die höher gelegenen Berge schon in einer dichten Nebelschicht verschwanden . Der Graf blickte den Weg hinunter , es fehlte nur , daß jetzt auch noch dieser Günther erschien , um ihn zur Rede zu stellen ! Wenn Ottfried ein solches Zusammentreffen auch nicht gerade fürchtete – als er Lucie hinabbegleitete , stand es ja jeden Augenblick zu erwarten – so wünschte er es doch jetzt noch viel weniger . Was blieb denn am Ende diesem Menschen gegenüber übrig , wenn er sich mündlich Unarten erlaubte , wie er es bereits schriftlich gethan ! Fordern konnte man ihn doch nicht . Graf Rhaneck und der Sohn eines Unterförsters ! Also that man am besten , die etwaige Begegnung zu vermeiden , besonders nach dem , was jetzt geschehen war . Mit einem erbitterten Blick nach der Kirche zurück wandte sich der junge Graf an den Meßner , der vor seinem Hause stand und nach dem Wetter sah . „ Giebt es keinen Weg nach N. zurück , als diesen hier ? “ Der alte Mann kam näher . „ Gewiß , Euer Gnaden ! Der Fußweg da bringt Sie in der halben Zeit nach dem Dorfe . “ Der Gebirgsbewohner dachte natürlich nicht daran , daß der Weg , den er stets mit solcher Gemüthsruhe ging , für die verwöhnten Füße eines Städters bedenklich sein könnte . Ottfried war aber nicht in der Stimmung , viel danach zu fragen , ob der Pfad bequem oder unbequem sei , er winkte dem Meßner mit der Hand einen vornehm nachlässigen Dank zu und verschwand zwischen den Felsen , in der angewiesenen Richtung . Benedict war an der Seite des jungen Mädchens in der Kirche zurückgeblieben . Er hatte Recht , es war nur ein einfaches kleines Gotteshaus , gleichwohl hatte es die Andacht der armen Gebirgsbewohner mit Allem geschmückt , was ihren dürftigen Mitteln nur zu Gebote stand . Noch schwebte der Weihrauchsduft durch den dämmernden Raum , das trübe Tageslicht draußen fiel gedämpft durch die schmalen , längst erblindeten Kirchenfenster und hüllte Altar und Seitenpfeiler in ein mystisches Halbdunkel , während die Wölbung oben schon im tiefen Schatten verschwamm . Verblaßte Bilder , halbverwischte Inschriften ringsum an den Wänden , dazwischen Todtenkränze , reich mit Bändern und Flittergold aufgeputzt , und statt der Blumen , die der rauhe Herbst hier oben nicht mehr zu geben vermochte , frisches Immergrün zu den Füßen des Madonnenbildes . Ueber dem Hochaltar aber schwankte dunkelroth die Ampel mit dem ewigen Lichte , die Ketten , welche sie trugen , verschwanden im Dunkel der Wölbung , es sah aus , als schwebe ein großes glühendes Auge da oben , das unverwandt auf die Beiden niederblicke . Der junge Priester hatte nicht gefragt , wie Lucie hierhergekommen und welcher Zufall sie allein mit dem Grafen zusammengeführt , ihm genügte es , daß dies Beisammensein ein erzwungenes war , und daß sie sich davor in seinen Schutz geflüchtet . Dies Wiedersehen riß ja ohnedies die letzte Hülle von der Wahrheit , die mit jeder Stunde , mit jedem Tage hier oben sich deutlicher vor ihm erhob , daß es umsonst gewesen war , all dies Fliehen und Kämpfen , daß er hier in der Ferne und Einsamkeit noch tiefer im Banne der Leidenschaft lag , als drunten im Stifte . Dies junge Wesen , das so gar nicht fähig schien , die Tiefen seines Innern zu verstehen oder auch nur zu ahnen , das mit seinen blauen Kinderaugen nur in eine Welt voll Sonnenschein und Freudenglanz blickte , dessen blumiger Weg so weit ab lag von der Bahn , die der finstere einsame Mönch von jeher gegangen , es hatte gleichwohl eine Gewalt über ihn errungen , vor der jede andere Empfindung machtlos zusammensank , vor der jede Willenskraft sich ohnmächtig beugte . Lucie stand scheu und ängstlich neben ihm , sie ahnte freilich nichts von dem Sturme , der sich unter dieser kalten Verschlossenheit barg , aber sie hatte freier geathmet in der Gegenwart Ottfried ’ s , selbst da , wo sein Wesen sich ihr in seiner ganzen Widerwärtigkeit enthüllte . Die Empörung darüber rief ihren ganzen Trotz und Stolz wach , gezittert hatte sie vor ihm auch in jenem Augenblicke nicht , aber hier , in dem sichern Schutz des blassen strengen Priesters , da zitterte sie . Es gab nur ein Auge , das im Stande war , ihr Furcht zu machen , und das Auge war jetzt wieder auf sie gerichtet , und sie wieder in dem alten Bann . Das leise Beben des jungen Mädchens entging Benedict nicht . „ Fürchten Sie nichts , mein Fräulein ! “ sagte er fest . „ Ich bleibe an Ihrer Seite , bis ich Sie in sicherer Obhut weiß . Der Graf wird Sie nicht weiter behelligen ! “ Lucie hob unwillkürlich das Auge empor , es war etwas in seiner Stimme , was ihr Angst einflößte , und in seiner Miene fand sie denselben Ausdruck wieder , der sie in den Worten erschreckt hatte ; stand doch eine tiefe drohende Falte auf seiner Stirn , die sie niemals dort gesehen . „ Es thut mir leid , daß Sie dem Grafen meinetwegen so feindlich gegenübertraten , “ sagte sie leise . „ Er wird es Ihnen schwerlich verzeihen . “ Benedict lächelte verächtlich . „ Beruhigen Sie sich ! Die Feindschaft zwischen Graf Rhaneck und mir datirt nicht erst von heute . Er hat mich von jeher mit seinem Hasse beehrt ! “ „ Aber “ – Lucie stockte und sie konnte doch die Frage nicht zurückhalten – „ was meinte er mit seinen räthselhaften Worten , es sei zu Ende mit Ihrer Priestergewalt ? Wollen Sie nicht mehr Priester bleiben ? “ Ein Ausdruck tiefster Bitterkeit überflog seine Züge . „ Ob ich will ? Meine Gelübde sind unauflöslich ! Unsere Kirche giebt ihre Geweihten niemals frei , es ist nur die Frage , ob ich mich noch ferner zu ihnen zählen darf