daher - sagte er sich : zum Schreiben hat man nur Worte , - festgeprägte , an alte Erkenntnisse geknüpfte Worte , die Gedanken hingegen , vom Gefühle sekundiert , operieren mit Ahnen und Sehnen , mit inbrünstiger Neuerkenntnis von Dingen , für die im bestehenden Wortschatz der Ausdruck noch nicht geprägt ist . » Wenn ich denke , « so erklärte er einmal im Gespräch mit Kolnos diesen Kontrast : » so bewegt sich mein Geist mit Schwingen und wenn ich schreibe - in Galoschen . « Unter den Briefen , die ihm infolge seiner Publikation zugekommen waren , fiel ihm einer auf in verstellter Frauenhand und ohne Unterschrift . Es waren nur wenige Zeilen : » Die Lektüre Ihrer beiden Schriften - die Titel sind mir zu lang , ich nenne sie die Hölle und das Paradies - haben mich tief ergriffen und ich muß es Ihnen sagen . Wenn Sie auch nicht wissen , wer es sagt - ich glaube , es wird Ihnen immerhin lieb sein , zu erfahren , daß Ihre Worte eine Schwesterseele - die empfängliche Seele eines jungen Weibes - in gehobenste Mitschwingung versetzt haben . Übrigens nicht um Ihnen angenehm zu sein , schreibe ich dieses , sondern um meine eigene Sehnsucht zu befriedigen , die Sehnsucht , Ihnen zu sagen , daß mein Herz in hingebender Bewunderung für Sie schlägt . Das niedergeschrieben zu haben und mir vorzustellen , daß Sie es lesen werden , das tut diesem Herzen wohl . « Rudolf war nicht unempfänglich für den warmen Ton , der aus dem anonymen Briefchen sprach . Aber nachdem er es beiseite geschoben , und die anderen mit gleicher Post angelangten Zuschriften las , dachte er nicht mehr daran . Was ihm mehr zu denken gab , war ein amtliches Schreiben aus dem Kriegsministerium , das ihn für den nächsten Vormittag , zehn Uhr , in die Kanzlei des Ministers beschied . Er ahnte wohl , was da kommen würde . Der Gang war ihm ein unangenehmer , aber er mußte getan werden . Am folgenden Tag fand er sich pünktlich zur bestimmten Stunde am bestimmten Orte ein . Der Kriegsminister war ein Vetter vierten Grades seines verstorbenen Vaters und oft war er mit ihm in befreundeten Häusern zusammengekommen , hatte ihm auch einmal als Jagdgast in Brunnhof empfangen . Aber diesmal sollte er dem Gestrengen nicht in verwandtschaftlichem , noch in gesellschaftlichem , sondern in dienstlichem Verhältnis gegenüber treten , in seiner Eigenschaft als Oberleutnant der Reserve . Der Minister war allein in seinem Kabinett , als Rudolf , von einem Ordonnanzoffizier gemeldet , dasselbe betrat . Der alte Herr , dessen Physiognomie immer eine martialische war , nahm einen ganz besonders strengen Ausdruck an und mit schnarrender Stimme sagte er : » Ah - Herr Oberleutnant Dotzky - kommen Sie nur her . « Rudolf , der in einiger Entfernung salutierend stehen geblieben war , trat näher . Die Ansprache bedeutete nichts gutes . Außerdienstlich waren die beiden Männer auf dem Duzfuße . Das unfreundliche » Sie « kehrte den Vorgesetzten heraus . » Sagen Sie « - er nahm von seinem Arbeitstisch zwei gelbe - Rudolf gar wohlbekannte Hefte und hielt sie , eins in jeder zitternden Hand - in die Höhe - » haben Sie diese beiden Wische geschrieben ? « » Ja , Exzellenz . Ich habe die Schriften ja auch gezeichnet . « » Aber Sie Unglücksmensch - wissen Sie , was nun geschehen muß ? « » Ich kann es mir ungefähr vorstellen . Ich werde aus dem Armeeverband scheiden müssen . « » Und eine solche Schand ' - die wollens so gleichmütig hinnehmen ? « » Ich habe mir das Recht , zu sagen was ich will , schon sehr hoch bezahlt , indem ich auf das Majorat verzichtet - da kommt es auf einen Verzicht mehr oder weniger nicht an . Als Schande empfinde ich die Freiheit nicht . Ich werde eines Ranges für verlustig erklärt , der mich zwingen soll , Dinge mit anzusehen , die ich verurteile . Diese Verlusterklärung ist berechtigt , aber sie beschämt mich nicht . Wäre es möglich , einfach seinen Austritt aus der Reserve anzumelden , so hätte ich es getan , da das aber nicht angeht , so - « » Aber Dotzky - bist Du denn ganz verrückt , « unterbrach der Minister , in das verwandtschaftliche Du zurückfallend - » ist die Geschichte mit dem Majorat wirklich wahr ? Ich hab ' s nicht glauben wollen . « » Ja , ich will ungebunden sein . « » Das ist ja niemand auf der Welt . - Jeden binden Pflichten - von unserem allerhöchsten Kriegsherrn angefangen , an dessen Pflichttreue jeder sich ein Beispiel nehmen kann . « » Gewiß . Aber auch ich habe nur aus Pflichtbewußtsein gehandelt . « » Und was in aller Welt willst Du denn mit solchen revolutionären Schriften erreichen ? Ich habe meinen Augen nicht getraut wie ich ' s durchgeblättert hab ' . « » Ich bin nicht revolutionär . Ich sage was schlecht ist in unserer Gegenwart und was gut werden könnte in der Zukunft . Ich sage aber nicht , daß der Weg vom schlechten Alten zum guten Neuen über die Revolution führt . Von Gewalt will ich nichts wissen weder von oben , noch von unten . Nicht eine Zeile wird in diesen Schriften zu finden sein , die zu irgend einer Gewalttätigkeit aufreizen will . « » Und ich sage Dir , es ist nicht eine Zeile darin , vom Titel angefangen , die nicht Auflehnung bedeutet . Verbrechen der Kulturmenschheit . Mein Amt ist auch ein Stück unserer Kultureinrichtungen ... Bin ich ein Verbrecher ? ... Kurz , Sie haben sich unmöglich gemacht . - Ich hätte Sie für gescheiter gehalten . Wissen Sie denn nicht , daß ein Soldat nicht offene Kritik üben darf an Dingen wie die Gesellschaftsordnung oder gar am Militär selber ? « »