. Niemand bezweifelte , daß die Gräfin den Mißhandlungen erlegen war , die sie von ihrem Gatten erdulden mußte , und jetzt wandelte sie als Gespenst durch die Gänge , schlich an seine Tür und lauschte . Eines Nachts hatte er ihr geisterhaftes Auge gesehen , wie es durchs Schlüsselloch spähte . Nun verfolgte ihn dieses Auge und starrte ihm entgegen aus jedem Winkel des Hauses . Kein Wunder , daß er es nicht aushielt in Wolfsberg ; kein Wunder , daß seine frechen Diener sich nach und nach gebärdeten als Herren im fremden Eigentum . Das Telegramm des Grafen , welches das Eintreffen Marias zu längerem Aufenthalte ankündigte , entthronte mit einem Schlage ein halbes Dutzend Usurpatoren und entfesselte einen Sturm von unwilligen Fragen : » Was hat sie hier zu suchen ? Warum bleibt sie nicht dort , wohin sie gehört ? « Keinem willkommen , kehrte Maria mit Erich und ihrem kleinen Gefolge in die Heimat zurück . Die windbrüchige Akazienallee , die zum Schlosse führte ; das Muttergottes-Kapellchen daneben am Fuße der Anhöhe , von vier Winterlinden umgeben ; den weiten Ausblick , den man im Steigen über die Felder und Hutweiden gewann , bis zu dem Steinbruche , und tief im Hintergrunde den dunkeln Nadelwald - das alles hatte sie geliebt . - Und wie kahl , welch ein Ausbund von Traurigkeit erschien es ihr jetzt ! » Wo sind denn die Wiesen , wo sind denn die Berge ? « rief Erich , als er am Morgen nach der Ankunft aus dem Fenster blickte . Er ging mit Lisette in das Dorf und kehrte ganz entrüstet zurück . » Sie sind hier sehr unartig « , erzählte er , » sie geben keine Antwort , wenn man sagt : Guten Morgen , und ein Bub hat mir « , er senkte die Stimme und flüsterte seiner Mutter ins Ohr : » die Zunge herausgestreckt . « » Sie kennen dich noch nicht « , erwiderte sie ihm ; » warte nur , bald werden sie so freundlich mit dir sein wie die Kinder in Dornach . « Aber diese Prophezeiung erfüllte sich nicht . Im Gegenteil ; als der Grund der Entfernung Marias aus Dornach bekannt wurde , ließen es auch die Erwachsenen , besonders die Weiber , an Gehässigkeiten gegen das Kind nicht fehlen . Ein Schimpfwort wurde ihm zugerufen , sooft er sich zeigte , nach dessen Bedeutung er zu Hause vergeblich fragte , und als er mit seiner Mutter davon sprach , traten Tränen in ihre Augen . Sie hatte gemeint , nach dem Scheiden von Dornach könne ihr nichts mehr weh tun , und nun gab es doch noch Stacheln , die vermochten , ihr ins Herz zu dringen . Als sie nach Geringschätzung gedürstet , hatte sie nicht bedacht , daß ihr schuldloses Kind sich mit ihr darein werde teilen müssen . Sie begann zu werben um die Gunst der Elenden und Mitleidlosen . Sie brachte Hilfe und ließ sich nicht abschrecken durch das Mißtrauen und durch den kaum verhehlten Hohn , mit dem ihre Gaben aufgenommen wurden . Wenn Erich über die Bauernkinder klagte , wies sie ihn ab : » Sie können nicht dafür , bedauere sie ; niemand sagt ihnen : seid gut . « » Wär auch schad drum , mit denen müßt man eine andere Sprache reden ! « fiel Lisette zornschnaubend ein . - Sie hätte so gern jede Beleidigung , die Maria oder das Kind erfuhren , mit Feuer und Schwert gerächt . - Ihres Respekts vor dem Grafen Wolfsberg entledigte sie sich nach und nach vollständig und äußerte ungescheut , wie es sie empöre , daß er nicht kommt , sich seiner Tochter anzunehmen und » dem schlechten Beamten- und übrigen Volk den Standpunkt klarzumachen - mit der Hundspeitsche ! « schrie sie und schlug auf den Tisch . Es war ihr unfaßbar , daß die flehentlichen Bitten Wilhelms und seiner Frau , Maria besuchen zu dürfen , von ihr unerhört blieben , und sie wurde nicht müde , ihren Unwillen darüber kundzutun . » Glaube mir « , erhielt sie endlich zur Antwort , » es würde mich verwöhnen , mich weich machen . « Maria preßte die flachen Hände an ihr Gesicht , dann hob sie den Kopf in ihrer alten stolzen Weise . » Ich aber muß standhaft bleiben . « Sie bewahrte einen unerschütterlichen Gleichmut ; sie schien blind und taub , wenn sie herausfordernden Mienen begegnete , wenn sich bei ihrem Anblick ein beleidigendes Zischeln erhob . Eines Tages im Spätherbste führte ihr Weg sie zu einer einzeln stehenden Hütte , deren uralte Bewohnerin von aller Not befreit war seit der Anwesenheit der Gräfin in Wolfsberg . Gekrümmt wie ein Bogen saß sie auf der Bank an ihrer Tür und lud Maria ein , neben ihr Platz zu nehmen . Sie begann damit , sich zu beklagen , daß die Kleidungsstücke , die sie aus dem Schloß erhalten hatte , nicht ganz nach ihrem Geschmack ausgefallen waren , sagte aber zuletzt doch einige Worte des Dankes . Auf ihren Stock gestützt , blickte sie zu Maria hinauf , die , von Abscheu ergriffen vor der affenartigen Häßlichkeit der Alten , unwillkürlich die Augen schloß . » Ja , was Sie jetzt anders geworden sind , daß Sie sich um uns kümmern « , sprach die Greisin ; » wie Sie noch zu Haus waren , ist Ihnen so was nicht eingfallen ... « Sie lächelte schadenfroh . » Na , wir werden Ihnen schon losbeten , meine Tochter und ich ; den anderen können Sie schenken , soviel Sie wollen , die beten doch nicht für Sie ... die schimpfen nur ... Was die aber selber tun , das sollen Sie von mir hören , hochgräfliche Gnaden , damit , wenn sich einer getraut , Ihnen etwas ins Gesicht zu sagen , Sie ihm ' s tüchtig zurückgeben können . « Sie erzählte . Sie lieferte