. Tulla wurde eigentlich nur lebhaft und froh , wenn sie von Raspe sprach . Unermüdlich hätte seine Mutter von ihm sprechen dürfen . Aber da war ja eine gewisse Vorsicht geboten . Wie leicht konnte eine beredte und von ihrem Sohn entzückte Mutter zu weit gehen , Hoffnungen erwecken ... Das durfte nicht sein ... dazu war sie nicht berechtigt - mußte sich vielmehr hüten , die eigenen Wünsche zu verbergen . Wußte sie denn , zu welchem Ausgang sich des Sohnes Herzenskämpfe hindurch ringen würden ? Nein , nichts wußte sie . Aber Sophie , in ihrer Zuversicht , daß in der Tochter des teuren Verstorbenen doch gewiß viel von seiner Art verborgen sei , nahm sich vor , ihrem lieben Gast auf jede Weise zu helfen . Vor allen Dingen begann sie gleich das Bildnis , um , beim Malen plaudernd , sich rasch näher mit Tulla bekannt zu machen . Gern ging Tulla durch die Straßen , besah sich die Läden und kam regelmäßig mit irgendeinem höchst überflüssigen Ankauf für sich selbst oder Sophie heim . » Liebes Kind , « sagte die ihr endlich , » lassen Sie das doch . Ich muß Ihnen einmal vorrechnen , wieviel Geld Sie in einer Woche vertun . Sie werden selbst erschrecken . Davon muß die Frau eines höheren Beamten oder Offiziers ihren Hausstand bestreiten - so viel ist das . « Tulla war betroffen . Sie konnte auch nicht gestehen , daß ihre Mama ihr befohlen hatte , sich durch Blumenspenden und elegante , kleine Aufmerksamkeiten für die Gastfreundschaft dankbar zu erweisen . Sie staunte es ehrlich und überrascht an : diese ihre kleinen Nebenausgaben kamen dem Haushaltsgeld etwa einer Offiziersdame gleich ? O , wie schwer hatte es so eine Dame dann ! Sie seufzte - ins Unbestimmte . Sie fand auch das Hauswesen rasch unbegreiflich eng und klein . Die ersten Tage war sie entzückt davon . Keine große Dienerschaft um einen herum , die lauert und frech ist und nie zur Stelle , wenn man gerade was will . Aber das , was zuerst wie ein Märchen schien , wurde ihr rasch eine Art Verlegenheit - besonders , wenn sie sich vorstellte : Fiffi von Samelsohn könne das alles hier beobachten . Und sie grübelte sich auch allerlei zurecht - nach Mädchenart . Wenn » er « sich nichts , gar nichts aus ihr mache , würde seine Mutter sie nicht eingeladen haben . Und wenn » er « sie liebte und die große , große Glückseligkeit käme eines Tages , dann brauchte man ja auch schließlich nicht so eng und klein zu leben , wie Frau von Hellbingsdorf tat . Unter dieser Vorstellung erschien ihr der gegenwärtige Zustand wie eine Art Prüfungszeit . Diese Einbildung gab Tulla Mut und befähigte sie , zu verbergen , daß ihr die Tage im Grunde genommen schrecklich lang wurden . Aber Sophie spürte es ja doch . Sie dachte : mit der Zeit ! Und sie beschloß , für mehr Abwechslung zu sorgen . Abends ging man dann zuweilen ins Theater . Auch gab Sophie zweimal ein kleines Abendessen . Es waren beide Male je vierzehn Personen . Obgleich Hilfskräfte angenommen wurden , erwuchs der Dame des Hauses doch mancherlei Mühe . Und Tulla dachte vergleichend daran , daß die Mama bei Festessen von viel über hundert Personen nur eine Besprechung mit der Wirtschafterin habe , und sonst nicht die geringste Mühe . Das hatte entschieden doch auch seine Bequemlichkeiten . Aber - war nicht alles , alles egal ? Wenn man liebte ? Geliebt wurde ? ... In dem Umgangskreis von Frau von Hellbingsdorf konnte Tulla das Gefühl von Fremdheit durchaus nicht bezwingen . Marieluis hatte was Unnahbares . Frau Doktor Dorne war ihr zuwider . Obschon in keiner Hinsicht der Mama ähnlich , hatte Frau Julia irgendeine Art zu lächeln - manchmal - die an die Art Mamas erinnerte . Und das ärgerte , reizte , schmerzte Tulla . Und sie wußte nicht , warum ... Mit John Vierbrinck konnte sie etwas über St. Moritz und Wintersport sprechen . Er sah aus und tat wie ein Diplomat und unterhielt sich aus einer großen Distanz . Die Senatorin Amster war einige Minuten sehr liebenswürdig zu ihr . Programmäßig . Der Baron Fritz Patow , der hier nun als Vetter der Familie aus und ein ging , der hätte Tulla schon am besten gefallen . In seiner Hauptmannswürde machte er sich imposant . Es war ein Gemisch von flotter Jugendlichkeit und gesetzter Reife in ihm , das einem jungen Mädchen wohl zusagen konnte . Die Uniform erinnerte Tulla auch - ach so deutlich ! - an Raspe . Aber der Baron Patow beschäftigte sich ausschließlich mit Dory Vierbrinck . Auf der ersten Abendgesellschaft schien diese kleine Dory , die so allerliebst naseweis und klug aussah , wovon möglicherweise nur der Kneifer die Ursache war , etwas zerstreut . Nahm es so , als bemerke sie es wenig . Ja , es kam Tulla so vor , als sähe Dory durch ihre Gläser mit den lebhaften Augen oft forschend zu Allert hinüber . Aber an dem zweiten Abend ließ sie sich vergnügt und schlagfertig mit Patow in endlose Neckerei ein . Und wenige Tage nachher begegnete Tulla schon beiden . Sie ritten zusammen ; der Bruder John , in vollendeter Haltung , das vornehme Diplomatengesicht von einem zufriedenen Lächeln verklärt , war als dritter dabei . Hinterdrein die Reitdiener . Eine kleine Kavalkade des Vergnügens . Sie waren so mit sich beschäftigt , daß sie Tulla gar nicht bemerkten . Sie kam sich plötzlich - obgleich ihr diese Menschen ja fast fremd waren - wie ausgeschlossen vor . Wie in der Verbannung . Was tue ich hier eigentlich ? dachte sie . Aber dann kam es ihr zum Bewußtsein : ich warte . Auf das Glück ! Auf den einen , Ersehnten . Ja , wenn » er « nur erst käme , würde auf der Stelle das