möglich hielt ; der Glaube , im Gegenteil , war so schwer geworden , daß er den Zitternden entsank und bis auf den Grund der Brunnen fiel . Und wieder hatte der eifrige Greis Gift abzuhalten vom Blute . Zur Zeit seiner abergläubischen Anwandlungen hatte er sich und seiner Umgebung das Angelus verschrieben gegen die Dämonen der Dämmerung ; und nun läutete man auf der ganzen erregten Welt jeden Abend dieses kalmierende Gebet . Sonst aber glichen alle Bullen und Briefe , die von ihm ausgingen , mehr einen Gewürzwein als einer Tisane . Das Kaisertum hatte sich nicht in seine Behandlung gestellt , aber er ermüdete nicht , es mit Beweisen seines Krankseins zu überhäufen ; und schon wandte man sich aus dem fernsten Osten an diesen herrischen Arzt . Aber da geschah das Unglaubliche . Am Allerheiligentag hatte er gepredigt , länger , wärmer als sonst ; in einem plötzlichen Bedürfnis , wie um ihn selbst wiederzusehen , hatte er seinen Glauben gezeigt ; aus dem fünfundachtzigjährigen Tabernakel hatte er ihn mit aller Kraft langsam herausgehoben und auf der Kanzel ausgestellt : und da schrieen sie ihn an . Ganz Europa schrie : dieser Glaube war schlecht . Damals verschwand der Papst . Tagelang ging keine Aktion von ihm aus , er lag in seinem Betzimmer auf den Knieen und erforschte das Geheimnis der Handelnden , die Schaden nehmen an ihrer Seele . Endlich erschien er , erschöpft von der schweren Einkehr , und widerrief . Er widerrief einmal über das andere . Es wurde die senile Leidenschaft seines Geistes , zu widerrufen . Es konnte geschehen , daß er nachts die Kardinäle wecken ließ , um mit ihnen von seiner Reue zu reden . Und vielleicht war das , was sein Leben über die Maßen hinhielt , schließlich nur die Hoffnung , sich auch noch vor Napoleon Orsini zu demütigen , der ihn haßte und der nicht kommen wollte . Jakob von Cahors hatte widerrufen . Und man könnte meinen , Gott selber hätte seine Irrung erweisen wollen , da er so bald hernach jenen Sohn des Grafen von Ligny aufkommen ließ , der seine Mündigkeit auf Erden nur abzuwarten schien , um des Himmels seelische Sinnlichkeiten mannbar anzutreten . Es lebten viele , die sich dieses klaren Knaben in seinem Kardinalat erinnerten , und wie er am Eingang seiner Jünglingschaft Bischof geworden und mit kaum achtzehn Jahren in einer Ekstase seiner Vollendung gestorben war . Man begegnete Totgewesenen : denn die Luft an seinem Grabe , in der , frei geworden , pures Leben lag , wirkte lange noch auf die Leichname . Aber war nicht etwas Verzweifeltes selbst in dieser frühreifen Heiligkeit ? War es nicht ein Unrecht an allen , daß das reine Gewebe dieser Seele nur eben durchgezogen worden war , als handelte es sich nur darum , es in der garen Scharlachküpe der Zeit leuchtend zu färben ? Empfand man nicht etwas wie einen Gegenstoß , da dieser junge Prinz von der Erde absprang in seine leidenschaftliche Himmelfahrt ? Warum verweilten die Leuchtenden nicht unter den mühsamen Lichtziehern ? War es nicht diese Finsternis , die Johann den Zweiundzwanzigsten dahin gebracht hatte , zu behaupten , daß es vor dem jüngsten Gericht keine ganze Seligkeit gäbe , nirgends , auch unter den Seligen nicht ? Und in der Tat , wieviel rechthaberische Verbissenheit gehörte dazu , sich vorzustellen , daß , während hier so dichte Wirrsal geschah , irgendwo Gesichter schon im Scheine Gottes lagen , an Engel zurückgelehnt und gestillt durch die unausschöpfliche Aussicht auf ihn . Da sitze ich in der kalten Nacht und schreibe und weiß das alles . Ich weiß es vielleicht , weil mir jener Mann begegnet ist , damals als ich klein war . Er war sehr groß , ich glaube sogar , daß er auffallen mußte durch seine Größe . So unwahrscheinlich es ist , es war mir irgendwie gelungen , gegen Abend allein aus dem Haus zu kommen ; ich lief , ich bog um eine Ecke , und in demselben Augenblick stieß ich gegen ihn . Ich begreife nicht , wie das , was jetzt geschah , sich in etwa fünf Sekunden abspielen konnte . So dicht man es auch erzählt , es dauert viel länger . Ich hatte mir weh getan im Anlauf an ihn ; ich war klein , es schien mir schon viel , daß ich nicht weinte , auch erwartete ich unwillkürlich , getröstet zu sein . Da er das nicht tat , hielt ich ihn für verlegen ; es fiel ihm , vermutete ich , der richtige Scherz nicht ein , in dem diese Sache aufzulösen war . Ich war schon vergnügt genug , ihm dabei zu helfen , aber dazu war es nötig , ihm ins Gesicht zu sehen . Ich habe gesagt , daß er groß war . Nun hatte er sich nicht , wie es doch natürlich gewesen wäre , über mich gebeugt , so daß er sich in einer Höhe befand , auf die ich nicht vorbereitet war . Immer noch war vor mir nichts als der Geruch und die eigentümliche Härte seines Anzugs , die ich gefühlt hatte . Plötzlich kam sein Gesicht . Wie es war ? Ich weiß es nicht , ich will es nicht wissen . Es war das Gesicht eines Feindes . Und neben diesem Gesicht , dicht nebenan , in der Höhe der schrecklichen Augen , stand , wie ein zweiter Kopf , seine Faust . Ehe ich noch Zeit hatte , mein Gesicht wegzusenken , lief ich schon ; ich wich links an ihm vorbei und lief geradeaus eine leere , furchtbare Gasse hinunter , die Gasse einer fremden Stadt , einer Stadt in der nichts vergeben wird . Damals erlebte ich , was ich jetzt begreife : jene schwere , massive , verzweifelte Zeit . Die Zeit , in der der Kuß zweier , die sich versöhnten , nur das Zeichen für die Mörder war ,