drinnen , dann fuhr er die äußere Frontseite entlang , als wolle er das Gesammtbild der kleinen Besitzung noch einmal umfassen . „ Ja , ja , das wäre so etwas nach meinem Geschmacke gewesen – eine Hütte und ein Herz ! “ sagte sie mit einem steifen , drastisch ironischen Kopfnicken . „ Einen Mann ohne Amt und Einfluß , über dem Kopfe eine spukhafte Spelunke , mitten im öden Felde , und ein isoliertes Zusammenleben zu Dreien , für welches die schmale Revenue meines väterlichen Erbtheils ausreichen müßte ! Nie in meinem ganzen Leben habe ich empfunden , was es heißt , gedemüthigt werden – heute zum ersten Male kam mir in der bedrückend armseligen Umgebung das Gefühl , als sei ich herabgezerrt worden von dem Piedestal , auf das mich makellos gute Herkunft , vornehme Gestaltung der äußeren Verhältnisse und die eigene geistige Begabung gestellt haben . Gott mag geben , daß sich Henriettens Krankheit nicht zum Schlimmsten wendet ! Ich könnte ihr kein letztes Lebewohl sagen ; denn mich sieht dieses Haus nicht wieder . Wahrhaftig , schmachvoller ist nie ein Mädchen betrogen worden , als ich . – Ich möchte mich selbst ins Gesicht schlagen , daß ich so blind , so bodenlos unbefangen in diese Verhältnisse hineingetappt bin . “ Sie stürmte wie wahnwitzig der Brücke zu . Das Mondlicht , das sich wie ein dünner Silberschleier über das glitzernde Flußbett hinbreitete , floß schwach an ihr nieder , und der Wind , schon halb und halb zum Sturme gesteigert , fiel sie heftig an ; er zauste an ihren Kleidern und blies ihr den atlasglänzenden Umhang vom Kopfe , und die gelösten Locken hoben sich wehend und schlangenhaft züngelnd über der weißen Stirn . „ Er giebt mich nicht frei , trotz meines Flehens und meiner Gegenwehr , “ sagte sie , mitten auf der Brücke stehen bleibend , zu der Schwester , die ihr folgte und nun ohne Weiteres an ihr vorüber schreiten wollte . „ Du bist dabei gewesen – Du hast gehört , was für entscheidende Worte gefallen sind . Er handelt ehrlos , erbärmlich , wie eine kalte Krämerseele , die den Untergang eines Betrogenen vollkommen ermißt , und doch auf der Erfüllung des unheilbringenden Kontraktes besteht . Mag er – mag er sich zeitlebens mit dem Gedanken sättigen , daß ihm ein Schatten von Recht verblieben ist – ich bin von diesem Moment an frei . “ Sie hatte bei den letzten Worten den Verlobungsring vom Finger gestreift und schleuderte ihn weit hinüber in die rauschenden Fluten . „ Flora , was hast Du gethan ! “ schrie Käthe auf und bog sich mit ausgestreckten Händen über das Brückengeländer , als könne sie den Ring noch erfangen . Er war versunken . Ob ihn die Wellen mit fortspülten , oder ob er liegen blieb auf dem Grunde , nahe dem Hause , in welchem das Unheil einzog , sobald warme , liebende Menschenherzen darin schlugen ? Das junge Mädchen meinte , das blonde , tote Weib müsse aus dem glitzernden Wasserschwalle auftauchen und drohend das verächtlich fortgeschleuderte Symbol der Treue emporhalten . Schaudernd legte sie die Hand über die Augen . „ Närrchen , alteriere Dich doch nicht , als sei ich selbst hineingesprungen mit Haut und Haar ! “ sagte Flora mit kaltem Lächeln . „ Manche Andere mit weniger Willens- und Widerstandskraft hätte es vielleicht gethan – ich werfe einfach den letzten Ring einer verhaßten Kette von mir . “ Sie hob die Linke und strich wie liebkosend über den befreiten Ringfinger . „ Es war nur ein schmaler , dünner Goldreif , ‚ einfach ‘ , wie es der da drin “ – sie nickte mit dem Kopfe nach dem Hause hin – „ in seiner erkünstelten Spartanermanier zu lieben vorgiebt , und doch drückte er grob wie Eisen . Nun mag er rosten da unten – ich fange ein neues Leben an . “ Ja , sie hatte die Last „ abgeschüttelt , abgeschüttelt um jeden Preis “ , wie sie schon immer gesagt . Das Schreckbild einer verhaßten Ehe versank , und dafür ging „ die Sonne des Ruhmes “ auf . Flora flog davon , als brenne die Brücke unter ihren Sohlen . Käthe folgte ihr schweigend . In der Seele der jungen Schwester stürmte es erschütternd , sinnverwirrend ; das klare , gesunde Urtheil , mit welchem sie an die Menschen und Dinge heranzutreten pflegte , war verdunkelt ; sie stand völlig steuerlos zwischen Recht und Unrecht , zwischen Wahrheit und Lüge . Geberdete sich nicht das schöne Wesen da neben ihr , dieses personificierte Gemisch von eclatantem Unrecht , von Uebermut und grausamer Willkür , so zuversichtlich und tactfest , als könne und dürfe es gar nicht anders handeln ? Zertrat Flora nicht ihr gegebenes Wort , ihre Pflichten mit gutem Fug und Recht , gerade so , wie sie jetzt mit ihren raschen Füßen über die Kiesel der Allee hinschritt ? – – Im Korridor der Villa meldete der Bediente den beiden Schwestern , daß die Frau Präsidentin Besuch habe ; es seien zwei alte Damen zum Thee gekommen . „ Desto besser ! “ sagte Flora zu Käthe . „ Ich bin wahrhaftig nicht in der Stimmung , heute noch die Scheherazade der Großmama zu spielen . Die alte Generalin hat immer die Taschen voll Klatsch und Stadtneuigkeiten ; da ist man entbehrlich . “ Sie ging , wie sie sagte , für eine halbe Stande hinein , um den Thee zu besorgen und sich dann mit ihrem „ übervollen Herzen “ zurückzuziehen . Käthe aber ließ sich mit Unwohlsein entschuldigen – war es doch auch , als woge ihr das fiebererregte Blut einer beginnenden Krankheit in Kopf und Herzen . 14. Am anderen Morgen herrschte reges Leben in der Villa Baumgarten . Gegen Mitternacht hatte eine telegraphische Depesche die Rückkehr des Kommerzienrates aus Berlin gemeldet , und eine Stunde später war er angekommen . Er hatte zwei