Es war am Weihnachtsabend kurz vor dem Dunkelwerden . Tief eingeschneit lag die Heide , und von dem grauen Himmel rieselten neue Flockenmassen , da sah Paul , wie die Schwestern heimlich Hut und Mantel nahmen und zur Hintertür entwischen wollten . Er eilte ihnen nach und fragte : » Wohin ? « Da fingen sie zu weinen an , und Käthe sagte : » Bitte , bitte , frag uns nicht . « Er aber fühlte eine unheimliche Angst in sich erwachen , und sie an den Armen ergreifend , sagte er : » Ich bleibe hinter euch , wenn ihr mir nicht gesteht . « Da preßte Grete schluchzend hervor : » Wir gehen zu Mutters Grab . « Ein Grauen überlief ihn , daß sie - so die heilige Stätte betreten sollten , aber er hütete sich wohl , es ihnen zu zeigen . » Nein , Kinder , « sagte er , ihre Wangen streichelnd , » das duld ' ich nicht , es würde euch zu sehr erregen , auch liegt der Schnee sehr tief auf der Heide , und es wird gleich dunkel werden . « » Aber einer muß doch draußen gewesen sein , « sagte Käthe schüchtern , » heute zum Weihnachtsabend . « » Du hast Recht , Schwester , « erwiderte er , » ich werde selber gehen . Bleibt ihr beim Vater und zündet ihm ein paar Lichter an . So Gott will , bring ' ich euch Trost mit heim . « Sie ließen sich zureden und gingen ins Haus zurück . - Er aber zog sich einen warmen Rock an , setzte sich die Mütze auf und schritt in die Dämmerung hinaus . » Schließt ihr heute die Tore zu , « sagte er , bevor er den Hof verließ , denn er hatte eine dumpfe Ahnung , daß er erst spät in der Nacht heimkehren würde . Und wenn er sich im Schneegestöber umhertriebe - - Lautlos lag die weiße Heide ... Tief im Schoße des Schnees ruhten die welken Blumen , und wo sonst ein Wacholderbusch gestanden , erhob sich nun ein weißes Häuflein , anzuschauen wie ein Maulwurfshügel . Selbst die Stämme der Krüppelweiden trugen eine weiße Decke , doch nur an der Seite , von welcher her der Wind sie angeweht hatte . Mühsam schritt er auf der eingeschneiten Heide dahin , bei jedem Tritte bis über die Knöchel versinkend . In den Lüften zog hie und da mit dumpfem Flügelschlage eine Krähe , schwer gegen das Schneegestöber ankämpfend . Kein Weg , kein Steg war zu sehen ... Die einsamen drei Fichten , die in der Ferne wie schwarze Phantome gen Himmel ragten , waren das einzige Zeichen , nach dem sein Fuß sich richten konnte . Der goldgelbe Streif , der für wenige Momente am Rande des Horizonts aufgeflammt war , erlosch ; tiefer sanken die Schatten , und als Paul den Wall des Kirchhofs erreicht hatte , der wie eine gespenstische Mauer sich vor ihm auftürmte , war es vollends dunkel geworden , doch verbreitete der frisch gefallene Schnee einen ungewissen Dämmerschein , so daß er das Grab der Mutter alsbald zu finden hoffte . - Die Pforte war verschneit , verweht ; nirgends ein Eingang zu entdecken . So tastete er denn mühsam an der Hecke entlang , von der hie und da ein schwärzliches Ästlein seine dornigen Spitzen aus der weißen Hülle hervorstreckte , bis sein Arm tiefer in den Schnee hineinsank , ohne Widerstand zu finden . Dort wühlte er sich einen Weg in das Innere hinein . Mit dumpfem Rauschen grüßten die Fichten zu ihm hernieder , und ein Rabe , der im Schnee gehockt hatte , flog schwirrend auf und umkreiste ruhelos die Kronen , wie eine arme Seele , die keinen Frieden findet . Als er die eingeschneite Fläche in ihrem bleichen Einerlei vor seinen Blicken liegen sah , durchfuhr ihn ein Schreck , denn er sah kein Zeichen , an dem er das Grab der Mutter entdecken konnte . Ein Kreuz stand nicht an dem Hügel , denn er hatte noch kein Geld gehabt , eines anzuschaffen , der Hügel selbst aber lag tief in dem alles ebnenden Schneegefilde . Eine quälende Angst erfaßte ihn . Ihm war zumute , als hätte er nun auch das letzte verloren , was er auf der Welt besaß . Und mit zitternden Händen begann er den Schnee aufzuwühlen , von einem Hügel zum andern - ein langer Pfad , aus dem hie und da die Ecke eines Grabes , ein Kranz oder ein Lebensbäumchen in der Dämmerung zum Vorschein kam . » Hier schläft , « dieser , » hier schläft « jener - er wußte fast von jedem Grab , wer darunter die Ruhestatt gefunden hatte . Und endlich ritzte sich seine wühlende Hand an einem Glasscherben , der aus der Tiefe emportauchte ... Er hielt inne und tastete vorsichtig in der Runde ... Der Scherben war wohl der , den Grete im Frühherbst hinausgetragen hatte , um Astern darein zu setzen ; ein grüner Flaschenscherben mit scharfen , spitzen Kanten - ja , er war ' s. Noch staken die welken Stengel darin . Und daneben der Kranz , der Erikakranz , der steifgefroren wie ein steinerner Ring zum Vorschein kam , den hatte er selbst hierher gelegt , als er zum letztenmal draußen gewesen war . Wie er nun das Häuflein Schnee , das sein Teuerstes barg , so weiß und ruhig daliegen sah , fiel er auf die Knie und drückte sein glühendes Gesicht in den kühlen , weichen Flockenschaum . » Ich bin an allem schuld , Mutter , « klagte er , » ich hab ' nicht auf sie acht gegeben , ich hab ' sie verwildern lassen . Richte sie nicht , Mutter , sie wußten nicht , was sie taten ! ... Aber ich flehe zu dir , Mutter , laß du mich wissen , wie ich handeln