hab ' ich mich an frische Luft gewöhnt . Ich muß täglich gehörig laufen ! « Jossele schüttelte den Kopf . » Du lügst mich an « , sagte er . Aber sein erster Verdacht war ungerecht gewesen , und eine andere Erklärung für die steifen Hände und die glänzenden Augen seines Lehrlings hatte er nicht - so mußte er denn diesen Anwurf wohl oder übel fallen lassen . Das aber wurmte ihn , und darum wurde er doppelt heftig . » Deshalb bist du doch schlecht ! « rief er so laut , wie man es kaum je von ihm gehört . » Und von mir kriegst du nie einen Heller ! Geh in die Welt , werd ' ein Schnorrer ! Da bekommst du für deine Späße Essen und noch ein paar Kreuzer dazu ... « » Schweigt ! « brauste Sender auf und ballte die Fäuste . » Ein Schnorrer ! « ... Nicht umsonst hatte ihn Rosel in der Anschauung erzogen , daß dies das erbärmlichste , jammervollste Gewerbe unter der Sonne sei . » Warum ? ! « sagte der kleine Mann höhnisch ; der Zorn , der lang zurückgehaltene Haß übermannte ihn . » War nicht dein Vater Mendele ein Schnorrer ? Und deine Mutter ... « » Meine Mutter ? ! « fiel ihm Sender heiser vor Wut ins Wort und trat dicht an ihn heran . » Wer was gegen meine Mutter sagt , den schlag ' ich nieder ! Und mein Vater ? Was geht ' s mich an , was aus Froim dem Schreiber geworden ist ? ... Denn Froim hat er geheißen und nicht Mendele . Er hat mich in die Welt gesetzt - ja ! aber wer so schlecht gegen meine arme Mutter war , den brauch ' ich nicht als Vater zu achten . Und vorgeworfen hat mir bisher noch niemand das Unglück , für das doch ich nichts kann . Ihr seid der erste - schämt Euch ! « ... Aber es bedurfte dieser Rüge nicht . Jossele Alpenroth schämte sich in diesem Augenblick ohnehin so sehr , daß er in die Erde hätte versinken mögen , freilich aus einem anderen Grunde , der aber noch viel triftiger war . Er war eben im Begriffe gewesen , eine Roheit zu begehen , die ihm niemand in Barnow verziehen hätte , geschweige denn Frau Rosel , die er so aufrichtig verehrte . Jedem einzelnen in der Gemeinde , auch ihm , hatte ja der Rabbi das Gelübde abgenommen , Sender niemals das Geheimnis seiner Geburt zu entdecken . » Es wär ' so schlecht und roh von euch « , hatte der Priester gesagt , » wie wenig anderes auf der Welt . « Und dieser Roheit , dieser Schlechtigkeit hatte er , Jossele Alpenroth , ein » feiner Mensch « , ein frommer Mann , ein Uhrmacher , sich eben schuldig machen wollen ! Freilich nur , weil ihm der Zorn die Besinnung geraubt - aber war dies eine Entschuldigung ? ! Er war fahl geworden und zusammengeknickt wie ein Taschenmesser . » Verzeih « , stammelte er , » ich ... « In derselben Haltung war vor fünf Minuten Sender vor ihm gestanden , als der Meister gesagt , er wisse um seine Schliche . Die beiden hatten ihre Rollen getauscht . Sender war noch zu erregt , um dessen inne zu werden . Schweratmend stand er da . » Schämt Euch ! « wiederholte er noch einmal . » Ich schäm ' mich ja ! « sagte der kleine Mann weinerlich , » und du darfst deiner Mutter nichts davon sagen ... « Da erst kam Sender der jähe Wechsel der Situation zum Bewußtsein . Jählings schlug nun auch seine Stimmung um , er fühlte einen Lachreiz in der Kehle . Aber er unterdrückte ihn und sagte finster : » Ihr aber werdet Ihr natürlich vom Eiruw erzählen und daß ich überhaupt nichts tauge ... « » Nein ! « beteuerte Jossele . » Hab ' ich ihr denn bisher was gesagt ? Also - es bleibt unter uns ? « Er streckte dem Lehrling die Hand hin . Aber dieser tat , als sähe er es nicht . Es überraschte ihn , wie zerknirscht der Meister nun war , er wußte es sich nicht recht zu erklären , aber das war Josseles Sache , und die seine war , aus dieser Wendung der Dinge Nutzen zu ziehen . » Ihr habt mich schwer gekränkt « , sagte er . » Ob ich als Uhrmacher was tauge oder nicht - gleichviel - ich bin ein ehrlicher Mensch wie Ihr ... Der Mutter will ich nichts davon sagen , es würde sie auch zu sehr kränken , aber einen Dritten wollen wir fragen , ob das recht war , mir vorzuwerfen , daß ich eines Schnorrers Sohn bin . Den Rabbi zum Beispiel , wenn es Euch recht ist ... « » Um Gottes willen ! « wehrte der Uhrmacher so entsetzt ab , daß ihn Sender ganz verblüfft anstarrte . » Nein « , fuhr der Meister fast atemlos fort . » Wir brauchen keinen Schiedsrichter ! Wir werden uns auch so vertragen . Du verzeihst mir und ich dir ! « Er ergriff Senders Hand und drückte sie . » Und was ich noch sagen wollt ' « , fuhr er fort , » du hast mich um einen kleinen Lohn gebeten ! Du verdienst ihn zwar eigentlich nicht - das heißt - hm ! Also - da du den ganzen Tag da sitzest - in Gottes Namen ... Womit wärest du denn zufrieden ? « Sender riß die Augen weit auf , ihm war ' s , als ob er träume ! Das hatte er nicht zu hoffen gewagt ! Wenn er sich vorhin gekränkter gestellt , als er war , so geschah es nur , um dem Meister in Zukunft nicht gar so hilflos gegenüberzustehen wie heute . Und nun bot