der Nachwelt erhalten zu werden , wenn er auf besagten Helden einen anderen Eindruck gemacht hätte , als den er gemacht hat ; und ebenso fragwürdig , ob der Held verdient hätte , dereinst biographisch behandelt zu werden , wenn er - auch abgesehen von einer zweimeiligen Fußwanderung - einem Vortrag über Goethes bildenden Einfluß auf das weibliche Geschlecht , müßig und mucksmäuschenstill sitzend , drei Viertelstunden lang zugehört hätte , ohne - versteht sich nur in seinem zweiten Stufenjahr ! - die Wirkung zu erfahren , die er erfuhr . Der brave Dezimus , er reißt die Augen auf und gähnt mit vorgehaltener Hand , wie es dem Zögling einer einstmals gräflichen Gouvernante ziemt ; aber immer schwerer nickt und immer tiefer sinkt sein dicker Kopf , jetzt hinunter bis zur türkischen Weste , jetzt bis auf die Arme , die sich über dem Pfeifertischchen kreuzen . » Ist er da ? « lallt er noch , dann fallen die Lider ihm zu , und er hört von der Beileidsbezeigung des großen Goethe und dem , was ihr vorangeht und nachfolgt , kein Sterbenswort . Er schläft ; er schläft wie ein junger Ratz ; er hat in seinem Leben noch nicht so fest - nein , das wäre zuviel behauptet - , aber er hat in seinem Leben nicht fester geschlafen . » Dieser Hirtensohn bekundet einen hohen Grad frühreifer Urteilskraft ! « bemerkte , keineswegs im Flüsterton , Fräulein Thusnelda gegen ihren Nachbar , den anverlobten Hausherrn , und der anverlobte Hausherr seufzte zur Erwiderung : » Beneidenswerter Stand der Unschuld ! « Weiter kam er nicht ; denn der Ästhetiker hatte eben das Heft zugeschlagen , die Reliquie wurde aus dem Busen gezogen , und : » Auf die Suppe folgt der Braten , « sagte Fräulein Thusnelda . Das Diktat , welches nunmehr zum Vortrag gebracht wurde , enthielt nur wenige schlichte Worte , wie ein Greis bei eines Greises Scheiden sie naturgemäß fühlt und sagt ; von einem anderen an eine andere gerichtet , würde , in beruhigter Gemütsstimmung , das Schreiben mit manchen ähnlich lautenden von dem Kaminfeuer verzehrt worden sein , dahingegen von einem Goethe diktiert und von eines Goethe eigener Hand unterzeichnet , es alle Aus sicht hat , die schwungvollsten Trauerkarmen und sogar das gelehrte Elaborat , zu welchem es den Impuls gegeben , um unberechenbare Generationen zu überdauern , ja einem edlen Weine gleich , mit jedem Lagerjahre an Wert zu steigen . Wie fühlte heute schon die glückliche Eignerin , trotz ihres Witwenunglücks , sich beneidet ! wie phantasievoll ergründete sie aber auch die geheimnisvolle Tiefe jeglichen Bindeworts , spürte unter dem gelassenen Redesatz den klopfen den Jugendpuls , schöpfte , ohne ihn zu erschöpfen , aus dem Born einer göttlichen Zeugungskraft . Der Drang nach einem weihevollen Abschluß des Seelenschmauses , bevor das kalte Abendbrot gereicht ward , ist unüberwindlich ; die edle Witwe erhebt sich ; sie war nicht nur eine Dichterin , sie war in gehobenen Momenten es auch aus dem Stegreife . Die Gesellschaft erwartete eine Improvisation . Die Dichterin wagt an ihre musikalische Kunstschwester die Bitte um leise Harfenbegleitung ; die Kunstschwester aber schüttelt schnöde die schwarzen Löckchen unter dem weißen Blumenhut , worauf hin wiederum die Dichterin wehmutsvoll die weißen Locken unter dem schwarzen Schleiertuch schüttelt und mit in die Höhe geschlagenem Blick , einer Seherin gleich , die himmlische Eingebung erwartet , als - - als die Tür sich auftut und - ja , das Glück kommt nicht bloß Märchenprinzen im Schlaf ! - und Er erscheint , Er ist da ! So gering auf einer mittleren Universität die Hörerzahl eines Astronomen auch nur sein kann , so gab es auf der unseren jener Zeit nicht bloß keinen gefeierteren , sondern auch keinen populäreren Lehrer als den alten Herrn mit dem sokratischen Satyrkopf und dem sokratischen Menschenherzen , und nicht Frau von Hartenstein allein strich den Tag , an welchem er ihr Haus zu flüchtiger Einkehr beehrte , rot im Kalender an . Heute scheuchte seine Begrüßung zum ersten Male die Sorgenwolken von ihrer Stirn , wenngleich er auch heute leider nur als Meteor am ästhetischen Firmament auftauchen sollte ; denn am wissenschaftlichen Firmament hatte sich eine totale Mondfinsternis angekündigt , und der Umgang mit großen und kleinen Himmelsregenten erzieht nun einmal eine Höflingsschule . » Indessen , « setzte er hinzu , indem er Fräulein von Werben , als einer alten Bekanntin , die Hand drückte , » ließ es mir doch keine Ruhe , Sie , Verehrteste , noch einmal zu sehen und , wenn es sein kann , zu hören . Denn es bleibt bei Ihrem Wort : unser beider Künste sind Schwestern , und welche von ihnen die ältere ist , ob die erste Harfe , welche ein Thebaner gestimmt , oder die erste Mondfinsternis , welche ein Chaldäer beobachtet hat , diesen zweifelhaften Vorrang wollen wir uns gegenseitig nicht streitig machen . Und darum , edle Thebanerin , rühren Sie Ihr Saitenspiel zu einer Weise , nach welcher der alte Chaldäer für den Rest seiner Nächte die himmlischen Leuchten harmonisch wandeln sehen wird . « In der nächsten Minute saß Fräulein von Werben zwischen der Hortensiengruppe hinter ihrer goldumrahmten Pedalharfe , vielleicht der klangvollsten und kostbarsten , welche Erards Meisterhand konstruiert hat . Während sie stimmte , sagte der Professor nachdenklich : » Seit ich Sie zum ersten Male hörte , es war in der Dresdener Hofkirche , und lange , lange ist es ja her , ich war fast noch ein Knabe , und Sie , Sie sangen damals noch - Thusnelda mit der Seraphsstimme ! wissen Sie wohl ? - , seitdem nun hat mir in mancher stillen Sternennacht eine alte italienische Hymne vor den Ohren gesummt , ja ich darf sagen , wie Sphärenrhythmus das Herz sehnsüchtig geschwellt . In Wirklichkeit habe ich die Melodie niemals wieder vernommen . Es wäre ein Wunder , wenn Sie sich ihrer noch erinnerten . « »