. Man hatte ja so lange keinen Tee mehr getrunken . Und was er an Tabak besaß , mußte er hergeben . Als die Schar dann aus dem Laden wieder heraustrat , glänzte es seltsam lüstern in all den schmalen Augen . Das war aber auch ein gar zu wohliges Gefühl gewesen , einfach nehmen zu können , ohne an Zahlung denken zu brauchen ! Und jeder hatte auch bereits entdeckt , daß er noch viele Bedürfnisse habe . An Kleidern , eigentlich an allem mangelte es ihnen , besonders aber fehlte es ihnen nun schon so lang an genügendem Essen ! Und die Stadt , mit ihren verlassenen Häusern , ihren vergessenen Vorräten , mit all der Habe , die ungenutzt verkam - sie lag da vor ihnen - wen kümmerte es in der allgemeinen Zerstörung und Verwirrung , wenn sie , die so viel verloren und ausgestanden hatten , sich dafür jetzt etwas schadlos hielten ? Mancher schlich nun allein davon , wollte wohl geheimen Fährten folgen . Die anderen zogen vereint weiter . Tschun aber löste sich von ihnen . Er empfand plötzlich einen Ekel , er hatte genug davon . Er schlug den Weg zum Gesandtschaftsviertel ein . Da war alles bis zur Unkenntlichkeit verändert , vernichtet . Geborstene Mauern , eingestürzte Dächer , Schutt- und Trümmerhaufen . All dieselben trostlosen Dinge , die Tschun acht Wochen lang im Petang hatte entstehen und schlimmer und schlimmer werden sehen . Und wie dort , so auch hier , seltsame , improvisierte Befestigungswerke : Barrikaden , aus dem erbaut , was im Augenblick zur Hand gewesen ; und Berge von Sandsäcken , zum Teil aus grober Baumwolle , aber auch aus Vorhängen , Betten , Kleidern , aus allem genäht , was die verschiedenen fremden Taitais gerade besessen . Tschun glaubte einige dieser kostbaren Stoffe , trotz Staub und Schmutz , wiederzuerkennen . Er erinnerte sich , wie ihn die vielen unnützen Vorhänge in den Häusern der Fremden oft gewundert hatten - die fanden nun so ihr Ende ! Und er entsann sich auch der langen Verhandlungen , die die Taitais mit den Händlern um Stickereien und Seidenrollen zu führen liebten - daß diese teuer erworbenen und dann sorgsam gehüteten Stücke so rücksichtslos zerschnitten worden waren , vergegenwärtigte ihm am allerdeutlichsten , wie schlimm es auch hier um die Belagerten gestanden haben mußte . Im Gegensatz aber zu der Petanggegend , wo die Straßen jetzt so leer und lautlos waren , herrschte hier ein merkwürdiges Leben . Ganz anders als sonst freilich . Chinesen sah man kaum . Aber fremde Soldaten , mehr und mehr Soldaten . Aller Art , aller Länder . Tschun war ganz erstaunt über ihre Verschiedenheit . Sie waren nicht etwa alle weißhäutig wie die Ta-jens , sondern es gab auch langaufgeschossene dunkelfarbige Reiter mit hohem Turban , bei deren Anblick Tschun plötzlich an den alten Einsiedler denken mußte - und daneben magere , unansehnliche Leute , die von tropischer Sonne gedörrt und gelbgebrannt worden - aus einem ganz südlichen Lande sollten sie stammen , das einst China gehört hatte , das aber längst von einem der unersättlichen fremden Völker geraubt worden war . Am zahlreichsten aber schienen die Inselzwerge zu sein ! Sie hielten sich stramm und reckten sich , besonders wenn ihnen die großen , vierschrötigen Kosaken begegneten , die Tschun , wegen ihrer wasserblauen Augen und hanfartigen Haare , unter allen Fremden so besonders abstoßend fand . Seine Gefühle den Inselzwergen gegenüber waren weniger klar . Es ärgerte ihn ja , daß die hier in Peking so gebieterisch auftreten durften , aber dann empfand er doch auch eine gewisse Genugtuung , daß Leute , die so gelb waren wie die Chinesen selbst , mit den weißen Fremden so selbstbewußt verkehrten , daß sie von ihnen offenbar als gleichwertig behandelt wurden . Ja , die Kosaken und die Japaner besah sich Tschun am genauesten . Die Kosaken , ungeschlacht und wuchtig , erinnerten ihn an die schweren Kugeln aus Geschützen des 17. Jahrhunderts , die , neben moderneren Geschossen , während der Belagerung auch bisweilen in den Petang eingeschlagen waren ; bei den Japanern dagegen mußte er unwillkürlich an die lange im geheimen vorbereiteten Minen denken , die , plötzlich explodierend , so unerwartete Verheerungen anrichteten . Und er überlegte : Zwischen diesen beiden Völkern sitzen wir nun auf der Erde , die eine riesige Kugel sein soll und durch das Weltall kreist . Wer von den zweien mag aber wohl der gefährlichere für uns sein ? Dann sann er weiter : Außer diesen zwei gibt es aber noch viele andere auf der Kugel ; die kommen jetzt auch alle nach China gefahren und steigen bei uns ans Land , und sicher werden sie alle etwas haben wollen und sich damit brüsten , einen Brand gelöscht zu haben , dessen erster Funke doch eigentlich von ihnen stammt . Ach , schade ist ' s schon , daß man nicht all diese rastlosen Leute von der Kugel hinaus ins Weltall schleudern kann . Dann hätten wir hier vielleicht Ruhe . - Und nachdem dieser Gedanke sich in Tschuns Kopf geformt hatte , war er selbst ganz erstaunt . So dachten ja die Fremdenfeinde ! Und Tschun hatte die Ausländer doch immer als Freunde angesehen , war ja sogar einst , gegen manchen Widerspruch , aus seiner altgewohnten in ihre neue Welt gelaufen ! Wie war es denn gekommen , daß ihm das alles jetzt so anders schien ? - - In der von vielen Geschossen getroffenen und durchlöcherten Gesandtschaft , wo er selbst früher der Taitai gedient hatte , fand Tschun den Onkel Kuang yin wieder . Der hatte die Belagerung gut überstanden , sah nur etwas magerer aus als sonst und verriet jene Gereiztheit , die Leuten eigen , die während längerer Zeit nicht genügend haben schlafen können . Tschun begrüßte den Onkel noch etwas feierlicher als sonst , wie es sich nach längerer Abwesenheit schickt , während Kuang yin , die