einem weißseidenen Tuch . Er sollte es der Jubilarin überreichen . Aber weil das bunte Bild auf dem Deckel ihm gefiel , wollte er es nicht hergeben , rannte damit fort und brüllte fürchterlich , als seine Mutter ihn einfing und es ihm abnahm . So wurde die feierliche Stimmung gestört . Doch war es die einzige Gelegenheit , bei der ein Lächeln , wie ein blasser Wintersonnenstrahl durch graues , trockenes Baumgezweig , sich mühsam durch die Runzeln von Dortes verdrießlichem alten Gesicht arbeitete . “ Ne aber ! Das Wölfchen ! ” sagte sie voll andächtiger Bewunderung , bröckelte ein Stückchen von der selbstgebackenen Festtorte und schob es in das weitgeöffnete Mäulchen , das sich , mitten im vollen Schreien , getröstet über der Süßigkeit schloß . “ Dorte — Du sollst doch nicht . . . ! ” mahnte Frau Eugenie . “ Heute darf Dorte alles , was sie will — sogar unserm Jungen den Magen verderben ! ” rief Lieutenant Heidling gut gelaunt , und die Hausmädchen kicherten . Sie mußten sich auch die Geschenke ansehen — Line von Kommerzienrats und Rike von Professors oben und Lieutenants Sophie — vielleicht hatte es doch einen guten Einfluß auf die leichtsinnige , wanderlustige , faule Bande , dachte die Rätin . Das pommersche Dorfkind Wiesing war schon längst nicht mehr bei Heidlings . Mitten im Vierteljahr hatte man sie fortschicken und sich mit einer diebischen Aufwartefrau behelfen müssen . Und das Mädchen machte anfangs einen so netten Eindruck . Mittags aß Dorte am Tische ihrer Herrschaft . Das graue Zöpfchen zu winzigem Knötchen gedreht , ein bescheidenes Filettuch über den spärlichen Scheiteln , im schwarzen Abendmahlskleide , auf der Brust das silberne Ehrenkreuz — so saß sie still und steif auf ihrem bekränzten Stuhl . Eine fremdartige Gestalt in dem Kreise der vornehmen Bürgerfamilie , der sie ein Vierteljahrhundert gedient hatte — ihr die Nahrung bereitend — in Winterskälte und Sommersglut am Herde , wenn sie noch schliefen , und mit dem Geschirr klappernd , wenn sie schon die Ruhe suchten — einen Tag wie alle Tage — fünfundzwanzig Jahre lang . War es ihr nun eine hohe Ehre , daß sie einmal — nur einmal an dem Tische sitzen durfte , für den sie so lange gesorgt hatte ? Wer von der Familie , die ein Vierteljahrhundert mit ihr in demselben Hause gewohnt , unter demselben Dache geschlafen , hatte eine bestimmte und klare Vorstellung , was hinter diesen kleinen , trüben , rotgeränderten Augen für Gedanken und Gefühle wohnten ? Sie klopften ihr die Schulter , sie drückten ihr die von Gichtknoten gekrümmte Hand , sie sagten ihr freundliche Worte der Anerkennung — eine Fremde war und blieb die alte Küchendorte ihnen doch . Und das Gespräch stockte , weil man durch ihre ungewohnte Anwesenheit am Tische sich geniert fühlte . Als man auf ihr Wohl mit den Weingläsern angestoßen und sie ein Stück Torte auf ihrem Teller in Empfang genommen hatte , stand sie auf und begab sich trotz aller Proteste in ihre Küche zurück . Dort fand Agathe sie später , das amtliche Schreiben vor sich ausgebreitet , die Brille auf der Nase , mühselig Wort für Wort des verschnörkelten Kanzleistiles entziffernd . Dafür hatte sie nun gelebt . Das Abendmahlskleid war bereits wieder abgelegt , das Kreuz zu dem Gesangbuch in die Truhe versenkt , und Dorte streifte sich die Ärmel von den braunen Knochenarmen und goß kochendes Wasser in die Schüsseln , um abzuwaschen . “ Aber Dorte , laß das heute doch dem Hausmädchen ! ” “ Die wird gerade fertig , ” knurrte die Alte . “ Alle Minuten vor der Thür und aufpassen , ob ihr Mannsbild nicht dasteht . Gehn Sie man rein , Fräulein . ” Agathe hätte ihr gern etwas gesagt von Hochachtung oder Bewunderung . Aber es wollte ihr nichts über die Lippen . Eine Ahnung , als habe man das verschrumpfte alte Geschöpf mit diesem Amtsschreiben , der Bibel , dem Ehrenkreuz auf irgend eine Weise , die ihr doch nicht klar war , um des Daseins besten Teil betrogen , hinderte sie zu reden , wie sie es gewünscht hätte . Aus Agathes Tagebuch . — — Nur einmal in sich selbst hineinschauen . . . Da stürzen gleich die Wasser der Trübsal , die an den schwachen Stellen meines Herzens lecken und wühlen , über alle vom Verstand aufgeschütteten Dämme . Hilfloses Ringen — die Angst eines Ertrinkenden . Und dabei Gardinenkanten häkeln und Deckchen sticken . Wieviel Deckchen habe ich eigentlich schon in meinem Leben gestickt ? — — Kein großes Leiden , das erhebt und läutert . . . Ich weiß schon — fleischlich . Qualvoll , qualvoll — aber gemein — niedrig . — Langsames Verhungern einer Königin , die nicht zu betteln gelernt hat ! Ja — das klingt schön . . . . Aber — — Warum stehlt ihr nicht , wenn ihr hungert , armes Pack ? Man besingt die Sieger , nicht die Besiegten ! . . . . Man besingt Messalinen . . . . . Ein dunkelblauer See . . . hoch , hoch in den Alpen . Ganz einsam . Kahles , graues Gestein — und Schneegipfel . Und Abend müßte es sein — Rosen auf das tiefe Blau gestreut — Rosen der niedergehenden Sonne . Leise — langsam — allmählich . . . Wie das Wasser , von den Lichtstrahlen des Tages durchwärmt , an den Gliedern emporquillt — bis zum Herzen — und die Augen schließen . . . Der Boden schwindet . . . Wenn die Fische leicht und stumm ihre Flossen über meine Stirn streifen werden . . . . Wenn lange schleimige Wasserpflanzen aus meinen Augenhöhlen wachsen . . . wenn das Feuchte dort unten tief im Dunkeln mein Fleisch durchsickert und zerstört — ob ich dann immer noch Schmerz fühlen werde ? Eine alte Frau war zur Hintertreppe heraufgekommen und hatte verlangt , das gnädige