Sie vermied alles Nachdenken über diesen Punkt als etwas Widriges , Niederziehendes , Entwürdigendes . Mit derselben kühlen Ruhe , mit der sie an jenem ersten Wiedersehensabend die sehnsüchtigen Arme des Heimgekehrten von ihren Schultern entfernt hatte , scheuchte sie alle Gedanken über Georges ' auf sie gerichteten Gefühle oder Wünsche . Und etwas Unpersönliches , Abstraktes wuchs in ihrem Verhalten gegen alle , gegen den Vater selbst . Plattner hatte bald nach des Schwiegersohns Rückkehr einen Brief gesandt , einen angstvollen Brief , in dem die bewegte Vaterliebe wie zartes grünes Feinlaub zwischen den eckigen Steinbrocken der nüchternen Worte hervorbrach . Josefine antwortete so : Es geht über Erwarten gut , mein lieber Vater . Georges hat seit seinem Hiersein drei Pfund zugenommen , die Herztätigkeit ist intensiver und gleichmäßiger geworden , der Husten quält weniger . Die Lunge ist gesund , da ist keine Sorge . Daß die Stimmung des Patienten noch daniederliegt , ist erklärlich . Aber diese Depression zu entfernen , muß jetzt das Hauptbestreben sein . Georges sollte eine leichte körperliche Beschäftigung haben , die ihm etwas Frische gibt . Bücher liest er nicht ; es ist , als ob er das Lesen verlernt hätte ; er grübelt nur , und das ist in seinem Zustande schädlich . Bitte , schicke deine Drehbank , die kleinere , die du nicht benutzest . Meine wackeren Hausgenossen , wie du sie nennst - und mit Recht nennst ! - sind leider sehr zusammengeschmolzen . Zwicky ist fort nach Wien , die Kinder entbehren ihn sehr . Es ist möglich , daß ich auch Helene verliere ; wenn sie ausstudiert hat , kehrt sie jedenfalls nach Deutschland zurück . Meine Schlußprüfungen schiebe ich nicht hinaus , fürchte nichts , lieber Vater . Die Ereignisse dieser letzten Wochen drängen mich zu möglichst schnellem Studienabschluß . Ich werde nicht als Assistentin dienen , wie du vermutest , sondern sofort mein Wartezimmer für Patientinnen öffnen . Die Arbeit ist mir alles . Deine dankbare Tochter Josy . Nachschrift . Deine Nachricht über Ulis treffliche Entwickelung sei herzlich verdankt . Mein Kleinod ist am sichersten bei dir ; ich kann ihn jetzt nicht sehen ; es ist zu viel , was auf mir liegt . In seinen Kinderzügen trägt er dein Gesicht , mein Vater , das ist meine Freude . D. O. Plattner las diesen Brief mit zusammengezogener Stirn und langem Kopfschütteln . Er kopfschüttelte über das , was zwischen den Zeilen stand . Fragen tauchten auf , die nicht beantwortet wurden , - auch nicht durch das , was zwischen den Zeilen stand . Zartgefühl verbot diese Fragen . Der alte Plattner errötete bis in seinen grauen Bart ... Einen Augenblick dachte er daran , die Drehbank selbst nach Zürich zu bringen , Josefine zu sehen . Er gab den Plan sofort wieder auf . Zwischen ihr und mir steht die Fratze , dachte er bitter , keinen Fuß setz ich wieder über die Schwelle . Dann begab er sich an die verstaubt im Winkel stehende Drehbank und putzte einen halben Tag lang daran . Zornig rieb er jeden Rostflecken , jedes Stäubchen weg . Sein Ärger wuchs mit dem Schweiß , den er bei der Arbeit vergoß . » Für wen ? heiliger Gott , für wen , « murrte er . » So ein Starrkopf von einem Weib ! drillt mich , drillt ihren alten Vater wie einen Zwirn ! Und man gehorcht , wahrlich , man gehorcht . « Die Drehbank wurde eingepackt . Der Transport war sehr teuer und umständlich . Der alte Plattner wetterte noch auf dem Rückwege . Der Heimgekehrte saß den größten Teil des Tages und starrte die Decke an . Auf seinem Kopfe wuchs junges Haar , weißes und rötliches durcheinander , in seinem Kopfe wuchsen neue Vorstellungen vom Weibe im allgemeinen und von der Frau , der er wieder habhaft werden wollte , und die sich ihm ohne Mühe und Aufsehen , aber still und beharrlich entzog . Die ganze Welt war auf den Kopf gestellt , seit man ihn eingekerkert hatte . Nicht in sein Haus war er zurückgekehrt , sondern in das seiner Frau ; » der graue Ackerstein « war seiner Frau untertan , und allein ihr Wille war es , der darin regierte . Die Dienstboten , zu denen er Laure Anaise mit Unrecht hinzuzählte , waren von Josefine angestellt , hielten eng zu ihr , waren nur ihr Rechenschaft schuldig . Die Hausgenossen hatte sie hereingezogen und zu ihren Freunden gemacht . Die Kinder waren ihre Kinder , ihr folgten sie , ihr gehorchten sie , vor ihr hatten sie Respekt , ihr suchten sie zu gefallen , ihr vertrauten sie . Besucher kamen , aber sie kamen nur zu ihr , an der Tür ward nur nach ihrem Namen gefragt , an ihre Tür klopften sie ; nur für sie brachte der Postbote Briefe , Drucksachen , ganze Stöße oft , - ihn suchte weder Mensch noch Briefe . Seine Bücher , deckenhohe Regale voll wissenschaftlicher , meist spezialwissenschaftlicher Bücher , waren in ihren Besitz übergegangen ; sie studierte sie , exzerpierte sie , schlug darin nach , hatte Haufen davon auf ihrem Schreibtisch , der sein Schreibtisch in der Studentenzeit gewesen war . Er brauchte keine Bücher jetzt , er brauchte keinen Schreibtisch . Die Bücher waren ihm stumm , sagten ihm ihre Geheimnisse nicht mehr , blickten ihn hochmütig und verächtlich an mit ihren Goldtiteln und stolzen Namen . Aber ihr waren sie beredt , zu ihr sprachen sie verständnishoffend , - Verständnis findend . In seinem ehemaligen Wartezimmer saß Josy an seinem kleinen Studentenschreibtisch , und den großen Schreibtisch , den er besessen , benutzte nun Bernstein . Er begann Bernstein zu hassen wegen des Schreibtisches . Er konnte seine Stimme nicht mehr hören . Wenn Josy mit dem Russen etwas Sachliches , Wissenschaftliches sprach , so zitterte er vor Neid und Mißgunst . Mit ihm sprach sie nur Alltägliches , absichtlich