Wunsch , seinen Hut zu ergreifen und sich aus dem Staube zu machen , - da der Wunderknabe allzu sonderbare Selbstanklagen auftischte . Doch wirkte das Alles zuguterletzt nur komisch , da man es unmöglich für wirklich erlebt halten konnte . Um den Unglücklichen aus seiner Selbstmordstimmung zu reißen , forderte ihn Rother auf , mit ihm einen Nachtkneipen-Bummel zu machen . Mit genialischen Kraftmensch-Schritten wandelte alsbald der neue Mozart neben ihm her , wobei er oft eine drollige Anhänglichkeit an den Tag legte und sich mit begeisterter Handbewegung als » Rothers Schatten , Rothers Hündchen « bezeichnete . - - Als Rother sich am anderen Morgen in seinem Bett schläfrig dehnte , beschlich ihn das Gefühl einer gewissen seelischen Behaglichkeit . Die Wollust wirkte bei ihm wie eine homöopathische Kur für die ermattende Liebes-Ausleerung idealer Sehnsucht . Sobald er sich also der gemeinen Begierde hingegeben , entwich die ganze Pein seinem Innern und die äußerste Gleichgültigkeit ergriff ihn . Verschwunden war der ganze entschlossene wilde Kampftrieb der unglücklichen Liebe , und völlige Vergessenheit , kaltes Lethe , floß über ihn hin . So völlig bleibt der Mensch von seinen psychischen Nervenzuständen abhängig . Die Abtödtung der Nerven führt die Abtödtung der Leidenschaft mit sich : Wille und Leidenschaft schwächen sich in genau entsprechender Weise . Wer starken Willen hat , hat auch starke Leidenschaft . So bestimmen sich Beide gegenseitig und behindern sich theils , theils beflügeln sie einander . Beide aber sind abhängig vom Nervensystem . Selten wird daher ein Kummer sofort durch Arbeit überwunden . Es muß eine Schwächung des ganzen Menschen durch Extravaganz vorhergegangen sein . Gift wird nur durch Gegengift paralysirt . Nachdem der Geist durch Aufregung der Nerven die Seßhaftigkeit echter Arbeitskraft eingebüßt , fühlt er dann plötzlich diesen Trieb zurückströmen . Die Arbeit geht mit maschinenhafter Leichtigkeit von Statten . Was vorher schwer schien , wird jetzt federleicht . Das Stoßen der aufgeregten Gedanken , das vielfältige Durcheinander , bei dem es fortwährend heißt : » Was zuerst beginnen ! « hat aufgehört und mit größter Ruhe wird die Arbeit durchgeführt . Er beschloß , ruhig sein Kreuz auf sich zu nehmen , das Kommende abwartend . Das Einbohren in bestimmte Schmerzen , krankhaft in Ursache und Wirkung , wird wesentlich durch die Umstände und die Verhältnisse von Nerven und Magen hervorgerufen . Nach Tische , nach einem tüchtigen Spaziergang dürfte es einem gesunden Organismus schwerfallen , sich weltschmerzlichen und galligen Träumereien hinzugeben . Es sieht sich Alles verschieden an , mit leerem , oder mit vollem Magen . Eduard war fest davon überzeugt , daß ihm aus alledem die furchtbarsten Folgen erwachsen würden . Er schwebte in einer gewissen unbestimmten Angst vor irgend etwas Peinlichem oder Verderblichem , das ihn treffen sollte . Unaufhörlich stürmte er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab , bis ihm die Wadenadern schwollen und er sich müde aufs Sopha werfen mußte , indem er düstere Gedanken hin- und herwälzte . Er sollte Spießruthen der Lächerlichkeit laufen ; sein Name kam an die Oeffentlichkeit in komischem Sinne ; sein wahnsinniger Heirathsantrag wurde ruchbar : sein naturalistisches Mal-Prinzip wurde dem Spottepreis gegeben , seine vielen Feinde warteten ja nur darauf . So zermarterte er sein Hirn und schädigte seine Gesundheit , statt kalt und gelassen dem Kommenden ins Auge zu blicken . Allerdings kam ihm stets der Schlußgedanke zu statten , mit dem er seine Befürchtungen besänftigte . Mit unerschütterlichem Stolze wollte er der Welt Trotz bieten . Und auch ihr , wenn sie ihn verrieth . Der ganze Hochmuth des Künstlers brach sich wieder Bahn in ihm . Was konnte ihn treffen , welcher boshafte oder zürnende Blick ihm seine Ruhe rauben , welche Beschämung ihm das Blut in die Wangen treiben , - ihm , der als Künstler eine exceptionelle , Lebensauffassung besaß , welche alle kleinlichen Rücksichten der gewöhnlichen Gesellschaftsmoral und Respektabilität weit unter sich sah ! Den Kopf konnte es ja nicht kosten ! So wogt es in der Seele auf und ab . Was noch eben furchtbar drohend erschien , so lange draußen der Wind pfiff und Nervenermattung im Hirne Grillen erzeugte , erscheint im nächsten gefahrlos und gleichgültig . Ein gewisser unverzagter Trotz allen Gefahren und Unannehmlichkeiten gegenüber , verbunden mit vorhergehender doppelter Aufregung durch Phantasie-Vergrößerung des Drohenden , ist ein Merkmal bedeutender Geister . So sah der General Bonaparte seine Lage oft verzweifelter an , als seine Unterfeldherrn - aber trat die Gefahr nun wirklich nahe , so war er der Einzige , der sie abzuwenden wußte . Seine Unvorsichtigkeit peinigte ihn scharf genug , indem sein Argwohn sich überall von Spähern umzingelt wähnte , die seine schwachen Seiten belauerten . Es scheint ein trauriges Erbtheil ungewöhnlicher Menschen , daß sie ohne direkt eitel zu sein , doch stets wähnen , die Welt interessire sich selbst aus Bosheit für ihre Person und erspähe daher ihre Schwächen . Aber die Welt kennt ihre eigenen kleinen Lächerlichkeiten und faßt den bedeutenden Menschen gar nicht als so exceptionell auf , wie er sich selber . Sie lacht daher über seine Thorheiten , wie sie über die eines beliebigen Andern lachen würde , so daß der Hauptstachel fortfällt : Sie mißt seine Thorheit gar nicht nach dem Maßstab seiner geistigen Bedeutung . Und wie leicht vergißt die Welt das Gute wie das Böse ! Ein eigentümlicher Spleen ergriff ihn . Alles Wissen , Lernen und Können schien ihm nutzlos . Er verfluchte jede Minute , die er an ein Buch vergeudet , jede Arbeit , die nicht aus direkten Erwerb und Erfolg in der Welt hinauslief . Eine lächerliche Sucht machte sich in ihm geltend , die Gedanken rastlos auf nächstliegende Ziele zu concentriren und jedes Umherschweifen derselben abzuweisen . Er vergaß nur darüber , daß jede Meditation ein Ausruhen und Entlasten des Gehirns bedeutet und daher der Gedankenthätigkeit nutzt , und daß überhaupt jede noch so fernliegende Gedankenreihe irgend eine Vorstellung heraufbeschwört , die sich an ein näherliegendes Ziel werthvoll anknüpfen läßt .