. Er aber eilte zu ihr hin , als ob er flüchte , und packte ihre Hände . Lenore , im Glauben , sie habe durch ein Wort oder eine Gebärde Daniels Mißfallen erregt , riß den Myrtenkranz vom Haupt . Der Inspektor hatte diesen Geschehnissen keine Beachtung geschenkt . Sein ruheloses Auf- und Abwandern endend , zog er die Uhr und sagte , es sei wohl an der Zeit , daß man gehen müsse . Lenore , die schon den ganzen Morgen über ein geheimniskrämerisches Wesen gezeigt hatte , bat um Geduld , und ehe man sie nach dem Grund fragen konnte , läutete es , und sie lief hinaus . Mit strahlender Miene kehrte sie zurück , und Marianne Nothafft folgte ihr . Mühsam hielt sich Marianne gefaßt und sah sich halb schüchtern , halb forschend im Kreise um . Mutter und Sohn standen stumm vor einander . Das war Lenores Werk . Marianne sagte , sie wohne bei ihrer Schwester Therese . Den Abend zuvor war sie gekommen , heute wollte sie wieder nach Hause zurückkehren . » Ich bin froh , Mutter , daß du da bist , « sagte Daniel mit erstickter Stimme . Marianne legte ihre Hände auf seinen Scheitel , hierauf schritt sie zu Gertrud und tat ein Gleiches bei ihr . Nach der Trauung bewirtete der Inspektor seine Kinder und Marianne . Am Nachmittag fuhren sie alle in zwei bestellten Kutschen auf den Schmausenbuk . Daniel hatte seine Mutter noch nie so heiter gesehen , aber durch keine Bitte war sie zu bewegen , ihren Aufenthalt zu verlängern , und während des Redens darüber wurden zwischen ihr und Lenore vertraute Blicke getauscht . Als der Abend angebrochen war , begaben sich Daniel und Gertrud in ihr Heim . 16 Es ist Nacht geworden . Verlassen liegt der altertümliche Platz . Vom Kirchturm hat es elf Uhr geschlagen , die Lichter in den Fenstern verlöschen eins nach dem andern . Da kommt eine Gestalt von der Laufergasse herauf , späht scheu vor sich , hinter sich und bleibt vor dem schmalen Gebäude stehen , in welchem Daniel und Gertrud wohnen . Ist es ein weibliches Geschöpf , oder nicht vielmehr ein unheimlicher Gnom ? Die Gewänder schlottern nachlässig an dem plumpen Körper , ein verbogener Strohhut überdacht das verwildert aussehende Gesicht ; die Schultern sind emporgezogen , die Fäuste geballt , die Augen wie verglast . Plötzlich erschallt ein Schrei . Die Person eilt gegen die Kirche , stürzt auf die Knie und ihre Zähne beißen in ohnmächtiger Raserei in die Holzstange des Geländers . Erst nach einer geraumen Weile erhebt sie sich wieder , starrt mit verzerrten Lippen noch einmal zu den Fenstern hinauf und entfernt sich schleppenden Schrittes . Es war Philippine Schimmelweis . Sie trieb sich bis zum Morgengrauen in den Gassen herum . Zweiter Teil Daniel und Gertrud 1 Die im Reichstag beschlossene Verlängerung des Sozialistengesetzes , sowie die zu gewärtigende neue Heeresvorlage erregten in vielen Teilen des Landes eine bedrohliche Gärung . Im Oktober wollten die Sozialdemokraten einen allgemeinen Umzug durch die Straßen veranstalten , die Polizei jedoch verbot dies . Am Abend des Verbots standen die Regimenter feldmarschmäßig gerüstet in den Kasernen , und in der Stadt herrschte eine gedrückte Stimmung . In Wöhrd und Plobenhof kam es zu Aufläufen , und in den engen Gassen der inneren Stadt drängten sich Tausende von Arbeitern gegen das Rathaus . Bisweilen erhob sich aus der schweigenden Masse ein langgezogener Pfiff , und von der Hauptwache schallte dumpfer Trommelwirbel herüber . Unter denen , die von der Königsstraße herunterkamen , befand sich der Arbeiter Wachsmuth . In der Nähe des Schimmelweisschen Ladens angelangt , führte er aufreizende Reden gegen das ehemalige Mitglied der Partei , und seine Worte fielen auf fruchtbaren Boden . Ein Schlossergesell , der durch die Prudentia zu Schaden gebracht worden war , stieß wütende Beschimpfungen gegen den Buchhändler aus . Vor dem erleuchteten Auslagefenster staute sich die Menge . Wachsmuth stand an der Tür und schrie , der Verräter müsse heut noch an einem Laternenpfahl baumeln . Ein Stein flog über die Köpfe , die Glasscheibe brach in Scherben , und gleich darauf stürmte ein Dutzend Kerle in den Laden . Wo der Bluthund sei , wo der Aussauger sei , brüllten sie ; haben wollten sie ihn ; einen Denkzettel wollten sie ihm geben . Ehe Therese antworten konnte , schwirrten bereits Fetzen von Büchern und Zeitschriften umher , wurden Broschüren unter schmutzigen Stiefeln zertrampelt ; Arme streckten sich nach den Regalen , aufgestapelte Stöße fielen zusammen . Zwanziger war auf die Leiter gestiegen und heulte ; Therese stand gespensterhaft neben ihrem Kassatisch , und durch die hintere Tür war Philippine eingetreten und blickte , ein tückisches und überraschtes Lächeln auf den Lippen , ohne Schrecken in den Tumult . Da erschallte die Signalpfeife der Polizisten . Mit der Schnelligkeit eines Atemzuges wandten sich die Aufrührer zur Flucht . Als Therese zur Besinnung kam , war der Laden leer ; auch die Gasse draußen war leer wie zur Mitternacht . Nach einer Weile erschienen die Polizeidiener , und später drängten sich Neugierige an der Schwelle und bestaunten den Schauplatz der Verwüstung . Jason Philipp hatte das Unheil kommen gesehen und war rechtzeitig aus dem Laden in die Wohnung geflüchtet . Er hatte sogar die Zimmertüre zugesperrt und war zähneklappernd auf einen Stuhl gesunken . Jetzt kam er wieder herunter und trat den Gerichtspersonen , die sich indessen eingefunden hatten , mit schmerzlicher Würde entgegen . Er sagte : » Das von einem Volk , für welches ich Gut und Blut geopfert habe . « Zwanziger war in seiner Zeugenaussage von prahlerischer Ausführlichkeit . Philippine blickte ihn unter den Simpelfransen , die ihr tief in die Stirn hingen , mit giftiger Verachtung an und murmelte : » Ekelhafter Feigling . « Als Jason Philipp später vom Wirtshaus heim kam , sagte er : » Es ist ein verhängnisvoller Wahn , zu glauben , daß die Menschheit