bewundernd , indem sie unbefangen die Arme ausstreckte , jetzt aber zuckte Ella empor ; mit einer einzigen Bewegung hatte sie den Knaben der beabsichtigten Liebkosung entzogen und preßte ihn fest an sich . „ Verzeihung , Signora , “ sagte sie kalt . „ Das Kind ist scheu gegen Fremde , und nicht an solche Liebkosungen gewöhnt . “ Beatrice schien etwas beleidigt durch die Zurückweisung , indessen sah sie darin nichts , als die übertriebene Aengstlichkeit einer Mutter . Sie zuckte unmerklich die Achseln , und ein spöttischer Seitenblick fiel auf die Fremde , aber er blieb bald genug gefesselt an der Erscheinung derselben haften , wenn das Wiedererkennen auch nur auf einer Seite stattfand . Vor Ella ’ s Gedächtniß stand noch in vollster Klarheit jener Abend , wo sie allein , ohne Wissen der Ihrigen , den Schleier dicht über das Gesicht gezogen , in das Theater eilte , um diejenige kennen zu lernen , die ihr den Gatten so völlig entfremdet hatte . Sie hatte sie gesehen , im vollen Glanze ihrer Schönheit und ihres Talentes , umrauscht von dem Jubel und den Huldigungen des Publicums , und sie nahm den Eindruck unauslöschlich mit sich fort . Beatrice hatte gleichfalls nur ein einziges Mal die Gattin Reinhold ’ s erblickt , damals , als sie erst anfing , sich für den jungen Künstler zu interessiren , und Ella noch nichts von ihrem unheilvollen Einfluß ahnte . Der Italienerin genügte eine flüchtige Begegnung von wenigen Minuten , um zu erkennen , daß dieses stille blasse Wesen mit den niedergeschlagenen Augen und dem lächerlich matronenhaften Anzuge nicht einen solchen Mann zu fesseln vermochte , und diese Erkenntniß war hinreichend für sie , um ferner keine Notiz mehr von der jungen Frau zu nehmen . Jedenfalls war es ihr unmöglich , das verblaßte , halb lächerliche und halb mitleidswerthe Bild , das sie in der Erinnerung trug , auch nur entfernt mit jener Erscheinung in Berührung zu bringen , die so unnahbar stolz dort stand , die das blonde Haupt so hoch und frei aufgerichtet trug , und deren große blaue Augen sie mit einem Ausdrucke anblickten , den Beatrice sich nicht zu enträthseln vermochte . Sie sah nur , daß die Fremde sehr hochmüthig , nebenbei aber auch sehr schön war . Letzteres schienen auch die beiden Herren zu finden , die artig grüßend näher getreten waren , denn der Lord schaute Ella mit offenbarer Bewunderung an , und der Marchese , dem Hugo so oft eine sträfliche Gleichgültigkeit gegen Damenbekanntschaften vorgeworfen hatte , sagte mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zu ihm : „ Sie scheinen Signora zu kennen . Dürfen wir nicht auf das Vergnügen rechnen , ihr vorgestellt zu werden ? “ Der Capitain hatte sich wie zum Schutze an die Seite der jungen Frau gestellt . Zwischen seinen Augenbrauen lag eine Falte , die selten auf dieser heiteren Stirn erschien , und sie wurde noch tiefer bei dieser directen Aufforderung , die sich unmöglich ablehnen ließ . Er stellte daher die beiden Herren vor , und nannte ihnen seine Landsmännin , Frau Erlau . Er wußte , daß Ella , um unliebsamen Nachforschungen vorzubeugen , zu denen der Name Almbach leicht hätte Veranlassung geben können , den ihres Pflegevaters trug , so lange sie in Italien weilte . Beatricens Augen sprühten auf in beleidigtem Stolze . Sie war es nicht gewohnt , daß sie und Reinhold bei solchen Gelegenheiten zuletzt genannt wurden , und hier wurden sie überhaupt gar nicht genannt . Der Capitain ignorirte sie vollständig und schien dies sogar absichtlich zu thun , denn der Zornesblick , den sie ihm zuschleuderte , ward mit empörender Kälte aufgefangen , aber auch Cesario war betroffen über die Tactlosigkeit [ 527 ] seines sonst so liebenswürdigen Gastes . Während er der fremden Dame einige Höflichkeiten sagte , wartete er vergebens auf die Fortsetzung der Vorstellung , und als diese nicht erfolgte , übernahm er es , die vermeintliche Unart des Capitains wieder gut zu machen . „ Sie haben das Wichtigste vergessen , Signor , “ sagte er , die Sache rasch zum Scherze wendend . „ Signora Erlau würde Ihnen schwerlich dankbar sein , wenn Sie ihr gerade die beiden Namen nicht nennen , die sie ohne Zweifel am meisten interessiren , und die ihr keinesfalls unbekannt sind . Signora Biancona – Signor Rinaldo . “ Beatrice , noch entrüstet über die ihr widerfahrene Beleidigung , grüßte nur mit einer [ Ξ ] kurzen Neigung des Hauptes , die ebenso erwidert wurde , plötzlich aber ward sie aufmerksam . Sie fühlte , wie Reinhold ’ s Arm zuckte , wie er den ihrigen fallen ließ und einen Schritt von ihr wegtrat , als er sich verneigte . Sie kannte ihn allzu genau , um nicht zu wissen , daß er in diesem Momente , trotz seiner scheinbaren Ruhe , furchtbar erregt war . Diese fahle Blässe , dieses nervöse Zucken der Lippen waren das sichere Zeichen , daß er irgend eine leidenschaftliche Aufwallung mit Gewalt unterdrückte , und was sollte dieser Blick , der freilich nur einige Secunden lang dem der Fremden begegnete , aber er flammte in unverkennbarem Trotze und schmolz doch wieder in vollster Weichheit , als er auf das Kind an ihrer Seite fiel . Sie selbst freilich stand ihm völlig unbewegt gegenüber , auch nicht ein Zug regte sich in dem marmorkalten Antlitze , aber auch dies Antlitz war auffallend bleich und die Arme umschlangen den Knaben so krampfhaft fest , als sollte er ihnen entrissen werden . Dennoch erwiderte sie mit vollkommen beherrschter Stimme : „ Ich bin Ihnen sehr dankbar , Signor . Ich hatte in der That noch nicht das Vergnügen , Italiens erste Sängerin und Italiens berühmten Tondichter zu kennen . “ Reinhold ’ s Blut wallte siedend heiß auf , als ihm von Neuem , und diesmal vor Fremden , die unendliche Kluft gezeigt wurde , die ihn von der einstigen Gattin schied . Jetzt war sie