Und wem noch sonst nicht ? Ich habe in dieser Gesellschaft Blicke aufgefangen , Anspielungen hören müssen , auf welche die einzig richtige Antwort eine Forderung gewesen wäre . Das alles ist schon mehr als genug . Soll ich noch von meinen Dienstboten sprechen , die seit zehn Tagen Zeugen des schlimmsten ehelichen Zerwürfnisses sind ? und die nun hingehen und meine Schande durch die ganze Stadt tragen werden ? Viktor war aufgesprungen und maß mit heftigen Schritten das Zimmer auf und ab . Das wäre die gesellschaftliche Ehre , die mit Füßen getreten ist . Nun die individuelle - so nannten Sie sie ja wohl ? Ja , mein Bester , jeder ist seines Glückes Schmied , und die Ehre , die jeder in sich trägt , kann niemand in ihrem Wert taxieren , als er selbst . Mir nun gilt meine Ehre so hoch , daß , wenn ich sie angegriffen sehe , mein Leben mir nicht einen Strohhalm wert ist . Sie können nicht verlangen , daß ich das des Angreifers für heilig halte . Elimars Stirn war auf die Hände gebeugt , die er über den Knauf des Säbels zwischen seinen Knieen gestaltet hatte . Ein leises Stöhnen kam aus seiner Brust . Nun richtete es das bleiche Gesicht in die Höhe und sagte schmerzlich : Mein Gott , in welcher Welt der schauderhaften Widersprüche leben wir ! Da ist eine Gesellschaft , vor der wir innerlich keinen Respekt haben , und die ihn auch , konfus , zerfahren , unlogisch , oberflächlich , nur nach dem äußeren Schein urteilend , wie sie ist , wahrlich nicht verdient ! Da sind wir Männer , die wir uns nicht sündlos fühlen und bei dem Leben , das wir , und wären wir die besten , geführt haben , fühlen können ; und wir heben den Stein auf gegen ein Weib , das aus der Erziehung , die es gehabt , aus dem Leben , in das es unvorbereitet trat , keine Kraft des Widerstandes schöpfen konnte gegen die Versuchung , von der es doch nicht verschont bleiben sollte ! Ein Weib , das der Mann , der trotzdem den Stein aufhebt , geliebt hat ! Und das so liebenswert ist ! Die letzten Worte fand Viktor empörend . Wie durfte ihn der Mann daran erinnern , daß auch er zu den Liebhabern Klotildens gehört und , wie die Rede ging , es nur an ihm und nicht an Klotilde gelegen hatte , wenn sie nicht seine Frau geworden war ! Gewiß ! sagte er , mit kaum noch verhehlter Wut : sehr liebenswert ! zu liebenswert ! Es mag das der Geschmack anderer Leute sein - meiner ist es nicht . Elimar erhob sich aus dem Sessel und ergriff seinen Helm , der neben ihm auf einem Tischchen stand . Ich bin umsonst hier gewesen , sagte er traurig , aber ohne Bitterkeit ; ich hätte es voraussehen können . Verzeihen Sie einem alten Idealisten seine unbefugte Einmischung in den Lauf dieser realen Welt ! Er hatte die Hand ausgestreckt , die Viktor an den Fingerspitzen ergriff , um dann den unwillkommenen Gast mit der größten Höflichkeit zur Thür hinaus zu begleiten . Dann schellte er Friedrich und hieß ihn , seine Uniform in das Ankleidezimmer zu bringen ; auch die Schärpe nicht zu vergessen . Er mußte zu dem Commandeur seines Regiments , der ihm besonders gewogen war , und dem er zu seinem Geburtstag heute gratulieren wollte . Der Commandeur war ein schneidiger Herr , der in Ehrensachen keinen Spaß verstand . Dem sollte Elimar mit seinem sentimentalen Wischiwaschi gekommen sein ! Wie die struppigen Augenbrauen in die Höhe gefahren wären ! Nach der Friedensapostel-Physiognomie Elimars schon der Anblick des alten Haudegens , bei Gott ! eine willkommene Erquickung ! Er hatte eine Stunde Zeit . Früher konnte Fernau nicht zurück sein . Und vorher konnte er die Anzeige an den Präses des Ehrenrats mit der Angabe von Zeit und Ort des Rencontre und dem Namen des Unparteiischen nicht machen . Und dann : vielleicht kniff der Schulmeister . Und es mußte bei der Reitpeitsche sein Bewenden haben . Er war wieder in seinem Zimmer , sich die Handschuhe aus dem Kasten zu nehmen . Die Bonne kam , anzufragen , ob sie die Kinder heute herausbringen dürfe ? Es sei nur , weil die gnädige Frau nicht gesagt habe , wann sie wiederkommen würde . Viktor hatte auf der Zunge : sie wird niemals wiederkommen ; statt dessen sagte er heftig : Wozu sind Sie Bonne , wenn Sie nicht wissen , was man mit Kindern zu thun hat ! Die Bonne , ein braves , nicht ungebildetes Mädchen , ging traurig davon : die armen Kinder ! Seit acht Tagen hatte sich die gnädige Frau kaum einmal flüchtig nach ihnen umgesehen ; und dem Herrn waren sie ja offenbar auch nur eine Last ! Viktor warf die ergriffenen Handschuhe wütend auf den Tisch . Das hat man davon ! Und das soll nun so weiter gehen ! - Liebenswert ! Die liebenswert , diese - wie heißt es doch ? - irgendwo in Maria Stuart - Meinetwegen ! Aber diesen Mortimer will ich zeichnen , daß alle andern daran denken sollen ! Er setzte vor dem Spiegel den Helm auf , zupfte die Schärpe zurecht , strich mit der Taschenbürste den Schnurrbart rechts und links aufwärts und stieg , die Handschuhe anziehend , die Treppe hinab . Siebenundzwanzigstes Kapitel Es war später Abend geworden , für Albrecht nach dem fürchterlichsten der Tage . Als er gestern nach Hause kam , ein in seinem stolzen Selbstgefühl für immer gebrochener Mann , war geschehen , was er erwartet : der Direktor hatte geschickt : er müsse unbedingt in der Konferenz erscheinen . Die ratlose Klara hatte bei allen Bekannten herumfragen lassen : niemand hatte ihr Auskunft geben können ; es gab keine andre Erklärung , als die entsetzliche , daß ihm ein Unglück zugestoßen sei