die weiße Schleierwolke geradeswegs durch den Gang in die Ecke da schoß , als ging es direktement ins Freie ' naus - ja prosit ! - da war die Welt mit Brettern verschlagen und das Schleierzeug zerflog und zerflatterte nur so an den Wänden - immer die nämliche Geschichte , seit die Frau tot ist und nicht in den Himmel kommen kann ! ... Nun ist aber da ein Luftloch gewesen , gerade weit genug , um so ein armes Weiberseelchen ' nauszulassen - das wär ' gut für die Herrschaft , und ihr wollte ich die Ruhe auch gönnen . Verdient hat sie ' s freilich nicht ; denn sie ist ' s doch gewesen , die ihren Liebsten ' rumgekriegt hat , daß er der ersten Frau sein Wort nicht halten durfte . An so einer Falschheit sind allemal die Weiber schuld , allemal ! « Der Zugwind trug jedes Wort deutlich herüber , und den stolzen Kommerzienrat mochte die Kritisierung seiner Vorfahren aus unberufenem Dienermund schwer ärgern - Margarete sah , wie er die geballte Hand hob , als wolle er den Sprecher züchtigen ; aber er ließ es bei einem zornigen : » Vorwärts ! sputet euch ! « bewenden , worauf der Kutscher erschrocken die Leiter anlehnte und zu dem Fensterchen emporkletterte , das ebenfalls möglichst verbarrikadiert wurde . Margarete verließ den Gang und trat für einen Moment in das nächste Fenster des Flursaales . Aus verschiedenen Fenstern des Vorderhauses fiel heller Lampenschein in den Hof , auf die sausenden Lindenwipfel und die spritzenden Wasser des Brunnens , und mit Schmerz sah das junge Mädchen , daß die steinerne Brunnennymphe über den vier wasserspeienden Röhren fehlte - der Sturm hatte auch sie herabgerissen , wie ein mächtiges Simsstück droben am Dache des spukhaften Flügels , über welche gähnende Lücke gerade ein breiter Lichtstreifen aus den oberen Flursaalfenstern hinlief . Droben wachte man auch . Sie sah plötzlich ihren Vater neben sich stehen , während die beiden Männer mit ihrer Leiter geräuschvoll hinter ihnen weg nach dem Ausgange trabten . Er legte seine Hand schwer auf die Schulter der Tochter und zeigte empor nach dem unbeweglich auf dem Dach liegenden Lampenschein . » Das sieht so still aus inmitten des Aufruhrs , so stolz ruhig wie die Bewohner unserer vornehmen oberen Etage selbst ... Wenn sie wüßten ! - Morgen wird es einen Sturm da oben geben , einen Sturm , so wild wie der , unter welchem eben unser altes Haus in seinen Fugen bebt ! « Tante Sophie kam eben mit der Laterne um die Gangecke und da brach er kurz ab . » Auf morgen denn , mein Kind ! « sagte er , dem jungen Mädchen die Hand drückend ; dann nahm er die Lampe vom Büffett und zog sich in sein Zimmer zurück . - - Nach Mitternacht legte sich der Sturm . Die Lichter in den Häusern der Stadt erloschen , und die geängstigte Bewohnerschaft suchte noch schleunigst die wohlverdiente Ruhe . Auch im Hause Lamprecht wurde es still ; nur Bärbe warf den Kopf in ihren buntgewürfelten Bettkissen hin und her und konnte vor Aerger nicht schlafen - es war eben kein richtiges , festes Glauben und auch kein Verlaß mehr in der Welt . Nun schwatzten die beiden dummen Menschen , der Kutscher und Friedrich , der Herrschaft auch » nach dem Munde « , und behaupteten , die Bilder seien es gewesen und erst hatten sie doch kreideweiß in der Küche gesessen und heilig und teuer geschworen , daß das Pochen und Stampfen oben im Gange nichts anderes als Teufelsspuk sein könne . Aber nur Geduld - es kam schon noch , es kam ! - Am anderen Morgen war es förmlich kirchenstill in den Lüften . Die Sonne übergoß alles Trümmerwerk , von den durchlöcherten Türmen und Kirchendächern an bis zum niedergeworfenen Gartenstaket herab , mit warmem gleißenden Gold und lockte ein wahres Brillantengefunkel aus den Scherben und Splittern der zerschlagenen Fensterscheiben . Ja , der » Spektakelmacher « hatte viel Unheil angerichtet , und die Handwerker hatten für die nächste Zeit vollauf zu thun , um den Schaden gutzumachen . Aus Dambach war auch beim Morgengrauen ein Bote mit Hiobsposten gekommen . Das Unwetter sollte die Fabrikgebäude dermaßen beschädigt haben , daß eine längere Betriebsstörung zu befürchten stand . Daraufhin war der Kommerzienrat in aller Frühe hinausgeritten . Er habe ganz frisch ausgesehen und auch erst in aller Ruhe seinen Kaffee getrunken , sagte Tante Sophie auf das ängstliche Befragen Margaretens hin , die noch geschlafen hatte . Freilich habe er eine Sorgenfalte zwischen den Augen gehabt ; es sei ja auch keine Kleinigkeit , wenn die Fabrik stille stehe , und außerdem müsse tief in den Beutel gegriffen werden , schon allein der Reparaturen an den Hintergebäuden wegen , denn da sehe es beim Tageslicht geradezu gottheillos aus . Margarete trat auf die Thürstufen des Seitenflügels hinaus und überblickte den verwüsteten Hof , und in diesem Augenblick kam auch der Herr Landrat , gestiefelt und gespornt , und die Reitgerte in der Hand , vom Vorderhause her und ging nach den Pferdeställen . Ob er den alten Mann in der That nicht bemerkte , oder ob auch für ihn das Prinzip im Vorderhause galt , nach welchem das Dasein der Packhausbewohner möglichst ignoriert wurde , genug , er trat unter die Stallthüre , ohne die höfliche Begrüßung des Malers Lenz zu erwidern , der in der Nähe des Brunnens stand . Der alte , weißhaarige Mann war , wie es schien , lediglich über den das ganze Packhaus absperrenden Trümmerhaufen geklettert , um die Bruchstücke der zerschlagenen Brunnennymphe zusammenzusuchen . Er hatte eben den Kopf des Steinbildes aus dem Grase aufgenommen , als Margarete zu ihm trat und ihm mit herzlichem Gruße die Hand hinstreckte . - Sie hatte ihn ja immer lieb gehabt , den stets heiteren , lebensfrohen , greisen Künstler , der mit so gutem , treuem Auge durch seine Brillengläser