Schatten rein . Und die Nebel , die wir vorhin noch gesehen hatten ? Verschwunden ! Wohin ? Wer kann es sagen ! » Nun ? « fragte ich , hinunternach dem Wasser deutend . » Fort ! « antwortete der Ustad . » Und hier ? « Ich zeigte hinein nach der Bibliothek . Da holte er tief Atem und sagte : » Ja , auch das waren Nebel , waren Dünste , und doch etwas ganz Anderes ! Wie soll ich es nur nennen ? « » Du hast es bereits genannt und trafst den rechten Namen , als du behauptetest , daß es auf deinem Grabe irrlichteriere . Die Dünste hatten Flackerschein zu geben , um von ihm vollends weggezehrt zu werden . Verstehst du nun , was ich meinte , als ich von allzuvielen Worten sprach ? Es ist geflackert worden . Wo ? Ueber alten Sümpfen ! Das schadet nichts ; es reinigt sich die Luft . Dann sinken die Schwärme der stechenden Insekten nieder , und freundliche Gedanken kommen , den hellen Tagesfaltern gleich , herbei , um Häßliches und Scharfes abzulösen . Du sprachst von deinem Grabe , deiner Gruft , die hier in diesen deinen Räumen liege . Glaubst du , daß dies richtig gewesen sei ? « Er sah einige Zeit nachdenklich vor sich nieder und antwortete dann : » Du weißt , daß man sich von alten , angewohnten Namen und Bildern nicht leicht zu trennen vermag . « » Jawohl . Aber was wäre dann dein Alabasterzelt ? Etwa das Mausoleum über der geliebten Gruft ? « Da fuhr er zusammen , schaute mich wie froh erschrocken an und rief aus : » Effendi , Effendi ! Was sagst du mir da für ein Wort ! Was du mit keiner Rede des gestrigen Tages und der ganzen Nacht erreichtest , das sagst und beweisest du mir durch dies einzige Wort ! Wer sein Zelt für so hoch oben baut , den kann vielleicht die Narrheit für gestorben halten , doch ist für diese Narrheit wohl jeder Kluge tot , und weil sie mich für tot hält , bin ich lebend ! Effendi , du hast recht : Wir haben lange , lange Stunden mit einander geflackert und irrlichteriert : es mag auch heilsam gewesen sein , der stechenden Insekten und des Nachtgewürmes wegen ; aber jetzt , jetzt erst , nachdem es Tag zu werden beginnt , hast du mir endlich das klare Wort und richtige Licht gegeben , in welchem ich erkenne , daß es nur an mir liegt , ob ich der Narrheit den Gefallen tun will , tot zu sein ! « » So schau hin gegen Osten ! Dort bildet sich der erste Purpursaum , und leise Strahlen küssen ihn von fern . Reich an Erkenntnis nähert sich der Morgen , und wenn du willst , so teilt er sie dir mit . « » Ja , ich heiße ihn willkommen , und er soll mein Lehrer sein , « rief er aus . » Du aber mußt ruhen und schlafen , den ganzen heutigen Tag . Ich verlangte zu viel von deinem noch nicht genesenen Körper . Darf ich dich für kurze Zeit wecken , ehe ich aufbreche , Effendi ? « » Ja , unbedingt ! Ich habe vorher mit Agha Sibil zu sprechen und dann den Brief nach Bagdad zu schreiben . « » So nimm jetzt meinen Dank , und schlaf am Herzen der Liebe ein , die dich und mich bewacht , indem sie uns wie eine einzige Seele umschließt ! « Er zog mich innig an sich , um mich auf Stirn und Mund zu küssen . Dann ging er hinab . Kaum war er fort , so trat die lange zurückgehaltene Schwäche ein . Es überkam mich eine so große Müdigkeit , daß ich schnell mein Lager aufsuchte und mich niederlegte , gleich so , wie ich war . Das Fenster stand offen . Ich richtete den letzten Blick hinaus . Am Himmel begannen die Strahlen in goldenen Funken zu blitzen . Dann war es wie ein Meer des Lichtes , welches mich plötzlich über und über umflutete . Nun schloß ich die Augen und schlief ein , doch ohne daß es um mich dunkel wurde . Wie war das sonderbar ! - - - Zweites Kapitel Unter den Ruinen Wenn ein Maler alles das , was ich gestern mit dem Ustad gesprochen hatte , auf die Leinwand bringen könnte , so würde er es wohl am besten mit » Morgengrauen im Menscheninnern « zu unterzeichnen haben . Die vorangehende , lebensgefährliche Erkrankung , die Genesungsfreudigkeit , die fromme Feier am Tempeltage , das Erscheinen der Bluträcherschar , der vereitelte Mord in der Halle , das alles hatte trotz meiner innern Ruhe und Stetigkeit doch Nebel in mir aufgerührt , welche das fast überlang geführte Gespräch nur schwer zu Ende kommen ließen . Und noch viel schwerer war es in dem Ustad aufgewallt . Seine Lebensanschauung hatte im Haine Mamre gewurzelt , wohin die Engel einst zu Abraham kamen , und ihren höchsten Punkt in dem Worte Christi gefunden » Liebet eure Feinde ; segnet , die euch fluchen ! « Dieses Gebet war seine Richtschnur gewesen allezeit , in jeder Lebenslage . Da hatten sich die Andern , die sich ebenso Christen nennen , mit ihrem Haß auf ihn gestürzt , um ihn und seine Nächstenliebe zu vernichten . Er hatte nur einige kurze Versuche gemacht , sich gegen sie zu wehren ; aber als er erkannte , mit welchen Waffen man gegen ihn kämpfte , da zog er sich in das stille , ruhige Land des Schweigens zurück , der christlichen Mahnung gedenkend : » So dir jemand deinen Rock nehmen will , dem laß auch den Mantel ! « Aber in seinem Innern wallte es auf in wichtig schweren Fragen : Wer hat recht ? Auf wessen Seite steht die göttliche Wahrheit , der göttliche