen : Muth ! Muth ! Nun nicht gewichen ! ... Benno frühstückte auf seinem Zimmer mit dem Chorherrn , der bei ihm anklopfte , und erzählte seine gestrigen Erlebnisse ... Zur Fahrt nach dem Schlosse Salem bestellte der freundliche Wirth sofort einen Einspänner , der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geistlichen Hauses warten sollte ... Aber wie nun um elf ? Wie das Rendezvous im Palatinus ? fragte er neckend ... Benno berichtete noch von der Begegnung im Theater und nannte den Namen der Herzogin von Amarillas , über die der Chorherr nichts Näheres wußte ... Sie müssen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen geben , sagte er , sonst kommt sie noch hier am Hause vorgefahren ... Benno wollte im Vorüberfahren am » Palatinus « seine Karte abgeben ... Dann erzählte er von dem Abend bei den Zickeles und schilderte den eigenthümlichen Gegensatz desselben zu der Lage , in der er den Grafen Hugo anzutreffen erwarten durfte ... Auch diesen Beziehungen , die eine Schilderung der Macht der Börse veranlaßten , stand der Chorherr zu fern ... Als Benno andeutete , daß ihm durch alles , was er hier in Wien und Oesterreich sähe und höre , doch ein eigenthümlicher Ton der Trauer mitten durch die Freude hindurch zu gehen schiene , eine Verstimmung , ein Mangel an Selbstvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern , eine bald excentrische Hingebung , bald ein geheimer Krieg aller gegen alle , kurz eine völlig atomistische Zerbröckelung dieses herrlichen großen Ganzen - da sagte der Chorherr , aufs äußerste erregt und vom gemeinschaftlich genossenen Frühstück aufstehend : Das eben bricht mir ja das Herz ! ... - Das erkennen Sie also schon , daß , wenn auch unsere Machthaber nichts lieber wünschen , als die Bestätigung des Rufes , in dem wir als ein Volk von Phäaken stehen , lebend nur dem immerfort sich drehenden Bratspieß , doch dieser Vergnügungstaumel , in den sich unsere Bevölkerung zu stürzen liebt , um so herbere Aschermittwochsstimmungen zurückläßt ? ... Aus all dieser Lustigkeit hörten Sie schon heraus : Wien ist krank ! ... Mein junger Freund , ganz Oesterreich ist es ... Der Wahrheitstrieb , der tief in diesem Volk begründet ist , findet keine Befriedigung ... So verwandelt er sich in Mistrauen , kühle Prüfung , zuweilen leidenschaftlich hervorbrechende Begeisterung und wieder ebenso rasch kommende Ironie seiner selbst ... Die einen macht ein solches Wesen schlecht , die andern macht es melancholisch ... Was soll einst daraus werden ! ... Die Masse ist gemüthvoll , ist gerechtigkeitsliebend , aber von einer beängstigenden Unbildung und Maßlosigkeit ... Die Vorstädte werden an sich noch wie von den Anschauungen alter Frauen regiert , die an den Straßenecken die Gemüse verkaufen ... Ein Schrecken vor Kometen oder vor dem möglicherweise alle Tage wiederkehrenden Türken oder vor dem Staatsbankrott ist die feststehende Stimmung des allgemeinen Volksgeistes ... Nun dieser Drang nach Oeffentlichkeit , nach Auszeichnung ... Alles was in den Polen , Ungarn , Böhmen , Italienern , namentlich aber in der lebendigsten aller Nationen , in - dem todten Israel lebt , impft sich unserm Volk hier auf ... Herrlich , wenn das alles einen würdigen Gegenstand fände ... Aber dafür die strengste Censur , die Verfolgung der Meinungen , die Unterdrückung der Lehrfreiheit und - als Ersatz für alles das , was die Oeffentlichkeit entbehren muß , die immer enger und enger sich ziehende jesuitische Ueberstrickung ... Kirche und Schule , Wissenschaft und Kunst sollen vom » josephinischen « Geist gereinigt werden ... Einsehend , daß es unmöglich , das Licht , das man fürchtet , in Säcken und dunkeln Kutten aufzufangen , arbeitet man jetzt an einem andern System der Bekämpfung des Neuen ... Man erbaut Gegengebäude ... Man hört die Rathschläge aus dem Al Gesù in Rom ... Und dem allem stimmt die öffentlich geheuchelte Loyalität gleichsam zu und doch - im tiefsten Grund - ist ' s nichts als Lüge - ... An der Lüge geht mein herrliches Oesterreich zu Grunde ! ... Die magern Hände des Greises zitterten ... Sie krümmten sich ... Sein Auge war umflort ... Er mußte hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen , bis sich sein Blut beruhigte ... Ein Hausdiener brachte einen Brief , den gestern Abend ein fremder Herr bei ihm unten geschrieben , versiegelt und an Herrn von Asselyn adressirt hatte ... Er war