Ernestine — er ist gut ? “ „ Ja , ach ja ! “ hauchte Ernestine wie träumend vor sich hin und blieb lange regungslos neben dem Stuhle stehen , auf dem Heim gesessen hatte . Da trat er endlich mit Leuthold und der Staatsrätin wieder ein . „ Angelika ! “ sagte die Letztere , „ wir müssen eilen , daß Onkel Neuenstein nicht mit dem Tee wartet . Lebe wohl , Ernestinchen , Herr Gleißert wird Dir sagen , was wir nach Deiner Rückkehr mit Dir vorha ­ ben . Erhole Dich recht , mein gutes Kind , daß Du uns froh und gesund wieder kommst . “ Angelika küßte Ernestine rasch und zog ihre Mutter zur Türe . Ernestine stand schweigend mit niedergeschlagenen Augen . Da kam Heim auf sie zu und schloß sie in die Arme . Er sagte nichts als : „ Gott segne Dich ! “ aber dies Wort erschütterte sie im Tiefsten und als er sich zum Gehen wandte , sank sie laut schluchzend nieder . Die Fremden waren fort , die Wagen von dannen gerollt . Leuthold , der sie geleitet hatte , scherzte längst auf seinem Zimmer mit Gretchen und noch lag Ernestine in dem öden Gemach auf den Knien und weinte über dem Grabe ihrer Kindheit . Ende des ersten Bandes . Arzt der Seele Wilhelmine von Hillern Zweiter Teil Erstes Kapitel „ Nur ein Weib . “ An einem heitern , sonnigen Morgen versammelte sich bei Professor Möllner in N * * * eine Gesell ­ schaft , bestehend aus den Hauptvertretern der dortigen medizinischen und philosophischen Fakultät . Vor den Gästen stand ein Tisch bereit , gedeckt mit Allem , was das Herz eines Menschen , der morgens ein paar Stunden Kolleg gelesen hat , erfreuen kann . Das Früh ­ stück war jedoch nicht der einzige Zweck des Beisam ­ menseins der gelehrten Herren , sie wollten bei dieser Gelegenheit eine höchst spaßhafte Geschichte besprechen , nämlich das Gesuch einer Dame , die Vorlesungen an der dortigen Universität zu hören und zu promovieren . Möllner hatte die Herren behufs dieser kleinen Beratung zu sich eingeladen . Der Physiker Meibert , der Anatom Berk und die Philosophen Her ­ bert und Taun dehnten sich schon in bequemen Lehnstühlen und betrachteten mit trockenem Gaumen die unentkorkten Flaschen , die so still und steif dastanden , als wären sie von unsichtbarer Hand hierher gebannt und es bedürfe eines besonderen Zauberspruchs , den Keiner kannte , um ihres Inhaltes habhaft zu werden . Auch Hektor , der große Hund Möllners , richtete in ehrerbietiger Entfernung seine braunen ehrlichen Augen sehnsüchtig nach den Leckerbissen des Tisches und begriff nicht , wie die Herren so lange davor sitzen konnten , ohne zuzugreifen ; wäre er ein Mensch gewesen , er hätte es sicher anders gemacht . Da trat mit ihrer würdigen Ruhe und Freundlichkeit die Staatsrätin ein und begrüßte die aufspringenden Gäste mit leichtem Neigen des Kopfes . — „ Soeben erfahre ich erst , daß mein Sohn noch nicht da ist , die Herren zu empfangen , “ sagte sie , „ erlauben Sie mir daher , Sie einstweilen zu bewirten , Sie werden nach dem Lesen einer Erquickung bedürfen . “ „ O , zu gütig , bitte recht sehr , “ erscholl es von den dürstenden Lippen , während die Staatsrätin die Gläser voll goß . Herbert , der Philosoph , nahm für die Andern das Wort , denn er war ein Liebling der Salons und der Damen und vereinte gern den Ernst des Gelehrten mit der Liebenswürdigkeit des anerkann ­ ten Weltmannes : „ Wir schätzen uns glücklich , “ sagte er , „ die Hand küssen zu dürfen , deren mildtätiges Walten wir schon in der köstlichen Anordnung dieses Frühstücks bewunderten ! “ „ Professor Herbert ist immer galant , das kennt man schon , “ sagte die Staatsrätin trocken . „ Ich bestrebe mich stets “ , erwiderte er , „ den Gefühlen der Hochachtung , welche ich für die Damen hege , den genügenden Ausdruck zu geben , was mir indessen leider nur selten gelingt . “ „ Guten Tag , Mama , guten Morgen , meine Herren , “ erklang eine glockenhelle Stimme unter der Tür und herein flog eine Gestalt , so rosig und maienhaft , daß ihr Glanz auf allen Gesichtern wiederstrahlte . „ Angelika “ , sagte die Staatsrätin , sie umar ­ mend , „ kommst Du ohne Deinen Mann ? Was willst Du denn ? Du warst ja nicht geladen , sondern er ! Das ist wohl eine Verwechslung ? “ „ O Frau Staatsrätin , wir sind ganz mit dem Tausche zufrieden , “ lachten die Professoren und dräng ­ ten sich , Herbert voran , um Angelika , den Frühlingshauch , der von ihrem Wesen ausging , mit Behagen einschlürfend . „ Ich weiß wohl , Mama , daß Ihr nur Moritz einludet , aber ich komme doch . Ich möchte so gerne hören , was über meine einstmalige Jugendfreundin in diesem hohen Rate verhängt wird . Nicht wahr , ich darf bleiben ? “ „ Wenn es Dein Mann erlaubt und die Herren nichts dawider haben , “ sagte die Staatsrätin . „ Nein , o nein , wir haben nichts dagegen , “ rie ­ fen die Herren mit Ausnahme Herberts , der mit et ­ was bedenklicher Miene lispelte , er fürchte nur , die Frau Kollega könnte manches für ihr Geschlecht nicht Schmeichelhafte in dieser Beratung zu hören bekommen . „ O , von Ihnen , dem anerkannten Damenfreund , dem galantesten Manne der Stadt , fürchte ich das nicht , “ lachte Angelika , „ und die anderen Herren wer ­ den es wohl auch nicht zu schlimm machen . “ Herbert zuckte verlegen die Achseln . „ Und übrigens “ , fuhr Angelika munter fort , „ bin ich durch meinen gestrengen Eheherrn schon ein wenig abgehärtet , denn er hat gar