im eifrigsten Gespräche mit dieser erblickt – nur einen Moment , denn die beiden waren beim Klirren seines Schrittes unter einem Torwege verschwunden , aber genügend lang für sein scharfes Auge , um die auffallende Gestalt des Wunderdoktors deutlich gewahr zu werden und in der andern , von einem dunkeln Mantel umhüllten , den Obersten Jenatsch zu vermuten . Das genügte , um den unternehmenden und durch die Winterruhe gelangweilten Locotenenten zu einem lustigen Handstreiche anzufeuern . Er belauerte die Abreise des Italieners , nahm auf ein paar Tage Urlaub , ritt dem fahrenden Wunderdoktor nach und holte ihn auf seinem feurigen Fuchs gegen Abend des ersten Reisetages ein . Wie ein Wegelagerer überfiel er ihn an einer einsamen Stelle der Gebirgsstraße . Der erschrockene Quacksalber mußte zuerst seinen Apothekerkasten ausräumen und sich dann einer Durchsuchung seiner Person unterwerfen . Wie triumphierte Wertmüller , als er , dem Doktor freundschaftlich auf den Rücken klopfend , ein knisterndes Papier verspürte , das zwischen Tuch und Unterfutter eingenäht war , und dann mit der Pflasterschere des Unglücklichen aus dessen scharlachrotem Rocke unversehrt ein eigenhändiges Schreiben seines Feindes an einen Kapuzinerpater herausschnitt , worin Jenatsch diesem Aufträge an den Gubernatore Serbelloni in Malland gab . Der Wortlaut freilich war dunkel , aber die Tatsache selbst sprach um so klarer . Nachdem der Locotenent den schlotternden Zahnausreißer beruhigt und aus seiner Reiseflasche gestärkt hatte , jagte er in freudigem Galopp nach Chur zurück . Jetzt war der Verräter Jenatsch in seinen Händen . Er erreichte die Stadt in vorgerückter Nachtstunde und wurde kaum noch vorgelassen . Der Ungeduldige mußte sich damit begnügen , seinem Herrn den verräterischen Brief mit einer gedrängten Auseinandersetzung des Zusammenhangs zu überreichen . Als Wertmüller dann am nächsten Morgen nach einem glücklichen Schlafe sich dem Herzog vorstellte , fand er diesen in sehr getrübter Stimmung und nicht geneigt , auf eine Besprechung des ihm , wie er sagte , unerklärlichen und sehr schmerzlichen Vorfalles einzugehen . Er müsse auch von anderer Seite sich darüber Aufklärung verschaffen . Kurz vor der Stunde , zu welcher Jenatsch täglich dem Herzog aufzuwarten pflegte , wurde der Locotenent mit einem Tagesbefehl nach der Rheinschanze beordert , und , so scharf er auch ritt , er kam zu spät , um dem Obersten vor Herzog Heinrich Stirn gegen Stirn entgegenzutreten . Bei seiner Rückkehr traf er diesen in der heitersten Laune und wie von einer schweren Last befreit . » Besten Dank für Euern löblichen Diensteifer , braver Wertmüller ! « empfing er den Adjutanten . » Diesmal hat er Euch freilich trotz Eures mit Argusaugen blickenden Scharfsinns in eine grobe Falle gelockt . – Ungern tue ich Eurer Eitelkeit weh . – Jenatsch war hier und ich habe ihn mit aller Offenheit zur Rede gestellt . Er hat sich vollkommen gerechtfertigt . Der Brief ist falsch und die Handschrift auf merkwürdig geschickte Weise nachgeahmt . Der Oberst hat Feinde , in deren Interesse es liegt , ihm mein Vertrauen zu rauben . Sie ahnen nicht , daß sie es mit ihren Kabalen im Gegenteil immer mehr befestigen . Er hat deren namentlich am bischöflichen Hofe unter Euren geistlichen Genossen am Spieltische , Wertmüller . Sie kennen Euch und zählten auf Euern Argwohn und Eure Unternehmungslust . Da Ihr aus Euerm Widerwillen gegen den Oberst und , Euch zur Ehre sei ' s gesagt , aus Eurer Anhänglichkeit an meine Person kein Geheimnis macht , so war die Intrige der geistlichen Herrn bald eingefädelt . Der elende Dottore war ihr bestochenes Werkzeug . – Gesteht , er hat seine Rolle gut gespielt ! Wo wird sich ein Italiener den Anlaß zu einer Komödie jemals entgehen lassen ! – Was endlich jene nächtliche Unterredung zwischen Jenatsch und dem Quacksalber unfern der bischöflichen Residenz betrifft , die Euch zu denken gab , so hat es damit seine Richtigkeit – sie drehte sich um das Ausschneiden von Leichdornen . Erinnert Euch , daß Ihr über den Obersten gespottet habt , als er vor ein paar Tagen mit einem Pantoffel am linken Fuße einherschritt . « Wertmüllers herbes Gesicht verfinsterte sich unter dieser Rede dermaßen , daß der Herzog ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn freundlich mit den Worten verabschiedete : » Sprechen wir nicht mehr davon , mein Lieber , die Sache ist nicht von Wichtigkeit . « Fruchtlos brütend , wie er dem Obersten trotz alledem noch beikommen könne , verließ Wertmüller das herzogliche Gemach . In seinem Zustande verbissener Wut bemerkte er nicht , daß ein blondes Engelsköpfchen sich die Treppen heran ihm entgegenbewegte . Es war die goldlockige Tochter des Hauses , Fräulein Amantia Sprecher , die sich mit einem Strauße erster Märzglöckchen zu dem Herzog begab . Nicht nur übersah sie der Ungestüme , er raste in so weiten Sprüngen die Steinstufen hinunter , daß er sie fast niederrannte . Bestürzt hielt sie sich an dem reich verschlungenen Eisengeländer und sah ihm mit ihren unschuldigen blauen Augen sinnend und vorwurfsvoll nach . War das derselbe Wertmüller , der ihrer Lieblichkeit sonst in auffallender Weise huldigte , der den ganzen Winter einer ihrer bevorzugten Tänzer gewesen war ? Auch auf morgen hatte er sie ja wieder zum Balle , dem letzten und glänzendsten des Faschings , eingeladen . Welche Tarantel hatte ihn heute gestochen ? Wohl war er ihr auch sonst zuzeiten rücksichtslos erschienen , wenn er sich spöttisch und wegwerfend über bündnerische Zustände und Sitten äußerte . Wer oder was blieb überhaupt von seiner scharfen Zunge verschont ! Mit ihr hatte er doch bis jetzt immer eine Ausnahme gemacht und sie war dafür nicht unempfindlich geblieben . Ihre sanfte kindliche Schönheit und das Gleichgewicht ihrer durchaus friedfertigen Sinnesart wirkte anziehend und beruhigend auf den quecksilbernen Offizier . Die Sprecherin ihrerseits hatte sich in allen Züchten zuweilen mit dem Gedanken beschäftigt , wie sich dieser zürcherische Unband wohl als Eheherr ausnehmen würde , und hatte seine Tapferkeit , den unbestreitbaren Wert seiner Treue an dem edeln frommen Herzog und seine hochgehenden Lebensaussichten