vermag man es doch , daß die unfaßbare Jammerquantität vorhanden ist - « » Das vermagst Du und ein paar andere - doch die meisten denken und berechnen nicht . « » Denken nicht . « wiederholte er . » Gott sei ' s geklagt , das ist an allen Übeln schuld : die meisten denken nicht . « - - Es war mir gelungen , Friedrich zu dem Entschlusse zu bewegen , den Dienst zu verlassen . Der Umstand , daß er - nach seiner Verheiratung - noch über ein Jahr gedient und mit Auszeichnung einen Feldzug mitgemacht , schützte ihn vor dem , meinem Vater in der Brautzeit aufgestiegenen Verdacht , daß die ganze Heirat nur den Zweck hatte , seine Laufbahn aufgeben zu können . Jetzt , wenn der Friede , dessen Präliminarien im Gange waren , geschlossen sein würde , und da voraussichtlich lange Jahre des Friedens bevorstanden - - jetzt hatte ein Austritt aus dem Militärverband nichts Ehrverletzendes an sich . Zwar widerstrebte es noch einigermaßen Friedrichs Stolz , auf Stellung und Einkommen zu verzichten , um , wie er sagte , » nichts zu thun , nichts zu sein und nichts zu haben « ; aber seine Liebe zu mir war doch ein mächtigeres Gefühl , als sein Stolz , und er konnte meinen Bitten nicht widerstehen . Ich erklärte , ein zweites Mal könne ich die Seelenangst nicht durchmachen , die mir die letzte Trennung verursacht - und er mochte wohl selber solchen Schmerz nicht wieder auf uns Beide herabbeschwören . Das Zartgefühl , welches vor seiner Verheiratung mit mir ihn vor der Idee zurückschrecken ließ , von dem Vermögen der reichen Frau zu leben , das war jetzt nicht mehr im Spiele , denn wir waren so sehr eins geworden , daß zwischen » mein « und » dein « kein fühlbarer Unterschied mehr waltete , und verstanden einander so gut , daß er eine Mißbeurteilung seines Charakters von meiner Seite nicht mehr befürchten durfte . Der letzte Feldzug hatte zudem seine Abneigung gegen die Mordpflichten des Krieges noch so sehr vergrößert und das rückhaltlose Aussprechen dieser Abneigung hatte dieselbe so gefestigt , daß ihm das Quittieren nicht nur als eine unserem häuslichen Glücke gemachte Konzession , sondern zugleich als eine Bethätigung seiner Gesinnung , als einen Überzeugungstribut erscheinen ließ , und so versprach er mir , im kommenden Herbste - bis dahin mußten die Friedensverhandlungen doch beendet sein - seinen Abschied zu nehmen . Wir planten , mit meinem , gegenwärtig im Bankhause Schmitt & amp ; Söhne liegenden Vermögen ein Gut zu kaufen , an dessen Bewirtschaftung Friedrich Beschäftigung finden würde . Damit sollte der erste Teil seiner Sorge » nichts zu thun , nichts zu sein und nichts zu haben « , schon beseitigt werden . Für das Sein und Haben würde auch Abhilfe geschaffen : » Sein : k. k. Oberst a. D. und ein glücklicher Mensch - ist das nicht genug ? « fragte ich Und haben : Du hast uns - mich und Rudi und - - die Kommenden ... ist das nicht auch genug ? « Er schloß mich lachend in die Arme . Meinem Vater und den Anderen wollten wir von unseren Plänen vorläufig noch nichts mitteilen . Jedenfalls würden jene Einwände erheben , Ratschläge erteilen , Rügen aussprechen - und das war jetzt noch überflüssig . Später würden wir uns über derlei hinauszusetzen wissen ; denn wenn sich zwei alles in allem sind , prallt jede fremde Meinung wirkungslos von ihnen ab . Diese gewonnene Sicherheit für die Zukunft erhöhte noch den Genuß der Gegenwart , welche sich ohnehin von der Folie der durchgemachten schweren Vergangenheit so vorteilhaft abhob ... ich kann es nur wiederholen : es war eine schöne Zeit . Mein Sohn Rudolf , nunmehr ein siebenjähriger kleiner Mann , fing jetzt an lesen und schreiben zu lernen , und seine Lehrerin - war ich . Ich hätte keiner » Bonne « die Freude gegönnt - was ihr übrigens vermutlich gar keine gewesen wäre - diese kleine Seele langsam sich entfalten zu sehen und derselben die ersten Überraschungen des Wissens beizubringen . Oftmals war der Kleine unser Begleiter auf unseren Spaziergängen und wir wurden nicht müde , die Fragen , welche seine erwachende Wißbegier an uns stellte , zu beantworten . Zu beantworten so gut und so weit wir konnten . Auf Lügen ließen wir uns nicht ein . Wir scheuten uns nicht , solche Fragen , auf die wir keinen Bescheid wußten - auf die kein Mensch Bescheid weiß - mit einem aufrichtigen » das weiß man nicht , Rudi « zu beantworten . Anfänglich geschah es , daß Rudolf , mit solcher Antwort nicht zufrieden , seine Frage nochmals bei Tante Marie , bei seinem Großvater oder bei - der Kinderfrau vorbrachte , und da wurden ihm stets unzweifelhafte Aufschlüsse zu teil . Triumphierend kam er dann zu uns : » Ihr wißt nicht , wie alt der Mond ist ? Ich weiß es jetzt : sechs tausend Jahre - merkt euch das . « Friedrich und ich wechselten einen stummen Blick . Ein ganzes Buch voll pädagogischer Klagen und Bedenken lag in diesem Blick und diesem Schweigen . Besonders unliebsam war mir die Soldatenspielerei , welche sowohl mein Vater wie mein Bruder mit dem Kleinen trieben . Die Begriffe von » Feind « und von » Dreinhauen « wurden ihm beigebracht , ich weiß gar nicht wie . Eines Tages kamen wir dazu , Friedrich und ich , wie Rudolf mit einer Reitgerte unbarmherzig auf zwei wimmernde junge Hunde einhieb . » Das ist ein falscher Italiener , « sagte er , auf das eine der armen Tierchen ausholend , » und das « - auf das andere - » ein frecher Däne « . Friedrich riß dem Nationenzüchter die Gerte aus der Hand : » Und das ist ein herzloser Österreicher , « sagte er , indem er ein paar tüchtige Schläge auf Rudolfs Schultern fallen ließ