da oben , der sie das Glück nicht gönnte , Tochter zu sagen zu ihrer eigenen Tochter ? Dann war es da , das Leben der Einsamkeit , des langsamen Absterbens , des Alters in Nutzlosigkeit , in dem stagnierenden Wasser der Untätigkeit , zwischen Kaffeegesellschaften und Staubwischen , schwankend , öde , bleiern , fürchterlich in dieser kleinen Stadt . Es fröstelte sie plötzlich , sie war nahe am Weinen . Niemals gebe ich diese Heirat zu , niemals ! gelobte sie sich . Nach Hilgendorf soll sie , der Mann ist trotz seines Kahlkopfes noch ein hübscher , annehmbarer Herr . Zehnmal mehr Aussicht hat sie , mit ihm glücklich zu werden als mit dem Leichtsinn , dem Windhund , dem Fritz . Ob sie wohl noch immer aneinander dachten , die beiden ? Ob er wohl auf Urlaub kommen wird diesen Sommer ? – Wenn sie ihn doch vergessen wollte , den Fritz : ihrer Mutter zuliebe die vernünftige Partie vorziehen – – ach Gott , sie hatte ja doch genug Opfer für das Kind gebracht ! Bei dem Gedanken , daß das Töchterlein bei seiner Liebe beharren könnte , stieg ihr das Blut in den Kopf , und ihr bedrängtes Herz wußte sich keinen anderen Rat , als daß sie bitterlich zu weinen begann . O , dieser Trotzkopf , dieser Trotzkopf ! Woher hat das Kind ihn nur ? Einige Tage später fuhren die Damen nach Hilgendorf : es war ein köstlicher Sommertag . Mutter und Tochter , in lichten Kleidern , unter hellen Sonnenschirmen und Strohhütchen , erschienen wie Schwestern nebeneinander . Röschen fand im stillen , daß ihre Mama sich besonders schick und elegant gekleidet hatte , und Frau Amtsrat fragte ihr Töchterlein : » Hast du dich nicht angezogen wie zu einem Feste , kleine Eitelkeit ? « » Ich , Mama ? Das Kleid ist doch eigentlich schrecklich simpel ! « 234 » Na , na ! « meinte die Mutter und streifte die blaßblaue Seide unter dem durchbrochenen Oberstoff von zart cremefarbenem Nessel . Röschen konnte aber trotz ihrer Bemühung den heiß erstrebten äußerlichen Ernst nur schlecht bewahren , sie hatte heute früh eine zu wundervolle Botschaft bekommen . Ganz direkt , ganz unverschämt dreist war ein Brief in das Haus geflogen , den die Mama , infolge einer verstellten Handschrift , für den einer Freundin gehalten haben mochte , denn er war unbeanstandet an Röschen gelangt . In diesem Briefe stand weiter nichts als : » Ich komme heute nachmittag an , unerwartet , da ich sonst fürchten muß , daß Deine Mama wieder mit Dir verreist . Sage auch meiner Mutter nichts . Dein Fritz . « Nein , zu klug war doch der Fritz ! Wenn sie heute abend wieder heimkehrte , dann wußte sie ihn oben im Giebelstübchen seiner Mutter . Frau Amtsrat begriff ihr Kind nicht ; noch gestern hatte es ein schiefes Mäulchen gezogen über diesen Besuch in Hilgendorf , und heute konnte sie offenbar nicht erwarten , hinzukommen . Mit einer beinahe unpassenden , kindlichen Zutraulichkeit lächelte sie den Witwer an , der sie am Fuße der Freitreppe empfing , es fehlte nicht viel , so hätte sie ihm bei dem Handgeben einen Knicks gemacht wie einem alten Onkel . Sie saßen dann auf der Veranda unter rotweiß gestreiftem Zelt am Kaffeetisch und schauten in den wohlgepflegten Garten hinunter . Auf Frau Amtsrat wirkte das Wiedersehen so vieler lieber Plätze , an die sich frohe und schmerzliche Erinnerungen knüpften , entschieden tief , und in ihren hübschen braunen Augen quoll es feucht empor . » Nicht wahr , Mama , als ob wir gar nicht fortgewesen wären ? « fragte Röschen . Die Mutter nickte . » Nachher machen wir einen Rundgang durch Haus und Hof , « schlug der Oberamtmann vor , » ich möchte der gnädigen Frau gern meine neuen Einrichtungen zeigen . Daß ich eine Forellenzucht angelegt habe – – « 237 » Eine Forellenzucht ? « rief Frau Amtsrat . » Sehen Sie , das war ja mein Traum ! Ich sagte schon immer zu meinem Mann – das köstliche Bergwasser und der Teich . « – – Sie war rot vor Freude und klatschte in die Hände wie ein Kind um Weihnacht . » Famos eingeschlagen ist es ! « » Das freut mich ! Das freut mich ! « Die hübsche Frau war ganz selig über diese Neuigkeit , und lebhaft plauderte sie weiter . » Warum sind Sie eigentlich nie mit Ihrer Frau zu uns gekommen ? « sagte sie dann auf einmal . » Sie glauben nicht , wie ich darauf gewartet habe , ich sehnte mich ja beinahe krank nach diesem Hilgendorf ; aber Sie wollten ja von der ganzen Gesellschaft in Neustadt nichts wissen , und so blieb das Paradies mir verschlossen . « » Gnädige Frau , « sagte er langsam und traurig , » meine Frau war sehr krank , es war unmöglich , einen Verkehr zu unterhalten . – Sie litt mehr geistig als körperlich , ihr Zustand verdammte uns beide zur vollkommenen Einsamkeit . « » O , verzeihen Sie – ich wußte es nicht . « » Niemand wußte es , gnädige Frau . « » Und haben Sie nie Kinder gehabt ? « Er schwieg ein Weilchen und sagte dann leise : » Drei . Alle tot , alle tot innerhalb einer Stunde – verunglückt , ertrunken , und seit diesem Augenblick war meine arme Frau – – « er deutete auf die Stirn und brach ab . Ganz entsetzt starrte Frau Amtsrat den Oberamtmann an , der bei diesen Worten förmlich zusammengesunken schien , wie ein alter Mann , die Stirn gefurcht , ein scharfer Zug von der Nase herab , der sich in den Vollbart verlor . Wie ein alter Mann ! Wie ein alter Mann ! Und von ihm irrte ihr Blick zu Röschen , aus deren blühendem Gesicht alle Farbe gewichen war bei