Blick auf seine Begleiterin . „ Das kommt ungelegen , “ sagte er halblaut . „ Ich hätte besser gethan , Dich bei Deiner Mutter zu lassen . “ „ Was giebt es dort ? Eine Gefahr ? “ fragte Gabriele erbleichend ; sie erinnerte sich der Aeußerungen des Oberst Wilten über die Rücksichtslosigkeit , mit welcher der Gouverneur sich und seine Sicherheit bei solchen Gelegenheiten auf ’ s Spiel zu setzen pflegte . Raven sah ihr Erschrecken , schrieb es aber nur ihrer eigenen Angst zu . „ Es scheint Lärm vor dem Stadtgefängnisse zu geben , “ erwiderte er . „ Ich setzte allen Anzeichen nach voraus , daß es heute ruhig bleiben werde , sonst wäre ich nicht fortgefahren , aber sei unbesorgt , Du sollst nicht in Gefahr kommen . Ich muß Dich freilich verlassen – “ „ Um Gotteswillen nicht ! “ rief Gabriele . „ Wohin willst Du ? “ „ Wohin meine Pflicht mich ruft – nach dem Schauplatze der Unruhen . “ „ Und ich ? “ „ Du kehrst allein noch Hause zurück . Dich wird Niemand behelligen . Halt an , Joseph ! “ Der Kutscher gehorchte ; er zog die Zügel an , und der Freiherr erhob sich von seinem Sitze . „ Joseph , Du fährst Fräulein von Harder sofort und so schnell wie möglich nach dem Schlosse . Es hat keine Gefahr ; die Schloßstraße ist vollkommen sicher . “ Er öffnete den Wagenschlag , aber das junge Mädchen hielt wie in Todesangst seinen Arm umklammert . „ Laß mich nicht allein ! Nimm mich wenigstens mit Dir . “ „ Thorheit ! “ sagte Raven , mit Entschiedenheit seinen Arm frei machend . „ Du fährst nach dem Schlosse . Ich komme nach , sobald der Lärm vorüber ist . “ Er war ausgestiegen und wollte die Wagenthür schließen , aber in dem gleichen Augenblick sprang Gabriele mit einer raschen Bewegung hinaus und stand an seiner Seite . „ Gabriele ! “ rief der Freiherr – es war ein Ausruf halb des Schreckens und halb des Unwillens ; doch das junge Mädchen schmiegte sich nur fester an seine Seite . „ Ich lasse Dich nicht allein in der Gefahr , und ich fürchte nichts , gar nichts , wenn Du bei mir bist . Laß uns zusammen gehen ! “ Raven ’ s Auge flammte auf , wie vorhin im Wagen , aber diesmal war es ein Blitz des Entzückens , des leidenschaftlichen Triumphes . „ Du kannst mich nicht begleiten , “ sagte er ; es war wieder jener seltsam verschleierte Ton , den Gabriele nur einmal von seinen Lippen gehört hatte – damals am Nixenbrunnen . „ Du begreifst es doch , daß ich Dich nicht mitnehmen kann in jenes wüste Toben , wo mir jede Möglichkeit fehlt , Dich zu schützen . Es ist ja nicht das erste Mal , daß ich solchen Scenen entgegentrete ; ich weiß , wie man die Menge zügelt , aber mir würde die gewohnte Energie versagen , wüßte ich Dich nicht in voller Sicherheit . Versprich mir , ruhig nach Hause zurückzukehren und mich dort zu erwarten ! Ich bitte Dich , Gabriele – Du wirst mir meine Pflicht nicht schwer machen wollen . “ Er umfaßte sie und hob sie wieder in den Wagen ; Gabriele ließ es widerstandslos geschehen ; sie wußte ja selbst , daß sich eine Frau nicht in jenes rohe Gewühl wagen konnte und durfte . Es war nur die Todesangst , die ihr den Gedanken eingegeben hatte , und diese Angst sprach jetzt so deutlich aus ihren Zügen , daß auch Raven ’ s Festigkeit wankte . Er fühlte , daß er sich eilig losreißen müsse , wollte er nicht der stummen Bitte dieser Augen erliegen . „ Ich muß fort , “ sagte er hastig . „ Leb ’ wohl , auf Wiedersehen ! “ Er warf den Schlag zu und gab dem Kutscher ein Zeichen zum Weiterfahren . Gabriele sah noch , wie die hohe Gestalt sich umwandte und mit raschen , festen Schritten die Richtung nach dem Platze einschlug . Dann zogen die Pferde an , und der Wagen flog mit verdoppelter Eile dem Schlosse zu . Mehr als eine Stunde war vergangen , und noch immer war der Gouverneur nicht zurückgekehrt . Man fing im Schlosse an , wegen seines Ausbleibens besorgt zu werden , denn der Kutscher , der allein mit Baroneß Harder zurückgekehrt war , hatte berichtet , daß sein Herr sich auf dem Schauplatz der Unruhen befinde . Man wußte allerdings im Regierungsgebäude von den letzteren , hatte aber noch keine näheren Nachrichten darüber , denn die Dienerschaft hatte ein für alle Mal Befehl , das Schloß bei solchen Gelegenheiten nicht zu verlassen , und von den Beamten , die dort wohnten , wagte sich Niemand in den immerhin gefährlichen Tumult . Nur Hofrath Moser , der sich zufällig in der Stadt befand , schien dort festgehalten zu werden . Auch er war noch nicht zurückgekehrt und wartete wahrscheinlich auf die Wiederherstellung der Ruhe , um die Straßen ungefährdet zu passiren . Das Arbeitszimmer des Freiherrn war bereits erleuchtet . Die von der Decke herabhängende Lampe goß ihr helles Licht über das ganze Gemach aus , das selbst jetzt seinen ernsten , düsteren Charakter nicht verlor . Nur die tiefe Nische des Bogenfensters lag im vollen Schatten , und dort , halb verborgen hinter den schweren Vorhängen , stand Gabriele . Es litt sie heute nicht in der Wohnung ihrer Mutter , die nach der andern Seite hinauslag ; sie hatte das Arbeitszimmer ihres Vormundes aufgesucht , das sie sonst nie ohne besondere Veranlassung betrat , denn es bot den vollen Ueberblick über die Stadt . Die hereinbrechende Dunkelheit setzte freilich bald jeder Beobachtung ein Ziel ; das Schloß lag überhaupt viel zu weit vom Mittelpunkte der Stabt entfernt , als daß man irgend etwas , was dort vorging , hier hätte bemerken können